Alonso’s mit schwacher Hand geschriebene Zeilen lauten also:
Meine ewig einzige Hulda! Nur, wenn ich hinüber gegangen bin in die Gefilde der Seligen, empfängst Du dieses Blatt. Ruht Dein Auge also darauf, so bin ich schon drüben in dem Lande des Friedens, in dem keine Täuschung mehr gilt, in dem nur die Wahrheit und das Recht dem Throne des Allmächtigen zur Seite stehen.
Ich habe eine schwere Krankheit überstanden; meine Leute glauben mich genesen, aber ich fühle, daß meiner Stunden nur wenige noch sind. Erinnert an meine Sterblichkeit, habe ich meinen letzten Willen aufgesetzt, Kraft dessen Du die alleinige Erbinn dessen bist, was die Menschen zeitliches Glück nennen. Danke mir dafür nicht, denn es war seit dem Augenblicke, als Du mir Deine Hand gabst, ja schon Dein. Das Testament selbst, das gleich nach meiner Landung unserm Alcalde Mayor wird eingehändigt werden, bedarf, nach unserm Gesetz, die Bestätigung des Vicekönigs, für deren Bewirkung die nöthige Sorge getragen werden soll.
Ich mag und kann nicht mehr leben. Ohne Dich, meine angebetete Hulda, hat die ganze Welt keinen Werth für mich. Zwischen uns hat sich der Fluch der sterbenden Mutter, wie ein glühender Markstein gestellt. Der Geächtete, der Verfluchte konnte Dir nie seine Hand bieten! Es ist mir gewesen, als wäre mein Gehirn aus dem Schädel gebrannt, denn ich habe den Gedanken, Dich, Dich meine Hulda, auf diese Weise aufgeben zu müssen, nicht fassen können.
Im Wahnwitz des hitzigen Fiebers, an dem ich krank lag, war mir am wohlsten. Da hielt ich Dich noch für mein; da spann ich mir die Sekunde, die ich mit Dir lebte, zu Tagen aus; jedes Wort, jeder Blick, jedes Lächeln von Dir, Du alleiniger Engel meines Lebens, war mir gegenwärtig, und in meiner glücklichen Einsamkeit störte mich nichts, als das Toben der Wellen, die sich an den Seiten meines Dreimasters schäumend brachen. Ich sprach, ich kos’te mit Dir; ich sog aus Deinen Augen, von Deinen Lippen, aus Deinen tausendfachen Reizen das Süßeste der Liebe.
Nach und nach verflogen meine Fieberträume; ich kehrte in das schauerkalte, der Verzweiflung heimgefallene Leben zurück, und bin unterdessen tausend Meilen von Dir weggekommen. Sonst, Du in diesen meinen Armen, an dieser meiner Brust! — jetzt — ein halbes Weltmeer zwischen uns! — Ich sehe und sehe, aber mitten auf dem unermeßlichen Ozean erspähe ich nichts, als Himmel und Wasser, Dunst und Nebel; dieß armselige Gewand unsers ganzen Erdballs begränzt mir den Blick nach Deinen Küsten, und meine Einsamkeit ist fürchterlich, weil sie ewig ist. Ich kann mit glühender Sehnsucht hinabblicken in den Abgrund des Meeres, denn nur mit meinem Tode hört mein Unglück auf.
Jenseits sollen die in Gott Entschlafenen sich wieder finden! Hast Du dieß Blatt in Deinen Händen, so habe ich, wenn jene wohlthuende Hoffnung des himmlischen Wiedersehens kein leeres Trostwort unsers Glaubens ist, und Deine Mutter unterdessen den letzten Todeskampf auch überstanden hat, sie gefunden, und bin von ihr jener Unheil bringenden Verwünschung entlastet worden. Ich bin dann rein von aller Sünde, auch von der, die aus falscher Ansicht mir aufgebürdet wurde, und Du kannst und darfst an mich denken, ohne mit Deinem engelreinen Herzen Dich meiner zu schämen!
Weine um mich nicht, Hulda. Ich fürchte den Tod nicht, und wenn Du diese Zeilen liesest, habe ich ja den letzten Kampf schon glücklich gekämpft. Die Trennung von Dir, meine einzige geliebte Hulda, war mir wahrhaftig schwerer, als mir die vom Leben werden kann. Nun Du mir fehlst, fehlt mir alles. Athemholen und Essen und Trinken heißt noch nicht Leben. Ehe ich Dich kannte, liebte ich neben Gott meinem Herrn, meiner Neger sanfte Gottheiten, den Mond und die Sonne. Seit Dich mein Auge sah, vergaß ich beide, denn beide, die alles belebende Kraft der Sonne, und die stille Milde des freundlichen Mondes, fand ich in Dir wieder. Nun ich Dich nicht mehr sehen kann, mag ich auch die Götter meiner Neger nicht; nur nach des Grabes Dunkel sehnt sich mein müdes Herz.