Aus allen Ländern der Welt kamen Reisende nach der Stadt des Kaisers und bewunderten diese, das Schloß und den Garten. Doch wenn sie die Nachtigall zu hören bekamen, sagten sie alle: „Das ist doch das beste!“
Die Reisenden erzählten davon, wenn sie nach Hause kamen, und die Gelehrten schrieben viele Bücher über die Stadt, das Schloß und den Garten. Aber auch die Nachtigall vergaßen sie nicht: die wurde am höchsten gestellt, und die, welche dichten konnten, schrieben die herrlichsten Gedichte über die Nachtigall im Walde bei dem tiefen See.
Die Bücher durchliefen die Welt, und einige davon kamen auch einmal zum Kaiser. Er saß in seinem goldenen Stuhle und las und las, jeden Augenblick nickte er mit dem Kopfe, denn es freute ihn, die prächtigen Beschreibungen der Stadt, des Schlosses und des Gartens zu vernehmen. „Aber die Nachtigall ist doch das allerbeste!“ stand da geschrieben.
„Was ist das?“ sagte der Kaiser. „Die Nachtigall kenne ich ja gar nicht! Ist ein solcher Vogel in meinem Kaiserreiche und sogar in meinem Garten? Das habe ich nie gehört! So etwas erst aus Büchern zu erfahren!“
Und hierauf rief er seinen Kavalier. Der war so vornehm, daß, wenn jemand, der geringer als er war, mit ihm zu sprechen oder ihn nach etwas zu fragen wagte, er weiter nichts erwiderte als: „P!“ und „das hat nichts zu bedeuten“.
„Hier soll ja ein höchst merkwürdiger Vogel sein, welcher Nachtigall genannt wird!“ sagte der Kaiser. „Man sagt, dies sei das allerbeste in meinem großen Reiche. Weshalb hat man mir nie etwas davon gesagt?“
„Ich habe ihn früher nie nennen hören!“ sagte der Kavalier. „Er ist nie bei Hofe vorgestellt worden!“
„Ich will, daß er heute abend herkommen und vor mir singen soll!“ sagte der Kaiser. „Die ganze Welt weiß, was ich habe, und ich weiß es nicht!“
„Ich habe ihn früher nie nennen hören!“ sagte der Kavalier. „Ich werde ihn suchen, ich werde ihn finden!“ —
Aber wo war der zu finden? Der Kavalier lief alle Treppen auf und nieder, durch Säle und Gänge, aber keiner von allen denen, auf die er traf, hatte von der Nachtigall sprechen hören. Und der Kavalier lief wieder zum Kaiser und sagte, daß es sicher eine Fabel von denen sein müßte, die da Bücher schrieben. „Dero Kaiserliche Majestät können gar nicht glauben, was alles geschrieben wird! Das sind Erdichtungen und etwas, was man die schwarze Kunst nennt.“