Lebe wohl, meine Treugeliebte! behalte die Ueberzeugung fest, daß der Fluch Deiner Mutter mich unschuldig traf. Du warst meine erste, meine einzige Liebe. Schuldlos wie das Kind, das in der frühesten Jugend der himmlische Vater zu sich ruft, scheide ich aus diesem Leben. Die Gluth der Liebe, die von Deinen zauberischen Reizen angefacht, in meinem Herzen mit Riesengewalt empor loderte, sie soll nur im engen finstern Grabe, oder wenn ich auf der See noch sterbe, nur in der unergründlichen Tiefe des großen Weltmeeres erkalten. — Dir meine Hulda — das Laster des Neides ist dem Sterbenden fremd — Dir gebe ich Dein Gelöbniß der Treue hiermit feierlich zurück. Findest Du einen Mann Deiner Liebe werth, so reiche ihm Deine Hand, und sey mit ihm glücklich. Vergiß meiner nie, und bete für das Heil meiner Seele.

Weiter hatte Alonso, vermuthlich wegen Körperschwäche, nicht schreiben können; die letzten Worte waren ohnehin schon fast ganz unleserlich. Hulda reichte leichenbleich die Blätter dem Vater. Sie war vom Schreck so durchbebt, daß sie kein Wort sprechen konnte; ein Schauer jagte nach dem andern ihr durch Mark und Blut, sie zitterte an allen Gliedern, und das starre Auge netzte keine Thräne.

Ich konnte, sagte sie endlich nach langer Weile, ihre Leichtgläubigkeit sich selbst verweisend, mit erschütternder Kälte: ich konnte noch hoffen, und die Mutter hatte mir in jenem Wolkenbilde doch schon seinen Grabstein gezeigt! Weißlich grau war damals das Gestein, und daß jener schreckliche Spiegel meiner Zukunft nicht lüge, schleifen sie den Würfel, der auf seinem Grabe ruht, von weißlich grauem Granit!

Mehr sprach sie keine Sylbe; sie ging, wie im Traume, nach dem Garten-Saal, und trat auf den Balkon. Da erst, als sie in die Gegend hinschaute, in die er gesegelt war, ohne je wieder zurückzukommen, trat ihr das Wasser in die Augen, da erst fand das schwer belastete Herz Erleichterung durch sanfte Thränen.

Ich will, sagte sie, und reichte dem Vater wehmüthig die Hand: mit der Vorsehung nicht hadern; ich will nicht murren! aber womit habe ich dieses entsetzliche Loos verdient? Was habe ich gegen den Allgerechten verbrochen, daß ich dieser Strafe werth wäre? Für meinen Verlust ist hienieden kein Ersatz denkbar; mißbillige daher, mein armer Vater, mißbillige es nicht, wenn ich meinen Gott im Himmel bitte, mich bald von hier abzurufen. Drüben soll ich ihn ja wieder sehen, dort darf ich ihn ja lieben. Einen Vortheil, ja einen habe ich aus meinem unermeßlichen Unglück gerettet, den Vortheil des leichten Todes. Die letzte Stunde dieses freudenleeren Lebens — wann schlägt sie mir? Andere schaudern ihr entgegen, mir ist sie das Einzige, wornach ich mich hier noch sehne. Allgütiger, ende bald mit mir. Sie sah noch einmal über das Meer hinüber, sie lispelte leise: Mein Alonso, schlummere im Schatten Deiner Friedenspalmen sanft und ruhig. Deine brennende Liebe nehme ich mit in meine Gruft. Noch einen Blick — es war der letzte — warf sie rund um auf Land und Meer, verließ, sanft weinend, ihren Lieblingsplatz, den Balkon, und hat ihn nie wieder betreten.

Denselben Abend noch — dieß zarte Gemüth konnte die ungeheure Last eines solchen Schmerzes nicht lange ertragen, der Gram zerfraß diese noch nicht einmal ganz entfaltete Blüthenknospe mit eiliger Gier — denselben Abend noch mußte sich Hulda legen; sie sandte nach Gustchen und deren Bräutigam; sie fühlte das allmählige Verrinnen ihrer Lebenskraft, und freute sich der Gewißheit dieses Gefühls. Sie sandte zu der Familie, die durch heuchlerische Frömmelei Einfluß auf die Mutter gehabt, und dadurch wohl manches Unheil gestiftet hatte, und ließ ihr sagen, daß sie ohne Groll von hinnen scheide; sie ordnete ihr Begräbniß an, und bat um das heilige Abendmahl.

Es war Mitternacht, als der Prediger, der nämliche, der Hulda getauft, der sie confirmirt hatte, und der von ihr im Stillen schon bestimmt gewesen war, den Bund ihrer Liebe mit Alonso vor dem Traualtar einzusegnen, an ihr Lager trat, um ihr das letzte Mahl der Liebe und Versöhnung zu reichen, und der Kirche Segen ihr in das dunkle Reich des Todes mitzugeben.

Die Umstehenden knieten an ihrem Bette nieder; sie reichte ihnen allen die Hand, als wolle sie Abschied von ihnen nehmen, um dann die letzten Augenblicke ihres Lebens ungestört sich allein zu gehören, und nahm nun mit unbeschreiblicher Rührung, aus der Hand des Dieners Christi, eines ehrwürdigen alten Mannes, das Mahl, das der zu seinem Gedächtniß einsetzte, der den Menschen die reinste Liebe und den Leidenden das höchste Bild der frommen Duldung war, der in der strengsten Pflichterfüllung unser Aller Meister ist, und der den Sterbenden seine schützenden Engel mit dem Freudenlichte seines Worts und seiner Hoffnungen entgegen sendet, daß sie die Gläubigen sicher geleiten durch das Dunkel der langen Todesnacht.

Vor dem Hause hob jetzt das Schülerchor, mit gedämpfter Stimme, das fromme Lied: Jesus meine Zuversicht, an; der Geistliche segnete sie zur ewigen Ruhe ein, und noch hatte das Lied nicht geendiget, als Hulda, des Lebens müde, ihr Haupt neigte, und lautlos, ohne Schmerz und ohne Klage hinüber schlummerte in das Reich der Seligen. — Noch ein leiser Seufzer, und die Engelreine hatte vollendet.

Die Glocken der Stadt schlugen Eins. Ihr dämmerte der Morgen der ewigen Verklärung.