Hulda aß, vor Unmuth über den unwillkommenen Nachbar, an dessen Stelle sie sich einen ganz andern gedacht hatte, keinen Bissen, und sprach kein Wort. Casperchen erzählte ihr von London, von seinen Geschäften und von seinem Gelde, lobte ihre schöne, weiße Haut und ihr Fleisch, und versicherte recht spaßhafter Weise, daß eine Brittinn, mit der er eine kleine vorübergehende Liebschaft gehabt habe, ihr ähnlich sehe, wie eine Schwester der andern, ließ nicht undeutlich fallen, daß er, des Herumschwärmens müde, nunmehr in den Stand der heiligen Ehe zu treten, nicht übel Willens sey, daß er, wie er sich recht zart ausdrückte, glaube, seine Hörner abgelaufen zu haben, und nun eine Frau suche, die sich in der Welt zu zeigen wisse, ihn seinen Gang gehen lasse, und dabei so hübsch sey, daß sich alle Leute wundern müßten, wie er zu der schönen Frau kam.

Hulda hörte von dem unerträglichen Gespräche keine Sylbe; sie sah links weg; schräg über, weit unten am Ende der fast unabsehbaren langen Tafel, saß Alonso; er aß und trank, als sollte er von morgen an, zeitlebens auf der Hungerinsel Kodiak hausen; man sah es ihm an, er aß und trank nur aus Verdruß. Der zudringlichen Karoline, die ihn mit tausend Fragen peinigte, antwortete er nur mit Kopfnicken oder Schütteln, denn sprechen konnte er nicht, weil er beständig entweder volle Backen, oder das Glas am Munde hatte. So ärgerlich Hulda auch war, sie mußte doch über ihn lachen; je zärtlicher ihm Karoline zusetzte, desto größere Bissen steckte er sich in den Mund; je deutlicher die Ausbrüche ihres Liebesdranges wurden, in desto längeren Zügen schlürfte er seinen Wein, so daß, als sie alle Register vergeblich gezogen hatte, und er auf alles nichts, oder höchstens ein kurzes hm, erwiederte, sie eher neben einem Kannibalen, als neben einem Neuspanier zu sitzen wähnte.

Jetzt kam — der Spaßvogel, der Herr Oberkonstabler hatte die witzige Gesundheit:

Es lebe, wer gern trinkt und liebt,

Und seiner Nachbarinn ein Küßchen giebt

ausgebracht, — die Reihe an Alonso. Linchen machte die Schalkhafte; sie breitete die Serviette, wie einen Vorhang, zwischen sich und ihm, und versteckte sich schäkernd dahinter, den Sturm des liebeglühenden Amerikaners mit Verlangen erwartend. Alonso aber that, als habe er von der ganzen Gesundheit keine Sylbe gehört, und als Linchen des längern Harrens müde, den zärtlichen Schelmenblick über den obern Rand ihres Keuschheitserviettchens warf, saß er ganz ruhig und bearbeitete die gutgespickte Brust eines feisten Fasans, mit unendlichem Appetite; die Umsitzenden lachten laut, und Linchen schmollte mit dem mexikanischen Klotze, wie sie ihn nun nannte, von Grund des Herzens.

Gustchen, das am ganz entgegengesetzten Ende der Tafel saß, und in der Meinung stand, Alonso und Hulda im traulichsten Gespräch zusammen zu finden, erstaunte, als sie jetzt an des Bräutigams Arm die Runde machte, um mit den Gästen ihres Vaters ein freundliches Tischwort zu wechseln, nicht wenig, Freund Alonso hier neben Hafencapitains Linchen, und drüben schräg über, Hulda neben Casperchen zu finden. Sie fragte Alonso heimlich, was ihn bewog, seinen Platz, den sie ihm neben Hulda bestimmte, zu wechseln; dieser aber, da er hörte, daß ihm sein Recht, durch die Eigenmächtigkeit eines Dritten, gekürzt wurde, sprang auf, eilte, mit zornfunkelnder Röthe im ganzen Gesichte, zu Casperchen, tippte ihm so kräftig auf die Achseln, daß dieser noch acht Tage daran zu fühlen hatte, und ersuchte ihn, augenblicklich aufzustehen, und ihm Platz zu machen. Hulda zitterte vor Schreck am ganzen Körper, Casperchen aber sah sich um, affektirte den Unbefangenen, und that, als verstände er die sonderbare Zumuthung nicht.

Herr, sagte Alonso, seiner Wuth fast nicht mehr Meister: ich breche Ihnen hier auf dem Fleck Ihre kranken morschen Knochen in einander, wenn Sie mir nicht den Augenblick meinen Platz räumen. Zaudern Sie nur eine Sekunde, so trete ich Ihnen das Lebenslicht mit den Beinen aus. Er blickte ihm dabei so grimmig in die Augen, und griff ihm in das mürbe Schulterblatt, auf dem zufällig seine Hand lag, so gräßlich, daß Casperchen wohl abnahm, wie mit dieser Riesenkraft nicht zu spaßen sey.

Um kein Aufsehen zu machen! entgegnete Casperchen, und die Lippen flogen ihm, daß er kaum reden, und die Kniee schlotterten ihm, daß er kaum gehen konnte; und so schlich er, hinter der Tafel, die ihn fast laut bespöttelte, zur böslicher Weise verlassenen Lina, die das erbärmliche Surrogat ihres verlornen Mexikaners kaum eines Blickes würdigte.

Was haben Sie gemacht? fragte Hulda den siegreichen Alonso, mit verhaltenem Unwillen. Die ganze Gesellschaft sieht mit zweideutigem Blick auf mich; ich sitze wie am Pranger, und morgen bin ich das Gespräch aller Zirkel in der ganzen Stadt.