Was ich gemacht habe? erwiederte Alonso, bis zum Muthwillen fröhlich — mir mein Recht bewahrt, und das ist jedes Ehrenmannes Pflicht. So lange ich glaubte, daß der Wirth des Hauses mich da hinüber neben die Schmachtlampe bestimmt hatte, so lange mußte ich, als Gast, seine getroffene Einrichtung ehren; sobald aber Gustchen mir sagte, daß mir Unrecht geschah, sobald mußte der Patron, der mir schon vom ersten Eintritt in die Gesellschaft, wie Brechpulver war, wieder herausgeben, was er mir raubte; und hätte es mir, oder ihm, auf der Stelle das Leben kosten sollen, ich wäre nicht gewichen. Der Seelenverkäufer hat mir eine Stunde gestohlen, die mir mit dem ganzen Lumpenleben dieses Lurrendrehers[29] nicht ersetzt werden kann — und was die Stadt anbelangt, die lassen Sie sprechen, was sie will; sie soll hoffentlich noch mehr von uns zu erzählen bekommen; glauben Sie, die meisten Menschen, selbst in den Zirkeln der höheren Stände, die wir für die geistreichern halten sollen, wüßten oft gar nichts zu reden, wenn sie nicht über die Leute sprechen dürften. Die Stadt wird uns ordentlich verbindlich seyn, wenn wir ihr einmal etwas zu reden geben. — Hulda, setzte er ernster werdend hinzu: meine einzige, liebe Hulda, reichen Sie mir Ihre Hand, ich bringe Ihre Gesundheit aus, und die ganze Stadt weiß alsdann, woran sie ist. —
Hulda verging fast vor Todesangst, denn er griff schon zum Glase, und wollte sich vom Stuhle erheben.
Stürmisches Ungethüm, sagte sie, und wollte böse seyn, und konnte doch nicht auf ihn grollen; aber mit Wort und Blick bat sie auf das dringendste, sie nicht in diese entsetzliche Verlegenheit zu setzen. Sie haben vorhin Ihrer Eltern erwähnt, fügte sie, mit niedergeschlagenen Augen hinzu, denn sie fühlte, daß das, was sie sagen wollte, mehr, als ein halbes Jawort war, aber der Dränger — preßte er es ihr nicht durch den kecken Vorsatz ab, ihre und seine Gesundheit, als Braut und Bräutigam, ausbringen zu wollen? Mußte sie, um ihn davon abzuhalten, nicht zum letzten Mittel greifen? Sie haben vorhin Ihrer Eltern erwähnt; was würden die meinigen von Ihnen halten müssen, wenn Sie hier, ohne ihnen ein Wort gegönnt zu haben —
Darf ich kommen? wann? morgen früh? wie viel Uhr? fiel er ihr in die Rede, und küßte, vor Freude halb unsinnig, ihr die Hand bald wund.
Aber Alonso, sagte flehentlich die vom ganzen Umkreise mit Lorgnetten und Brillen Beliebäugelte: die ganze Gesellschaft sieht ja auf uns; wir sind ja nicht allein!
Wollte doch Gott, erwiederte er lachend: wir säßen auf den berüchtigten Inseln zwischen dem Nordcap Tschalaginskoi und Siberien; die sind von Rhinoceros- und Elephantenknochen zusammen gefroren; auf denen wohnt kein Mensch; dort sähe uns Niemand!
Hulda wollte sich dieses paradisische Eldorado verbitten, aber eben kam Gustchen, und meldete ihr den Wunsch des Vaters, baldigst zu Hause zu kommen, weil die Mutter wieder recht krank sey. Sie stand daher eilig auf, bat, vorfahren zu lassen, und hörte, von der unerwarteten Nachricht erschüttert, nur mit halbem Ohr, Alonso’s Bedauern, daß sie die Gesellschaft so zeitig verlasse, so wie seine wiederholte Frage, ob und wann er morgen früh kommen dürfe, und seine kaum gewagte Bitte, heute Abend noch, oder wenn dieß nicht möglich seyn sollte, wenigstens morgen ihrer Blumen auf dem Balkon zu gedenken. Er begleitete sie bis zum Wagen, und schien wohl auf einen Gutenachtkuß im Stillen gerechnet zu haben, aber, vor dem Kutscher und den zwei Bedienten mit Windlichtern und Fackeln, hatte der Schüchterne doch nicht den Muth, sich vielleicht einer abschlägigen Weisung auszusetzen.
Was sollte er jetzt noch in der Gesellschaft! er flüchtete in seine stille Kajüte, und blickte, von Zeit zu Zeit, mit der stillen Sehnsucht glühender Liebe, nach dem Balkon hinauf, aber es ward tiefe Mitternacht, und Hulda blieb aus.
Die Kindespflicht fesselte sie an das Bette der leidenden Mutter, die wieder recht krank gewesen war, jetzt aber ein wenig mehr Ruhe bekam, und nach einer Weile einschlummerte.
Der Vater winkte dem Mädchen in das Nebenzimmer.