Auf Alonso’s Wunsch, der Mutter jetzt vorgestellt zu werden, erwiederte indessen der Vater, daß er sie, ihrer Kränklichkeit halber, erst dazu ein wenig vorbereiten müsse; er bäte daher, ihn morgen wieder mit seinem Besuche zu beehren, wo er ihn bei ihr einführen wolle; zugleich ersuchte er ihn, nicht gleich das erste Mal, des eigentlichen Zwecks seines Besuches zu erwähnen, sondern unter dem Vorwand zu kommen, daß er hörte, sie habe eine Schwester in Lima, und er wolle sich daher erkundigen, ob sie dahin ihm etwa Aufträge mitgeben wolle.

Auch Hulda darf ich nicht sehen? fragte Alonso mit kindlicher Befangenheit, und versicherte, daß ihm die Zeit von gestern Abend bis jetzt eine halbe Ewigkeit gedauert habe; da ließ denn der Vater das Mädchen holen, und es kam im einfachsten Hauskleide, bloß, dem neuen Vaterlande zu Ehren, eine prächtige, blühende Datura[33] am Busen, und drei von Tante Sophie zum Geschenk erhaltene Schnüre californischer Perlen um den Hals. Aber schön war Hulda zum Entzücken; die Liebe hatte ihre Wangen geröthet, die Freude lachte ihr im ganzen Gesichtchen, und das bräutliche Schmachten der keuschesten Jungfräulichkeit schwamm in dem Feuerblick ihres großen himmlischen Auges. Mit frommer Weihe legte der Alte das unberührte Kleinod seines Vaterherzens an die Brust des schönen jungen Mannes aus der neuen Welt, den der Zufall zweitausend Meilen weit hergeführt hatte, um zu den Füßen eines der reizendsten Mädchen unsers alten ehrlichen Welttheils, das zarte Geständniß abzulegen, daß das eigentliche wahre Glück des Menschen nur in den Armen einer liebenden Gattinn heimisch sey, die unsere Freuden und Leiden redlich theile, und durch ihre Reize, wie durch ihre Tugenden, unsere Tage verschönere.

Braut Hulda hob den Entzückten an ihre treue Brust, und wie die bekannte wunderschöne Gruppe von Amor und Psyche, so lieblich in einander verschlungen, stand das Paar, Auge in Auge, Mund an Mund, und feierte die seligste Minute glücklich Liebender, die Minute des Verlobung-Kusses.

Alonso zog sich einen prächtigen Smaragdring vom Finger, überreichte ihn der überraschten Hulda, und sagte: aus Deinen Brüchen an der Küste von Manta[34] nimm dieß als Morgengabe von mir gütig an, doch mein ganzes Hab’ ist ja Dein. Den leisesten Deiner Wünsche — vertrau’ ihn mir, meine einzige, meine himmlische Hulda, und ich werde kein größeres Glück kennen, als ihn Dir zu erfüllen. Ich könnte zehnmal reicher seyn, als ich es bin; allein ich achtete des eiteln Geldes nicht, weil ich tausendmal mehr hatte, als ich brauchte; jetzt Dir die Welt zum Paradies zu schaffen, ist mein Streben; nun will ich erst mit Freuden mich in die Geschäfte werfen; ich habe einen Zweck, das Lächeln Deiner Huld! Des Meeres Wogen, der Winde Hauch, des Nordens Eis und Schnee, der Sonne Gluth in unserm Süden, kurz, alle Elemente will ich mir zinsbar machen, und meines Vaterlandes Kern ist rein gediegenes Gold; heraus aus meiner Erde tiefen Schachten sollen, meine Hulda, Dir, mein Fleiß und meine Kunst das mächtige Metall im Ueberflusse fördern! Vor Dir will ich die Früchte meines Fleißes, die Schätze, die des Handels Treiben mir zusammen häufet, niederlegen, und Deiner Lippen süßer Kuß, ein Blick aus Deinem Augenpaar, und das Geständniß Deines Rosenmundes, daß Dich es nicht gereut, Dein Herz und Deine Hand mir fremdem Mann vertraut zu haben, — dieß, Hulda, dieß soll mehr mir seyn, als all das kalte Gold, das im ersten beßten Brennspiegel sich zu nichts verflüchtiget, das immer irdisch bleibt, und droben gar nichts gilt.

Ehe sich Alonso verabschiedete, lud er den Vater und Hulda ein, sich es bei ihm heute Abend, am Bord seiner Antoinette gefallen zu lassen.

Der Vater sah die Tochter, die Tochter den Vater an. Beiden war es um die Mutter zu thun; sah man das Mädchen mit dem Vater am Bord des mexikanischen Dreimasters, so war Huldas Verbindung mit Alonso, von dem zur Zeit die Mutter noch kein Wort wußte, in den Augen der ganzen Stadt keinem Zweifel mehr unterworfen, und daß dieß gegen die Mutter nicht gerechtfertigt werden konnte, fühlten beide, indessen Hulda richtete den bittenden Blick, daß er zusagen möge, zu freundlich auf den Vater, und diesem that die kleine Eitelkeit, den Leuten möglichst bald kund zu thun, daß der mexikanische Capitain Mantequilla mit dem Dutzend dreimastigen Schiffen auf der See, und den Silbergruben in Loretto, den Goldbergwerken in Oaxaca, den Zuckerplantagen unfern Vera-Crux und den 15 Millionen Thalern, und den andern unzähligen Herrlichkeiten, der Herr Schwiegersohn des Herrn Admiralitätraths Splügen sey, zu wohl, auch hatte der lebensfrohe Alte einen vergnügten Abend zu lieb, als daß er abschlagen konnte.

Alonso eilte fröhlich von dannen, und der Vater und Hulda überboten sich einander in dem Lobe des Liebenswürdigen; — doch die Mutter, die Mutter fiel beiden nur zu bald ein, aber sie wichen von einander in den Ansichten ab, wie ihr die Sache, die den Plänen mit Casperchen so ganz entgegen war, am beßten beizubringen sey.

Hulda, welche in ihrem süßen Liebeswahn die Ueberzeugung hatte, daß Alonso’s persönliche Anmuth die Mutter am meisten bestimmen würde, den werthlosen Caspar fallen zu lassen, war der Meinung, daß es das Gerathenste gewesen wäre, den Capitain gleich jetzt der Mutter vorzustellen, sie jedoch später erst, wenn sie den liebenswerthen Mann hätte selbst näher kennen gelernt, von seinen Heirathanträgen zu unterrichten; der Vater hingegen, der, wie alle fröhliche Leute, jede Unannehmlichkeit gern so weit als möglich hinaus schob, der im Voraus sah, daß die Erscheinung des jungen Mannes, welcher der Mutter längst entworfenen Pläne mit einem Male vernichten sollte, sehr harte Auftritte herbeiführen würde, und, nach seiner Ansicht sehr richtig berechnete, daß, wenn er mit Hulda diesen Nachmittag den Capitain am Bord besuchte, und sich dadurch das Gerücht von dessen Verbindung mit seiner Tochter gehörig in der Stadt verbreitet habe, die Mutter dann, um der Ehre ihres Kindes willen, diesen einmal geschehenen öffentlichen Schritt nicht zurück nehmen könnte, behauptete, daß es viel besser sey, wenn er ihr heute den Mexikaner vorläufig auf morgen anmelde, daß man, bei der Reizbarkeit ihres Charakters überhaupt alles sogenannte, mit der Thüre in das Haus fallen, vermeiden müsse, und daß daher alles viel besser gehen werde, wenn es nicht zu übertrieben rasch gehe, weil, wie auch Hulda selbst wisse, der Mutter, im Allgemeinen, jeder Schein von Uebereilung, besonders in einer so delikaten Angelegenheit, verhaßt sey.

Hulda äußerte, auch wieder sehr richtig, die Besorgniß, daß Caspars Eltern, die von ihrem bekannt gewordenen Verhältniß zu Alonso eben so genau unterrichtet wären, als alle andere Leute auf dem gestrigen Balle, es gewiß an nichts fehlen lassen würden, um die Mutter davon in Kenntniß zu setzen; dadurch aber würde Alonso’s Spiel unendlich erschwert werden, denn, daß ihn diese schleichende Kopfhänger-Familie dabei in das allernachtheiligste Licht setzen werde, sey im Voraus anzunehmen; doch der Vater beschwichtigte ihre Furcht durch die Versicherung, dem vorzubauen. Er gab zu dem Ende allen Domestiken im Hause, unter dem Vorwande, daß seine Frau, ihrer Gesundheit wegen, aller lästigen Besuche heute überhoben seyn wolle, den Befehl, Niemand, ohne Unterschied, zu ihr zu lassen, und um ihr, wenn sie es etwa klingeln hörte, keinen Anlaß zu geben, zu fragen, wer da war, so umwickelte er den Klöppel der Hausglocke eigenhändig mit Papier und Leinwand.

So glaubte er, in jeder Hinsicht seine Sache ganz vortrefflich gemacht zu haben, und lächelte bei sich selbst über die Heimlichkeit, zu der er sich, wie er es entschuldigte, durch den Drang der Umstände bequemen müsse.