Wieder besser? fragte Alonso zärtlich besorgt und steckte den braunen Lockenkopf zur Thür herein, und in Hulda’s freundlichem Lächeln lag die Versicherung ihrer völligen Genesung; sie hatte ihm ungeheuer Unrecht gethan, und mußte das schon ein Bischen wieder gut machen; sie bot ihm die zarte weiche Hand, und — der Mensch ist seiner nicht immer mächtig — und drückte seine Rechte zum Dank für seine Theilnahme recht herzlich; dieser sanfte Druck, so unmerklich er auch seyn mochte, schlug in das südamerikanische glühende Blut so allmächtig ein, daß Alonso, überglücklich, Hulda’s Händchen mit leidenschaftlicher Heftigkeit an seine Lippen zog, und komisch naiv versicherte, daß er ihrer Unpäßlichkeit noch recht viele kleine Rückfälle wünsche; denn Krankheiten dieser Symptome machten sie unendlich liebenswürdig. Der schuldlose Mensch! hätte er nur ihre Krankheit gekannt!

Der Bediente, der jetzt meldete, daß der Wagen vorgefahren sey, setzte Hulda in unbeschreibliche Verlegenheit. Gustchen, das Alma’s Erzählung mit angehört, und sich aus dieser Hulda’s plötzliches Erkranken sattsam erklärt hatte, that, aus neckender Schadenfreude, der Gepreßten nicht den Gefallen, ihr zum Bleiben zuzureden. Alma aber, das schlaue Kind, das sich, die beiden Menschen einander gegenüber, Hulda’s schnelles Uebelbefinden, die Heilkraft ihrer Erzählung, und Hulda’s Freundlichkeit gegen Alonso, in der eine förmliche Abbitte für begangenes schweres Unrecht lag, mit mathematischer Gewißheit aus einandersetzte, sagte zum Bedienten mit einem launigen Seitenblick auf Hulda: wir sind jetzt wieder besser, der Wagen kann abbestellt werden. Gott gebe, setzte die Scharfsichtige, als der Bediente abgetreten war, hinzu, und sah dabei recht drohend aus: Gott gebe, daß wir auf immer kurirt sind.

Gustchen lachte laut auf, und klatschte vor Freude über Alma’s tiefen Blick in die Hände; Hulda aber sagte, halb böse: das ist nicht hübsch von Euch; sie legte das erglühende Gesichtchen auf Alma’s Achsel, denn sie schämte sich vor den beiden Mädchen, denen die Geschichte der viertelstündigen Krankheit und Genesung das Geheimniß ihrer unendlichen Liebe, so wie die Gewalt der Eifersucht über ihr armes Herz, verrathen hatte.

Mein liebreizendes Mädchen, flisterte ihr Alma, die Purpurwange streichelnd, heimlich in das Ohr: zieh hin in Frieden, und hüte Dich vor solchem Krankwerden. Dein Mexikaner ist entsetzlich hübsch, dem kann kein Mädchen gram seyn; wehrst Du der Eifersucht nicht, so stirbst Du in den ersten acht Tagen nach der Hochzeit.

Haben Sie Anfälle der Art schon öfter gehabt? fragte Alonso mit gutmüthiger Besorglichkeit. Alle drei Mädchen mußten ihm in das Gesicht lachen, und Alma versicherte, daß dieß der guten Hulda zum ersten Male in ihrem Leben widerfahren sey; dießmal habe sie die arme Kranke geheilt, hinsichtlich der Zukunft aber hänge es vorzüglich von ihm ab, ob sich der Anlaß zu öfteren Rückfällen zeigen werde.

Aber Alma, rief Hulda verlegen und unwillig, und eilte, um den Neckereien der beiden heillosen Mädchen zu entkommen, in den Saal; Alonso, dem dieß alles Hieroglyphen waren, fragte Gustchen scherzend, ob er verrathen oder verkauft sey, und diese entgegnete ihm mit schäkerndem Muthwillen: verrathen und verkauft.

Ein kurzer Trompetenschmetter rief zur langen Tafel. Alonso, dem dieses europäische Speisesignal fremd war, fragte Alma nach der Bedeutung desselben, und während ihm diese erklärte, daß der Trompetenschall für jeden Herrn das Zeichen sey, der Dame, neben der er bei Tafel sitzen sollte, den Arm zu bieten, und sie in den Speisesaal zu führen, war Casperchen gekommen, und hatte der erschrockenen Hulda eröffnet, daß ihm das Glück zu Theil worden sey, für diesen Abend ihr Tischnachbar zu seyn; Alma, die im Gespräch mit Alonso, davon so wenig, als dieser selbst bemerkt hatte, ward von einem jungen Herrn abgeholt; Gustchen flog bereits mit ihrem Bräutigam der Tafel zu, und Alonso, der jetzt allein im Ballsaale stand, und sich in der süßen Hoffnung, neben Hulda zu sitzen, nach dieser umsah, bekam vor Unmuth fast eine Ohnmacht, als Hafen-Capitains unausstehliches Linchen auf ihn zueilte, sich Glück wünschte, vom umsichtigen Wirth des Hauses, einem so interessanten Manne, zur Tischnachbarinn bestimmt zu seyn, ihn um seinen Arm bat, und die Versicherung hinzufügte, daß sie sich über alle Maßen freue, recht viel von seinem Vaterlande zu hören, daß Neuspanien ihr Lieblingsland, und es, von ihrer frühesten Jugend an, ihr höchster Wunsch sey, in jenen herrlichen Gefilden, wo Gold und Silber, wie hier zu Lande die Feldsteine, umher lägen, das Hüttchen ihres häuslichen Friedens für immer zu bauen.

Der häßliche Mischmasch mit den Tischplätzen war von Suschen und Linchen gekartet worden. Caspar hatte, nach Gustchens Anordnung neben letzterer, und Alonso, wie sich von selbst verstand, neben Hulda sitzen sollen. Casperchen aber erklärte seiner Schwester, daß, wenn er nicht neben Hulda zu sitzen komme, er gleich nach Hause fahre, und Linchen steckte Suschen, der junge Mexikaner habe sich recht bitterlich bei ihr beklagt, beim Tische ihre Nachbarschaft einzubüßen, und so hatte denn Maklers Suschen den Wechsel der Plätze eigenmächtig veranstaltet, und freute sich, dem Bruder der Freundinn und dem armen Capitain geholfen zu haben; auch Hulda, meinte sie, werde ihr heimlich Dank wissen, denn was konnte ihr an dem Amerikaner liegen, der in wenigen Tagen, vielleicht auf ewig, wieder in See stach, statt daß Casperchen sich mit seinem in London ihm zugeströmten Gelde hier niederließ, und nach dem, zwischen den beiden Müttern längst verabredeten, der armen Hulda aber noch nicht bekannten Plane, dieser ehestens seine Hand zu bieten bestimmt war.