Hulda zog die schönen Augenbrauen zusammen, und harrte mit ängstlichem Blick auf die Zweifel des Vaters, der recht bedenklich den Kopf wiegte, und mit der Sprache nicht heraus zu wollen schien.
Der einzige Zweifel ist jetzt daher nur der, ob auch Du, meine Hulda, in seine und meine Wünsche Dich fügen, ob Du Dich entschließen wirst, ihm Deine Hand, und Dein Herz —
Mein Väterchen — unterbrach ihn Hulda verschämt lächelnd: was können Sie einem angst machen! Dieser einzige Zweifel wird sich wohl heben lassen. Sprechen Sie ihn nur erst selbst, und sein treues biederes Herz, sein fröhlicher Sinn, sein offenes trauliches Wesen, seine anspruchlose Natürlichkeit werden Ihnen gewiß gefallen; auch ist er — setzte sie, mit gesenktem Köpfchen schmunzelnd hinzu: nicht ganz häßlich.
Nun aber sag’ mir Kind, fragte der Vater, das Lächeln mit Mühe verhaltend: wie hat sich das alles so schnell gemacht? Du bist ja kaum drei, vier Stunden auf dem Balle gewesen?
Mit der Liebe? entgegnete Hulda, und machte ein recht naives Professorgesicht dazu: mit der Liebe, ich meine die so recht eigentliche liebe Liebe, ist es, glaube ich, wie mit der Ewigkeit; sie hat keinen Anfang und kein Ende. Ich weiß selbst nicht, wie das alles kam. Auf dem Balle aber sahen wir uns auch nicht zum ersten Male; wir kennen uns schon viel länger, und nun erzählte sie, wie er ihr in der Kirche gegenüber saß, und von dem Zusammentreffen in der Modehandlung, und von der Unglücksgeschichte mit der Glashändlerinn und dem Gipsitaliener, und von den Kinderstreichen auf dem Verdecke seines Dreimasters, und oben im Mars, und von dem verwünschten Sehrohre, und der schmachtenden Flöte, und von — Babette platzte zum Zimmer herein, und meldete den Capitain Don Mantequilla.
Hulda rief fröhlich: das ist er! schlüpfte — denn wie sie war, im nachlässigsten Morgenputz, konnte sie sich nicht vor ihm sehen lassen, — schlüpfte durch eine Seitenthür und eilte auf ihr Zimmer, um sich anzukleiden.
Er war gekommen, er hatte Wort gehalten. Er sprach die Eltern um ihre Hand an.
Wer mahlt des Mädchens Entzücken, wer das süße Beben ihres in Liebe und Freude erglühenden Busens!
Blumen, Band, Perlen, Häubchen, nichts paßte ihr heute in das Haar; die Locken liefen nicht, wie sie sollten; beide Händchen flogen ihr zitternd; sie konnte nicht zu Stande kommen. Das Morgenkleid war zu einfach, das zu geschmückt, alle Kasten standen offen, alle Kommodenfächer, alle Schränke, alle Cartons! Sie holte aus allen das Beßte, und nichts war gut genug; der Spiegel — sie kam sich bleich, reizlos, nicht ein Bischen hübsch vor; nein der Spiegel war Schuld daran, der hing im allerschlechtesten Lichte — aber der in der Toilette, den sie nach allen Weltgegenden richtete, gab ihr Bild um kein Haar besser zurück; am Ende war sie in ein blaßblaues Kleid und in rothe Schuhe gefahren, und hatte auf den gelben Morgenhut ein grünes Bouquet gesteckt — blau, roth, gelb und grün — i Gott bewahre, rief sie lachend: lieber gar alle Farben mit einander, daß er denkt, es komme ein lebendiges Prisma, — in zwei Minuten hatte sie alles wieder von sich geworfen, und machte ihre Toilette von Neuem — lassen wir die Selige in dem bunten Chaos ihrer Garderobenherrlichkeiten fröhlich gewähren — es war ja ohnehin fast das letzte Scheide-Lächeln ihrer untergehenden Freudensonne; denn ach! nur zu bald trübten sich am Horizonte ihres Lebens die Wolken, aus denen der Sturm sich gestaltete, der alle ihre Blumen entblättern, alle ihre Bänder zerreißen, alle ihre Hoffnungen zertrümmern, ihr ganzes Lebens-Glück auf immer und ewig vernichten sollte! —
Wahr und ehrlich, kurz und offen hatte Alonso mit dem Vater gesprochen. Es bedurfte keines weitläufigen Eingangs; Director Linsing hatte beiden schon die nöthigen Präliminarien eröffnet. Alonso machte seinen Antrag mit so zarter Bescheidenheit; legte in denselben so viel Feierliches; sprach von der Unmöglichkeit, ohne Hulda leben zu können, mit so vieler Rührung; entschuldigte seine, durch den Drang der für den Seemann vollgiltigen Umstände herbeigeführte Eile, die ihn nöthige, vielleicht schon in wenigen Tagen die Anker zu lichten, so wahr und einfach, und gelobte, den Pflichten des Gatten und des Sohnes bis zu seinem Tode treu zu seyn, mit solch’ frommer Rede, daß der alte Herr sich der Thränen nicht länger enthalten konnte, den jungen Mann an sein Herz drückte, und ihm, aus voller Brust und im heiligsten Vertrauen auf dessen Rechtlichkeit, sein einziges Kind, das Liebste dieser Welt, in die neue mitzugeben unbedenklich versprach.