Dem Zartfühlenden regte sich wohl etwas in der Brust, was ihm sagte, daß nicht recht sey, was er thue, daß alle Heimlichkeiten zwischen Eheleuten nichts taugen, und daß aber — beruhigte er sein Gewissen: hat es nicht Antoinette an Dich gebracht? warum besteht sie auf Hulda’s Verbindung mit dem unerträglichen Caspar, als läge alles Heil der Erden in diesem widrigen Menschen? Warum hört sie auf das Zuflistern gehaltloser Frömmelei mehr, als auf das Wort der Vernunft und des Herzens? Warum gibt sie gleich Krämpfe und Schwindel und Anwandelung von Ohnmachten vor, wenn irgend ein Gegenstand im Gespräch berührt wird, von dem sie nicht sprechen will? Mit den Waffen, mit denen sie, aus blinder Vorliebe für eine einmal eingewurzelte Marotte, auf das Glück ihres eigenen Kindes los geht, als wollte und müßte sie es vernichten, wollen wir ihre Batterie demontiren. Maklers müssen außer Einfluß gesetzt, das heißt, entfernt gehalten werden; heute sind wir auf dem Dreimaster unten im Hafen noch recht lustig, und morgen stelle ich meine Heeresmasse in Schlachtordnung; die Mutter wird totaliter aus dem Felde geschlagen, und über’s Jahr, wenn wir das Kind in seinem Mexiko besuchen, und dieses uns einen bausbäckigen Enkel entgegen bringt, und unser europäisches genügsames Auge fast erblindet, vor dem Glanz des Ueberflusses und des Glücks, in dem Hulda dort schwelgt, und ihr Mund freudig bekennet, daß sie, an Alonso’s Seite, die neidenswertheste Frau in allen fünf Welttheilen sey, da, da — soll die Mutter mir danken, daß ich ihrem kleinen Eigensinne nicht fröhnte, sondern dem herz- und marklosen Casperchen die Thür wies, und —
Die gedämpfte Klingel klapperte draußen; der Admiralitätrath hielt lauschend mitten in seinem Monologe inne.
Es war richtig Casperchen. Die Frau Räthinn schlafe, hieß es, und der Ehelustige zog ab. Später kam Suschen; dann der Herr Makler; den Beschluß machte dessen liebwertheste Hälfte.
Dasselbe Manöuvre begann auch nach dem Essen; alle viere kamen einzeln und alle viere wurden abgewiesen.
Schlafen, schlafen, und immer schlafen, hatte die Maklerinn, vor innerer Bosheit kochend, mit freundlichem Lächeln zu Babette gesagt: sie haben der Frau am Ende ein Ruhepülverchen gegeben, aber, und wenn sie Mithridat genossen, ich muß sie aufwecken, aufrütteln muß ich sie, da es noch Zeit ist; ich komme wieder, mein Lämmchen, und zum dritten Male laß ich mich nicht abweisen.
Meine Frau will allein seyn, entgegnete der Admiralitätrath der berichtenden Babette: verstehst Du, sie will heute Niemand sprechen; darnach wird sich gerichtet.
Mit diesen Worten ging er, Hulda am Arme, in den Hafen. Der Mutter hatte er gesagt, sie wollten nur einen kleinen Spaziergang machen, weil der Nachmittag gar zu schön sey.
Schon lange lag Alonso’s große Barkasse nebst der Travalje und der Kapitains-Schaluppe am Lande; alle drei Fahrzeuge hatten sich unterdessen allmählig mit den eingeladenen Gästen aus der Stadt gefüllt, und sobald jetzt Hulda und der Admiralitätrath an den Bord der Barkasse gekommen waren, und sich die drei Fahrzeuge, nach der Antoinette zu, in Bewegung setzten, gab der mexikanische stolze Dreimaster eine Kanonensalve, daß alle Fenster in der Stadt klirrten; — und sämmtliche, im Hafen liegende Schiffe begrüßten die Ankommenden mit dem Donner ihres Geschützes, denn auf alle Fahrzeuge klein und groß im ganzen Hafen, hatte der überglückliche Alonso, Speise und Trank in Ueberfluß vertheilt, so daß die Matrosen, ohne Ausnahme, des süßen Weines voll waren und die neue Capitainfrau immer drauf los leben ließen, noch ehe sie dieselbe gesehen hatten; alle Capitaine aber, so viel ihrer im Hafen vor Anker lagen, hatte Alonso auf seinem Schiffe, heute Mittag schon, stattlich bewirthet, und hielt sie noch um sich versammelt, so daß die Herren lustig und guter Dinge waren, und der heranschwimmenden jungen, himmelschönen Frau Kolleginn zur See, die gebührende Ehre, von den, unter ihren Befehlen stehenden Schiffen aus, geziemend erweisen zu lassen, sich nicht versagen mochten. Und Alonso’s scharf gebautes Prachtschiff, und die Fahrzeuge aller Nationen im Hafen, strichen vor der liebreizenden Königinn des Tages, Flaggen und Segel, und von den buntbewimpelten Masten und im hohen Tauwerk aller Schiffe, erscholl aus dem Munde des Schiffvolks aller Welttheile, ein tausendstimmiges Hurrah, Hurrah, Hurrah! und in dieß alles schmetterte und wirbelte das, aus der Stadt geholte große Musikchor auf der Antoinette, mit Trompeten und Pauken, daß kein Mensch sein eigenes Wort zu hören im Stande war. Alonso selbst, in der herrlichen Uniform der spanischen Marine, stand, kräftig und schön, wie ein junger Gott, auf der Steuerbordseite der Antoinette, und kommandirte Listo, Saltad a la banda![35] und ein Theil seiner Neger, die alle sich in das beßte Zeug geworfen hatten, und recht stattlich aussahen, stellten sich eilends an beiden Seiten der Fallreepstreppe, von oben nach unten, in Parade; und das Fallreep[36] selbst war oben am Schiffe, an einem metallenen Köcher mit Kupidos goldenen Pfeilen befestiget, und mit purpurrothem Tuche überzogen, und von Knopf zu Knopf[37] hingen leichte Gewinde von brennender Liebe, deren Deutung Hulda, bei der Erinnerung ihrer ersten Bekanntschaft mit Alonso im Putzladen, nicht schwer ward.
Die allgemeine Huldigung, mit der die Bescheidene, vor den Augen der, am Ufer, in dichten Massen zusammengedrängten Neugierigen, vom ganzen Hafen bewillkommt wurde, hatte Hulda sonderbar bewegt; es traten ihr, als sie den Fuß auf die unterste Stufe der Fallreepstreppe setzte, und mit diesem gleichsam den ersten Schritt in ihr nunmehriges Vaterland, in die neue Welt that, Thränen in’s fröhlich lachende Auge. Alonso umschlang öffentlich, vor Hafen und Stadt, im Angesichte seines Meeres und ihrer Erde, die liebreizende Braut, und seine Neger, über funfzig an der Zahl, riefen dreimal Hurrah, und warfen sich ihrer milden Gebieterinn zu Füßen. Der Pilot,[38] der Primero Contramaestro[39] und der Guardian[40] aber, näherten sich der neuen Herrinn, und überreichten ihr, nach ächt altmexikanischer Sitte,[41] einen Strauß von frischen Blumen; der Pilot, ein kräftig schöner, schwarzer Mann, redete die Gefeierte spanisch an, prieß Don Alonso, als ihren gütigen Herrn, und wünschte sich und all den tausend Sclaven in der fernen Heimath Glück, daß der Kapitain ihnen eine Mutter zuführe, deren Tugenden Don Alonso’s Auswahl verbürge. Du bist, setzte er im Ueberwallen seines Gefühls, und im Glauben seiner Väter, hinzu: Du bist herrlich, wie die Sonne, und freundlich, wie der Mond, und wer den milden Sternen Deiner Augen folgt, wird den Pfad zum Himmel nicht verfehlen. Sey, Du blendend weißer Engel, uns und unsern Kindern unsere Sonne, unser Mond; Tonatiuh[42] hat Dich geschmückt mit ihrem Roth, und Meztli Dich mit seinem Glanze; Du bist so schön, als wärest Du das Kind von beiden; wir werden göttlich Dich verehren, denn nur in Deiner zarten Hand liegt unser Glück. Sey immer gütig uns. Die Sonne zürnt ja nie, und nie der Mond, und schwebst Du einstens spät hinüber, wo keine Stürme heulen, und keine Donner brausen, so soll der Weg nach Deinem Hügel unserer Enkel Alameda[43] seyn; sie werden räuchern Dir das stille Blumen-Grab mit Cobans beßtem Weihrauch und mit Ambra von Masaya, und Dir die Gruft umpflanzen mit Pomeranzen und Limonen, und mit Cypressen und mit des ewigen Friedens schattenreichen Palmen. Da sollst Du schlummern kühl, denn, unserer Enkel Thränen um die verlorne Mutter, werden netzen jene Bäume, daß sie gedeihen, und noch in fernster Zeit, wie feste Denksäulen des Dankes, hoch hinaus ragen in unsers Himmels schöne Luft.