Wie ist es gekommen, fragte Hulda ängstlich, daß Mutterchen so plötzlich wieder erkrankt ist? sie befand sich heute Mittag so wohl! hätte ich den Rückfall nur ahnen können, ich hätte ja keinen Fuß aus dem Hause gesetzt; ich mache mir jetzt ordentlich ein Gewissen daraus!

Wie ist es gekommen, erwiederte der Vater verdrüßlich: Du warst kaum fort, so ließen sich Maklers melden; ich kann die scheinheiligen Menschen, die ewig und immer die Gottesfurcht im Munde und die unmenschlichste Kälte im Herzen haben, nicht leiden, und bat, daß sie ihnen absagen lasse; aber sie meinte, daß ihr recht wohl sey, daß sie sich nach Unterhaltung sehne, daß sie die Veranlassung des Besuches schon wisse, und sie daher nur kommen möchten. Ich ging, weil ich das frömmelnde Wesen der beiden Menschen nun einmal platterdings nicht ausstehen kann, auf die Ressource, und kam vor einer Stunde erst wieder. Da rief mich denn die Mutter an das Bette, und machte mich, nach einer langen, weit ausgeholten Einleitung über die Nothwendigkeit, auf Dein zeitliches Glück nun mit Ernst bedacht zu seyn, mit dem ihr, diesen Nachmittag, eröffneten Antrage der Eltern bekannt, Dich ihrem Caspar zur Frau zu geben?

Mich? — dem Caspar? fragte Hulda erbleicht.

Mach’, was Du willst, fuhr der Vater fort: aber ich kann mir nicht denken, daß ein reines keusches Mädchen, wie Du, meine Hulda, mit dem ausgemergelten Menschen glücklich seyn kann. Ich habe ihn heute früh gesehen. Wie die leibhaftige Sünde sieht er aus, und dabei so brutal, so plump, so ungeschlacht! das soll englisch seyn! der Narr! Die Britten sind Ehrenleute, die auf feine Manier und Anstand, auf Sitte und Anspruchlosigkeit eben so streng halten, als wir. — Mein einziges Kind diesem entnervten Wüstlinge in die Arme zu legen! — nein, es wäre mir nicht möglich. — Ich entgegnete dieß der Mutter, aber sie bestand mit ungewohnter Festigkeit darauf; sie lobte die Eltern, als fromme christliche Leute, den Sohn als gewandten, mit Glücksgütern reich begabten Kaufmann; und das Suschen, das einfältige Ding, das allen Menschen nach dem Munde redet, um sich bei allen einzuschmeicheln, als ein gefügiges liebenswürdiges Wesen, versicherte wiederholentlich, daß sie für Dich und uns kein größeres Glück kenne, als Dich in diesem Hause aufgehoben zu wissen, in welchem Religion und Tugend heimisch wären, und wo in einem Tage mehr und frömmer und andächtiger gebetet werde, als in der ganzen Stadt in einem Jahre, und bestürmte mich um meine Einwilligung in die Verbindung.

Ich war bis dahin recht ruhig geblieben, und hatte mich möglichst zu fassen gesucht; als ich aber aus ihren Reden merkte, daß von Caspars Eltern, die, wie Du weißt, auf die Mutter von je an, einen unbegreiflichen Einfluß gehabt haben, diese Parthie schon seit längerer Zeit abgekartet war, und ich gewahrte, daß sie, ohne meinen Einwendungen vorhaltende Gründe entgegen zu setzen, auf ihrem Willen fest beharrte, mochte ich — es galt ja Dein ganzes Lebensglück, mein einzig liebes Kind — mochte ich wohl etwas zu heftig geworden seyn. Unser Zweisprach ward immer lebhafter, ich vergaß, daß die arme Mutter krank war, ich platzte mit dem, seit Jahren schon verhaltenem Grolle gegen das Schleichervolk, die Maklers, aus der Brust heraus, und das erschütterte dann die Mutter so, daß sie in die heftigsten Krämpfe verfiel, und ihr Zustand so bedenklich ward, daß ich Dich holen lassen mußte. Habe ich gefehlt, so mag mir Gott verzeihen, aber sprach ich nicht für Dich, wer sollte Deiner sich annehmen, und wo ist der Vater, der bei ruhigem Blute bleiben kann, wenn er sieht, daß sein Kind, sein einziges Kind, aus bloßem Vorurtheil, aus blinder Geistesbefangenheit, um das Heil seines ganzen Lebens hienieden gebracht werden soll. Jetzt geh, meine Tochter, und leg’ Dich nieder, und bete zu Gott, daß er der Mutter erkaltetes Herz erwärme, damit sie von Dir nicht fordere, was Deinen Vater in die Grube bringen würde; denn den Menschen an Deiner Seite als meinen Schwiegersohn, zu sehen, würde ich kein halbes Jahr überleben.

Seyn Sie auf die Mutter nicht böse, mein Vater, hob Hulda an, und weinte kindlich fromme Thränen: sie meint es gut mit mir, und glaubt, mein Glück durch diese Verbindung zu begründen; wenn ich ihr aber sagen werde, daß ich den Menschen nie lieben kann, wird sie sicher von dem Plane abstehen. Sie ist ja gut und verständig; ich will schon mit ihr reden, daß meine Worte Eingang finden sollen in ihr mütterliches Herz.

Thue das, mein Kind, sagte der Vater: und leg Dich nun zur Ruhe, und bereite Dich zu morgen vor, daß Du gefaßt bist, und ihre Wünsche zurückweisen kannst, ohne Gefährdung ihrer Gesundheit.

Hulda legte sich wohl nieder, aber schlafen konnte sie nicht; die Augen fielen ihr vor Müdigkeit zwar hundertmal zu, aber sie schlug sie auch hundertmal wieder auf, denn bald umklammerte sie Caspar mit seinen langen dürren Armen, bald sah sie sich von einem Schlangenindianer an den Gewässern der Columbia verfolgt; bald lustwandelte sie mit Alonso am Meerbusen von Florida, umduftet von den hier wild wachsenden Orangen, im Schatten der breitblättrigen Banane und des zierlichen Bambusbusches; bald sprang das sanftmüthige flüchtige Thier, die Antelope, an den himmelhohen Basaltwänden des obern Missuri vor ihnen vorüber; — bald hörte sie seine sanfte Rede, und sah in das dunkele Veilchenblau seiner großen Augen und fühlte das Schwellen seiner frischen Lippen auf ihrem rosigen Munde. Bald schwebte sie, umschlungen von seinem kräftigen Arm, und unter vollstimmiger Begleitung eines köstlichen Walzers, zum Ballsaal hinaus, über die blauen Berge am Kanhawa, über die goldgedeckten Tempel der Omegas im Innern von Guyana hin, bis zu den blumenreichen Küsten des stillen Meeres; — bald kamen wieder die Bilder am gestrigen Abendhimmel ihr vor die träumende Seele, und das lange hohe Kreuz und die drohende Mutter und die dürre Gestalt des Eskimos auf Labrador. — Da habe ich ja, sagte sie von der Stille der Mitternacht umdunkelt, leise zu sich selbst: da habe ich ja die Deutung jener Himmelsbilder! das Kreuz — ach es ist so schwarz und so schwer, und das Gesicht der Mutter so kalt und finster — und der entsetzliche Eskimo mit der grausenden Larve — weg, weg mit den schrecklichen Bildern — an ihn will ich denken, der so freundlich mit mir sprach, dessen Rede mir so wohl klang, dessen Seele so klar vor mir liegt, wie die Krystallquellen am Fuße der Luftvulkane[30] bei Turbako; in dessen Armen mir war, als stände ich kühl beschattet vom silberglänzenden Laubwerk des Riesenbaums.[31] — Aber, kann ich denn auch im Traume nicht aus dem verwünschten Amerika heraus, sagte sie jetzt völlig erwacht, und konnte nun nicht mehr schlafen, und wiederholte sich, vom Frühroth des ersten Morgengoldes im Bettchen freundlich begrüßt, alles, was er gesprochen, und hatte vor der heutigen Unterhaltung mit der Mutter keine Angst mehr, denn er wollte ja selbst kommen, und mit ihm hielt Casperchen keinen Vergleich aus; sah die Mutter auf zeitliches Gut, so wog der zwanzigste Theil von Alonsos Vermögen, den ganzen Caspar auf, und da Alonso erklärt hatte, daß die Wahl des künftigen Wohnorts lediglich von ihr abhängen solle; so verstand es sich, daß sie ihrem gestrigen Versprechen eingedenk, die Mutter nicht verlassen, sondern wenigstens so lange als diese lebe, hier bleiben werde, und somit war jede Schwierigkeit beseitiget.

Armes, getäuschtes Mädchen!

Beim Frühstück schon, trat die Mutter mit den Absichten hervor, die ihr Caspars Eltern gestern eröffnet hatten; sie erinnerte Hulda an deren gegebenes Versprechen, sich nicht außerhalb des Orts zu verheirathen; hielt der Familie, in deren Kreise sie künftig leben werde, die gebührende Lobrede, und ließ sich über Caspars wohlgeordnete Vermögensumstände und seine, im Auslande erworbene Bildung des weiteren aus; vergaß auch nicht die Schwierigkeit, bei der gegenwärtigen Heirathscheu der meisten jungen Leute im Orte, eine ähnliche vortheilhafte Parthie sobald wieder zu finden, in das gehörige Licht zu setzen, und schloß mit der Bemerkung, daß sie auf dieß alles, von der gehorsamen und liebenden Tochter, eine, den elterlichen Wünschen entsprechende Erklärung erwarte.