Der Capitain hatte unterdessen wieder Besinnung und Ruhe gewonnen; er näherte sich der Königinn des Balles zwar Anfangs mit einiger Schüchternheit, die ihm jedoch recht gut ließ, aber nach und nach ward er unbefangener; er nannte Hulda seine schöne Nachbarinn, und machte ihr im Scherz Vorwürfe über die Härte, mit der sie ihre armen Blumen auf dem Balkon habe bisher verschmachten lassen. Gestern, meinte er, hätten sie von ihrer stiefmütterlichen Milde die ersten Tröpfchen Wasser endlich einmal bekommen, und so viel er von Weitem erkenne, wären doch Blumen darunter, die täglich wollten begossen seyn. Die schöne Zeit ihrer Blüthe, setzte er mit einem halb unterdrückten Seufzer hinzu: dauert ja ohnehin nur einige Wochen noch; dann sind sie vergangen, und dann ruft sie die herzlichste Pflege nicht wieder in das Leben zurück.
Hulda — kein Mensch in der Welt hatte sie die Spitzbuben Sprache der Liebe gelehrt, aber, so sind die allerdurchtriebensten Spitzbuben unter der Sonne, die Mädchen, wenn es die Linguistik des Herzens gilt; Schlauköpfchen Hulda verstand jedes Wort.
Nach ihrer Grammaire übersetzte sie sich die sinnige Rede des jungen Capitains, den sie jetzt in der Nähe noch viel tausendmal liebenswürdiger fand, und dessen schönes, reines Deutsch ihrem Ohr unbeschreiblich wohlklingend lautete, also: Seit ich im Hafen liege, bist Du ein einziges Mal nur auf Deinem Balkon sichtbar gewesen. Ich sehne mich nach Dir, wie deine Blumen nach frischem Wasser; in Kurzem lichte ich die Anker. Sey barmherzig, und schenke mir bis dahin die Freude, Dich zu sehen, täglich.
Es entspann sich von da ab, das Gespräch immer lebendiger, beide waren bald wie vertraute Bekannte; in dem ganzen Wesen des jungen Seemannes lag so etwas herzliches, offenes, biederes, und Hulda, das reizende Himmelskind, ward so ungebunden, und entfaltete ihren tiefen Werth mit solcher Anmuth, und gab sich ihm so natürlich hin, daß der Handelsgerichts-Direktor, der Beide von Ferne bemerkte, zu Gustchen und deren Bräutigam sagte: Kinder, die da drüben segeln vor dem Winde[22], das Schiffchen lüstert auf’s Steuer, wie ein Häring[23].
Je mehr der Ueberglückliche das Mädchen ansah, desto bestimmter überzeugte er sich, dieses Gesicht schon irgendwo im Leben gesehen zu haben, nur war es, wie ihm dünkte, blässer, und vielleicht etwas weniger schön gewesen. Er sann und sann, aber das war ja nicht möglich. Es war dieß der erste europäische Hafen, den er besuchte, und Hulda war keine zehn Meilen über die Küste des Meeres hinaus gekommen.
Endlich — ja, jetzt hatte er es. Ein musterhaft gearbeitetes Miniatur-Bild mit goldenem Reif — bei seinem verstorbenen Vater hatte er es einmal — doch eben begann der muntere Walzer.
Brust an Brust, Auge im Auge, die Arme süß verschlungen, drehte das bildschöne Paar, im getäfelten spiegelglatten Saale lustig auf und ab, daß die rasche Musik kaum Athem hatte, den beiden sausenden Wirbelwinden zu folgen. Wie eine Luft-Säule um ihre Achse mit Schnelligkeit sich dreht, und dabei immer weiter und weiter von dannen braus’t, wie der gewaltsame Küsel[24] auf des Meeres Spiegelfläche, so luftig und leicht flogen sie, eng in einander verschränkt, dahin, und entzückten, durch ihre zauberische Anmuth, den ganzen Saal. Selbst Caspar, der bei einem Ausfluge nach Paris, Anatole und die Bigottini, den gewandten Hoguet und die vierte Grazie, die liebliche Lemiere, und in London die Milanie und Lupino gesehen hatte, und alles, was nicht von daher war, gern herabwürdigte, gerieth über die Federkraft dieses Zephyrpaares in eine solche Exstase, daß er, von der haardünnen Scheitel bis zu den schlotternden Knieen, ein hüpfendes Zucken im ganzen Leibe verspürte, und jetzt gern mitgetanzt hätte, wenn die kranken Röhren seiner schwachen Gebeine solches zu leisten nur irgend im Stande gewesen wären.
Er trat, als der Walzer endete, näher zu Hulda, und wollte ihr etwas Schönes sagen, aber es war ihr, als überflöge sie ein eisiger Reif, so kalt wurden ihr Stirn und Wange, Hals und Busen, in der Nähe des englischen Narren. Den Capitain ignorirte er, das war, meinte er, brittische Sitte; wollte der Mensch Bekanntschaft mit ihm machen, so konnte er ihn anreden; aber dazu schien der Mexikaner nicht viel Lust zu haben. Hulda hatte Casperchen stehen lassen, ein Gleiches that der Capitain; diese suchte dafür Hulda auf, und setzte sich auf den neben ihr befindlichen Sessel.
Die deutschen Engländer sind mir in den Tod zuwider, sagte Hulda: der Mensch ist bei uns geboren und erzogen, ein Paar Jahre nur in London gewesen, und thut nun, als ob er von seiner lieben Muttersprache kein Wort mehr kennte.
Unsere Eskimo’s, hob der Capitain lachend an, sehen nicht viel besser aus; ziehen sie dem Patron einen grönländischen Frack von Seehundsfellen an, so haben Sie in dem olivenfarbenen Gesichte mit dem starren, dünnen kohlenschwarzen Haar, einen Grand von Labrador, wie er leibt und lebt.