„Sieh, Mutter! die arme Taube zittert noch vor Furcht. Ich kann das Klopfen ihres kleinen Herzens fühlen. Sieh, wie weiß ihre Federn sind, und die Beine und Krallen sind rot wie Korallen. Was wollen wir damit thun, liebe Mutter?“

„Nun, wir wollen sie dem Koch geben, und du sollst sie zu Mittag essen,“ sagte die Mutter, das Kind scharf beobachtend.

„Ach, liebe Mutter, das wäre ja zu grausam!“ rief die kleine Elsa die Mutter ängstlich ansehend.

Als sie aber die Mutter lächeln sah, rief sie freudig: „Mutter, du hast mich wohl prüfen wollen, nicht wahr?“

„Ja, mein Kind,“ erwiderte die Mutter, „und es freut mich, daß du ein gutes, fühlendes Herz hast. Du darfst die Taube behalten. Stecke sie in einen Käfig, füttere sie gut, und gieb ihr frisches, klares Wasser und reinen Sand bis sie größer und stärker ist und herumfliegen kann, ohne den Raubvögeln zur Beute zu fallen.“

Die kleine Elsa hatte große Freude an ihrem Vogel. Bald wurde die Taube so zahm, daß die Thür des Käfigs immer offen stand, und bald flog sie ungehindert durchs Fenster ein und aus. Die Taube hatte das Kind so gern, daß sie es nie lange verließ, und wenn sie auch hoch oben auf dem Turme des Schlosses saß, flog sie herunter, sobald die kleine Elsa pfiff.

Die Mutter sagte oft: „Deine Taube gibt dir ein gutes Beispiel, sie ist so folgsam, daß ich hoffe, mein Töchterchen wird auch immer so schnell meinem Rufe folgen.“

Eines Tages kam die Witwe des Ritters von Hohenburg, mit ihrer Tochter Emma in das Schloß. Die Dame schien sehr traurig, und als sie den Ritter von Falkenburg sah, rief sie ihm zu:

„Edler Ritter, als mein geliebter Mann so jung an einer gefährlichen Wunde sterben mußte, hieß er mich zu Ihnen kommen, wenn ich je Hülfe brauchte. Er sagte mir: ‚Der Ritter von Falkenburg ist ebenso gut wie tapfer, und, da du weder Vater noch Bruder hast, mußt du ihn zu Hülfe rufen, wenn du deren bedarfst.‘ Meine zwei Nachbarn sind beide sehr schlecht; der eine nimmt mir meine schönen Wälder, und der andere nimmt mein Korn und mein Gras. Wenn ich klage, lachen sie beide, und da ich keine Verwandten habe, und ganz allein mit meiner Tochter und einigen treuen Bedienten wohne, denken die bösen Ritter, daß sie thun können, was ihnen beliebt. Helfen Sie mir, Herr Ritter, sonst wird mir und meinem Kinde bald nichts mehr bleiben.“