Was ist Ihnen, Freund? fragte Woldemar, der Bräutigam, mit milder Rede: Auguste hat mir mitgetheilt, was Sie ihr vertraut; seyn Sie offen gegen uns, wir meinen es ehrlich und gut; was ist Ihnen?
Nichts, nichts, entgegnete Alonso wehmüthig lächelnd: ich dachte nur an meinen Vater! wenn der noch lebte, und ich führte ihm Hulda als Tochter zu — ich kenne kein seligeres Glück. Laßt, ich bitte Euch Kinder, laßt Euch durch das sonderbare Gefühl, was mich überrascht hat, in Eurer Freude nicht stören. Auf der ganzen Erde, in Eurer alten und in meiner neuen Welt, habe ich Niemand, der die entsetzliche Leere füllt, die mir das Herz so weit und so öde macht; ich habe mich in Arbeit und Geschäfte gestürzt, und meinte, darüber das himmlische Sehnen zu vergessen, was mit süßem Schmerze die Brust mir zerquält. Aber an all dem Gelde, womit Fleiß und Ordnung sich bei uns so reichlich belohnt sehen, konnte ich keine Freude haben; es fehlte mir immer und immer, was ich zu nennen nicht vermochte, da sah ich Euch Beide, vom trauten Familienkreise umschlossen, täglich im Arme bräutlicher Liebe, hörte von Euren Lippen Euer Glück preisen, las in Euern Augen Euer neidenswerthes Loos, und wußte nun, was mir gefehlt hatte. Hulda — Ihr kennt ja die Scham der Liebe; sie kann und mag die Geschichte ihres Geheimnisses nicht verrathen; ich weiß auch selbst nicht mehr, wie das Alles kam; aber wie ich sie das Erstemal sah — mein Vater, ich war noch Kind, als er starb, aber jene Stunde, die letzte seines Lebens, werde ich nie vergessen — der ließ sich von Manuel, seinem treuen Sclaven, aus dem Wand-Schränkchen, wozu er Schlüssel unterm Kopfkissen hervorholte, ein Miniaturgemälde bringen — ich sehe es noch vor mir; ein schön gestalteter Frauenkopf; vor allem fiel mir die Lockenpracht des dunkelen Haares auf; accurat so hatte mein Vater einen Onyx, auf dem sich eine herrliche Camee der Julia, der Tochter des Kaisers August befand; mit kindischer Neugierde fragte ich ihn, ob das die Kaisertochter Julia sey; aber, als ich das schwarze brennende Auge sah, und die Purpurlippen und das Lächeln in den Mundwinkeln, da meinte ich, es sey wohl meine selige Mutter, denn so hatte Manuel mir sie oft beschrieben, der sie gesehen, als sie mit dem Vater eben aus Europa gekommen war.
Sie sollte es seyn, entgegnete mein Vater, und betrachtete das Bild lange mit thränenschwerem Auge, und drückte es an seine, in leisen Todesschauern zuckenden Lippen. Seitdem habe ich das Bild nie wieder gesehen, ich weiß auch nicht, wohin es nach dem Tode des Vaters kam, aber die sanften Züge dieses himmlischen Gesichts, waren mir geblieben; allmählich war die Idee an die wunderschöne Kaisertochter und an die Mutter, aus meiner Seele geschwunden, und an beider Stelle ein Wesen mir vor die Phantasie getreten, das meine Heilige ward. Ich sah es in meinen Träumen, ich liebte es als meinen Schutzgeist, bis ich nach und nach älter ward, und dieß Nebelbild meiner jugendlichen Schwärmereien allmählich aus dem Gedächtnisse verlor. Aber als ich hier Hulda das erste Mal sah, das schwarzbraune Haar in Flechten und Locken wie die Camee der römischen Kaisertochter; die seelenvollen großen Augen unter den schön geschweiften Bogen; die würzigen Lippen; den Carmin auf der pfirsichsammetnen Wange, den zartgeformten Hals; die volle, in frommer Keuschheit ruhig wogende Schwanenbrust, und über das alles den Geist der höchsten Anmuth, den Himmelsglanz der reinsten Unschuld, den unnennbaren Zauber der süßesten Liebe, da hatte ich meinen Schutzgeist, die Heilige meiner Jugend wiedergefunden. Sie oder keine! hat mein Herz laut gesprochen. Jetzt wißt Ihr, meine Freunde, wie es mit mir steht! helft mir, mein Glück mit erringen. Ohne Hulda kann ich nicht leben.
Der Bräutigam schloß Alonso herzlich an seine Brust, und stimmte in Gustchens Versicherung ein, daß, so viel sie wüßten, Hulda’s Herz noch frei sey, und — doch sie trat mit Emma, Gustchens Schwester, eben selbst in das Kabinet. Beide Mädchen hatten das Brautpaar in allen Zimmern gesucht, und Hulda war nicht wenig überrascht, dasselbe in tiefem und wie es schien, in recht ernstem Gespräch mit Alonso verloren, hier zu finden.
Wir sprechen von Ihnen, hob Alonso an und erfaßte ihre Hand, und machte ein so feierliches Gesicht dazu, daß Gustchen angst und bange wurde, denn sie meinte, er würde gleich auf dem Fleck um Hulda förmlich anhalten. Bei Unterhaltungen dieser Art war, nach ihrer Ansicht, jeder Zeuge lästig; sie entfernte sich also mit ihrem Bräutigam und Emma heimlich, und Alonso wußte dieß ihr Dank, denn er mußte seinem Herzen Luft machen, und Hulda sagen, wie unendlich er sie liebe.
Hulda hörte ihm mit stillem Wohlgefallen zu; er sprach mit sanfter, ernster Rede, wie es dem Manne ziemt, wenn er das heilige Geheimniß seines Herzens dem Mädchen gesteht, das er sich zur Lebensgefährtinn erkohr. Sie wußte selbst nicht, wie ihr geschah; sie hörte das Geständniß seiner Liebe mit einer Fassung, als wäre sie darauf vorbereitet. — Sie war es ja auch wirklich; sein Benehmen, seine Blicke hatten ihr ja längst gesagt, was jetzt seine Lippen mit so reizender Schüchternheit wiederholten. Er setzte ihr mit der Offenheit, die er ihr als rechtlicher Mann schuldig war, die Lage seiner Umstände aus einander, und aus seinen schlichten Aeußerungen über diesen Punkt, der ihr, einzig und allein um der Eltern willen, der Berücksichtigung nicht unwerth zu seyn schien, konnte sie wohl abnehmen, daß Alonso, in seinem Vaterlande, in welchem Personen von zehn und zwölf Millionen Piastern[27] nichts Seltenes sind, nicht der Aermste war, und einen ganz vorzüglichen Werth legte sie auf den Schluß seines Antrages, in welchem er sich erbot, seinen Wohnsitz, wenn es ihr in Mexico nicht gefallen sollte, künftig nach Europa, an jeden ihr beliebigen Ort verlegen zu wollen. An ihrer Seite, meine Hulda, setzte er herzlich und mit unbeschreiblicher Zartheit hinzu: werde ich in den milden Bambuswäldern von Loxa, wie in den wüsten Steppen des goldreichen Choco, in den ewig sanften Frühlingsländern von Xaleppa und Tasco, wie zwischen den grauenhaften todtenstillen Eiswänden auf Smeerenborg an der Spitze des Nordpols, glücklich und zufrieden leben; Sie schaffen mir in der neuen, wie in der alten Welt, mein Paradies, und eben so wenig, als der Vulkan von Masaya, dessen goldige Flammensäule, beständig und immer, zwanzig Meilen weit in das Land leuchtet, seines Feuerstrahls je beraubt werden wird, eben so wenig wird die Gluth meiner Liebe je verl —
Herr Kapitain, unterbrach ihn Hulda mädchenhaft züchtig, und schlug den Zauberblick ihrer zärtlichen Augen, in welchen das Entzücken der Liebe lächelte, vor dem lodernden Liebesvulkan zur Erde nieder: Sie sehen mich heute zum ersten Mal; diese Raschheit — ich weiß nicht —
Entschuldigen Sie diese, hob Alonso bittend an, und legte ihre Hand auf sein stürmisch bewegtes Herz: mit der heißen Zone meines Geburtlandes; dort, wo die Ananas und der Pisang, das Zuckerrohr und die Fächerpalme, die Sie hier nur mit Glasfenstern und Oefen treiben, wild wachsen, wo alle, auch hier heimische Früchte, saftreicher und frischer gedeihen, wo manches, wie z. B. die Mimosen, die Sie hier im Blumentopfe als ärmliches Pflänzchen ziehen, mannhohes Buschwerk ist, wo die Tannen, wie z. B. auf dem Olymp in Neugeorgien, eine Höhe von dreihundert Fuß erreichen, dort sind auch die Menschen anders; ihre Leidenschaft ist glühender, ihr Handeln rascher, ihr Wirken kräftiger. Langes Zaudern, wie es das Ceremonielle der europäischen Sitte verlangen mag, verstattet mir meine Lage nicht. Schlagen Sie ein, meine einzige Hulda; mein Herz ist gediegen und schlackenfrei, wie das Gold im Berge Ilimani,[28] krystallrein meine Seele, gesund und frisch mein Blut; Gott sey mein Zeuge, daß ich Keine liebe, als nur Sie; die allererste Liebe, Hulda, Himmelskind, sind Sie, und neben Ihnen kann ich Keine denken.
Er umschlang das wunderschöne Mädchen, das in süßer Verwirrung sich vergaß und, ohne es zu wissen, das schmachtende Auge zu ihm aufhob, und ihm, mit beredtem Blicke, seine Gegenliebe schweigend gestand; da zog der Ueberglückliche die Heißgeliebte enger an die, in Freude und Seligkeit überströmende Brust, und die stummen Lippen näherten sich einander zum feierlichen Verlobung-K —
Aber Kinder, rief der Bräutigam, und klatschte lachend in die Hände, daß Beide auseinander prallten: der ganze Ball fragt nach dem Herrn Mexicaner und nach Ihnen, meine Hulda, und unterdessen steht Ihr hier, am fernsten Ende des Hauses, und raspelt mit einander Süßholz! Ja, wenn man heut zu Tage das junge Volk nur eine Minute aus den Augen läßt! Geben Sie mir den Arm, Hulda, und Sie, Capitain, folgen in einer Weile nach.