Hulda bog freundlich lächelnd aus; kam Alonso, der blühend schöne, frische Mann, dem der liebe Herr Gott die Reinheit des unverdorbensten Herzens, die Unschuld der zartesten Sitte, und die Gediegenheit der ehrenfesten Grundsätze auf jeden Zug seines einnehmenden Gesichts geprägt hatte, und hörte die Mutter von den zehn Millionen Piaster, die ihm der alte Handelsgerichtsdirector nachrechnen wollte, und erfuhr sie, daß ihr Hulda nicht aus dem Hause geführt werden, sondern bis an des Lebens Ende bei ihr bleiben sollte, so war von dem Casperchen keine Rede mehr; das stand mit mathematischer Gewißheit ihr im Köpfchen geschrieben; und kommen wollte er ja; er hatte es versprochen, und dieser wunderhübsche Mund hatte gewiß noch keine Lüge gesagt. Sie küßte der Mutter die Hand, nahm die ganze Sache als einen leichten Scherz, indem es bei ihrer Jugend keine Eile habe, meinte, daß es ihr ordentlich lächerlich sey, jetzt an das Heirathen zu denken, und betheuerte, daß vor allem erst die geliebte Mutter gesund werden müsse, und sich dann hierüber ja wohl werde ein Mehreres sprechen lassen.

Damit kam die Schlaue aber nicht los. Die Mutter ward empfindlich und begriff nicht, wie der besonnenen Hulda, die kein Kind mehr sey, ein so wichtiger Schritt, als die Verbindung eines Mädchens mit einem jungen Manne, auf die ganze Lebenszeit wäre, lächerlich seyn könne, und bat sie, dem sehr wichtigen Gegenstande einen Augenblick ernster Betrachtung zu schenken. Meine Tage, setzte sie hinzu: sind gezählt, ich habe auf dieser Welt keinen Wunsch mehr, als Dich glücklich zu wissen; ich habe zu Gott gebetet, daß er mir in dieser letzten Sorge hienieden, seinen Beistand nicht versage; er hat mir in den Eltern des, Dir vom Schicksal Bestimmten, christlich gesinnte Rathgeber geschenkt, und daß der Himmel unsern Beschluß segnet, beweis’t, daß der junge Mann, der Deine Hand begehrt, noch ehe ich die Augen schließe, glücklich und mit dem reichen Erwerbe seines redlichen Fleißes hier eintrifft, und ich die Freude noch erlebe, Dir den Brautkranz in das Haar zu flechten, und Deinen Ehrentag mit zu feiern. Ich bin daher fest überzeugt, daß das Werk, was wir mit frommem Gebet begannen, ein Gott wohlgefälliges sey, und Dein Glück und Deine Zufriedenheit begründen werde. Ich sehe also keinen Grund ab, warum Du mit Deiner Erklärung bis zu dem sehr ungewissen, und wahrscheinlich nie eintretenden Zeitpunkt meiner Genesung, Anstand nehmen willst, besonders da eine Menge Eltern hier, welche unbescholtene und mannbare Töchter haben, den von Dir herbeigeführten Aufschub mit Freuden benutzen, und den Entschluß des jungen Mannes, Dir seine Hand zu bieten, durch allerhand Zwischenträgereien schwankend, und ihn, am Ende, Dir selbst abwendig zu machen suchen würden. Alle diese Umstände bestimmen mich, Deine Erklärung und, da Du gegen das Haus so wenig als gegen ihn selbst etwas einwenden kannst, Dein Jawort in dieser Sache jetzt zu gewärtigen.

Die arme Hulda verlor fast die Fassung. In diesem Augenblicke der Mutter zu sagen, daß ihr Herz nicht mehr frei sey, war nicht möglich. Die Mutter kannte ja den nicht, dem es gehörte. — Sie hatte, als der Vater zum ersten Male von ihm sprach, und ihn vom Kopfe bis zum Fuß beschrieb, gesagt: nichts weiter, wenn ihr nicht wollt, daß ich sterben soll; als der Vater vorgestern Abend bei Tische von ihm wieder anfing, legte sie Messer und Gabel weg; wie dieser äusserte, daß des jungen Mannes Schiff ihren Namen führe, klagte sie über heftigeres Uebelseyn; gestern früh erregte der schwarze Krepp, den Tante Sophie, von Lima aus, im Traume sandte, ihr spöttelndes Gelächter. Sie eiferte gegen die spanische Sprache; — alles das zusammen genommen, webte in dem feinfühlenden Mädchen eine Ahnung, deren Daseyn es sich kaum selbst recht bewußt war; aber es mußte etwas seyn, was mit ihm, wenn auch, wie natürlich, in ganz entfernter Beziehung stand, und was der Mutter an ihm unlieb war; doch sie hatte ihn selbst ja noch nicht gesehen, ihm konnte, nach Almas Geständniß, kein Mädchen gram seyn; bei seinem Anblick war bestimmt auch die Mutter gewonnen; er kam gewiß heute, spätestens morgen, allerspätestens übermorgen. Drei Tage also bat sich Hulda Bedenkzeit aus, küßte der Mutter beide Hände, und ärgerte sich, daß sie nicht einmal so viel Gewalt über sich hatte, wenigstens ein ernsthaftes Gesicht zu machen. Aber der ewig wolkenlose Südhimmel des paradisischen Climas, in dem ihr Alonso geboren wurde, lag in ihrer Seele, in ihrem Auge; die heimliche Freude, die Mutter mit einem zehntausendmal bessern Schwiegersohne zu überraschen, blitzte ihr aus allen Mienen, und sich zu verstellen, hatte ja das reine Wesen nie gelernt.

Die drei Tage sind Dir vergönnt, sagte die Mutter nach einigem Besinnen höchst mißgelaunt; aber ich begreife Dich nicht; Du behandelst den Schritt, zu dem jedes wohlgesittete Mädchen mit feierlichem Ernst sich vorbereitet, so leichtsinnig, als wäre es eine Ballangelegenheit; wenn Du vorliesest, so steht Dir bei irgend einer sentimentalen Stelle gleich das Wasser in den Augen, und jetzt ist Dir das Lachen näher, als das Weinen, und wo hier zwanzig Mädchen aus den ersten Familien mit beiden Händen zugreifen würden, thust Du, als ob Dir die angetragene, weiß Gott, doch höchst ehrenwerthe Parthie noch nicht gut genug wäre. Auf was willst Du denn warten? Auf was bildest Du Dir denn ein, Ansprüche machen zu können. Unsere Umstände sind, wie Du weißt, im Gegensatz vieler hier weit reicheren Häuser, nicht glänzend; und Dein Bischen Larve — mein Kind, es hat schönere Mädchen gegeben, und sie sind alle verblüht. Also sehe ich nicht ab, auf was Du glaubst groß pochen zu können, oder — fragte sie nach einer kurzen Pause, die Worte scharf und hart betonend, und durchbohrte das Mädchen mit stechendem Blick: steckt Dir etwas anders im Kopfe?

Nichts, als der gestrige Ball, entgegnete erschrocken das wahrhafte Kind, das noch nie gelogen, und bückte sich auf die Hand der Mutter tief nieder, denn das erste Morgenroth der heimlichen Liebe überhauchte die Lilienwangen der Liebreizenden, mit dem dunkelsten Purpur.

Warum nicht auch Deine Puppen, erwiederte die Mutter mit saurer Bitterkeit: wahrhaftig, man sollte denken, Du hättest noch gestern damit gespielt, so kindisch benimmst Du Dich heute. Geh und sammle Dich; und wenn Du Deinen Ball, und Deine Narrenpossen verschlafen hast, so komme wieder, daß wir, wie es einem Mädchen Deines Alters ziemt, ein verständiges Wort weiter über die Sache reden können.

Sie wendete sich in ihrem Bette verdrüßlich nach der Wand zu, und Hulda, der es nun anfing recht ernsthaft zu Muthe zu werden, flüchtete zum Vater, der von einem Geschäftsgange eben jetzt zu Hause kam.

Nun Mädchen, rief dieser ihr entgegen: Du siehst ja recht bedeutsam aus! hat die Mutter mit Dir schon gesprochen?

Ich habe drei Tage Bedenkzeit, entgegnete triumphirend die Tochter, und sah den Vater, der sie so unaussprechlich liebte, der so herzensgut war, und von dem jungen Seemanne gestern und vorgestern nichts als Liebes und Gutes gesprochen hatte, mit einem Blicke an, als fragte sie sich, ob sie es wagen dürfe, ihm ehrlich und offen zu beichten. Väterchen, hob sie an, und lehnte die Wange an seine Brust, damit er ihr zu dem, was sie ihm zu sagen habe, nicht in das Gesicht sehen möge: liebes Väterchen, mit dem Caspar ist es nichts.