Es gibt, für den Mann von Gefühl, kein entsetzlicheres Loos unter dem Monde, als mit einer Gattinn verbunden zu seyn, die ihm, aus mehreren bewegenden Nebenumständen, nur nicht aus dem Drange ihres Herzens, ihre Hand gegeben. Antoinette erkannte alle Bemühungen Deines Vaters, ihr das Leben angenehm zu machen, sich in ihre unermüdlichen Launen zu fügen, und ihr Beweise seines herzlichsten Wohlwollens, seiner innigsten Liebe zu geben, an; aber sie konnte ihm dafür nichts, als bloßen Dank wiedergeben; sie haßte sich darüber selbst; sie klagte, in jedem ihrer Briefe, sich deßhalb selber an; die engelgleiche Schonung, mit der Dein Vater ihr zurückstoßendes Benehmen trug, und gegen andere sogar entschuldigte, drückte sie noch tiefer nieder; sie setzte sich in ihren schwermüthigen Selbstbetrachtungen zusammen, daß sie ihm und andern eine Last sey, und zerfiel so mit dem innern Glauben an sich und ihren Werth immer mehr. Eine sonderbare Frömmelei, der sie sich, nach ihren Briefen, besonders in der spätern Zeit, hingegeben zu haben, und in der sie, wie aus mehreren ihrer Aeußerungen hervorging, von einem dortigen mit ihr befreundetem Hause, bestärkt zu werden schien, dämpfte ihre zuweilen rege werdenden Bemühungen, sich aus sich selbst heraus zu reißen, noch mehr. Sie hielt jede Widerwärtigkeit für eine ausdrückliche Schickung Gottes, welcher die züchtige, die er lieb habe, und fügte sich zur Duldsamkeit der strengsten Büßerinnen unsrer christlichen Vorzeit. Ewig und ewig wühlte aber das Andenken an die Wehthat des Meineidigen, in ihrem tausendfach zerrissenen Herzen. Ach könnten die Männer das Unermeßliche der Liebe ahnen, das im keuschen Busen der Jungfrau so allmächtig wogt, sie würden die ungeheure Qual verstehen, die eine solche Liebe leidet, wenn sie betrogen wird! Verdamme nicht Deine unglückliche Mutter, wenn sie, — diese brennende Qual mehr denn zwanzig Jahre im gewaltsam verschlossenen Herzen, in der Stunde des ersehnten Todes, Alonso erkennend, — den wortbrüchigen Vater verfluchte! Es liegt in diesem Fluche etwas so schauderhaft Gräßliches, daß mir die Sinne vergingen, als ich ihn las. Hörten ihn doch alle, die sich eines gleichen Verbrechens schuldig wissen!
Deine Briefe, meine Hulda, bestimmten mich zu einer Reise nach Mexiko. Nach meiner festen Ueberzeugung galten die grausenden Verwünschungen der Sterbenden nicht dem schuldlosen Sohne, sondern der Sünde des Vaters. Alonso’s Aehnlichkeit mit diesem hatte der Unglücklichen, die auf der furchtbaren Schauerbrücke zwischen dieß und jenseits stand, wo alle Sehnen, alle Nerven, alle Fibern im Kampfe mit dem wüthenden Tode, bis zum Zerspringen gereizt, wo ihre Sinne krampfhaft zerrüttet, wo die unsichtbaren Bande zwischen Seele und Körper, von der erbarmunglosen Parze schon halb zerschnitten waren, jene Aehnlichkeit, sage ich, hatte in diesem entsetzlichen Augenblicke, ihrer verworrenen Phantasie das Bild des Treulosen wie mit einem Zauberschlage vorgeführt; dem Jahre lang, unter der Gewalt der Vernunft erlegenen Herzen entstürzte fest das bitterste aller Gifte, das Gift gekränkter Liebe. Das Recht, was sie sich anmaßte, den Vater im Sohne noch zu hassen, ist ein Beweis ihres Wahnsinns mehr. Ihr frommer Geist war schon von ihr gewichen; diese Aeußerung war nur die letzte Zuckung ihres verblutenden Herzens. Nur einen lichten Augenblick hätte sie noch haben dürfen, nur der ernsten Zusprache eines verständigen Freundes hätte es bedurft, und jene unseligen Worte wären über ihre Lippen nicht gekommen, oder von ihr, mit ihrem milden christlichen Sinne, widerrufen worden.
Im Plane der Vorsehung hat es anders gelegen! Jene Sünde des Vaters hat den schuldlosen Sohn zum Opfer gefordert.
Bereite Dich vor, meine Hulda, das Schmerzlichste zu hören.
Ein Schwarzer empfing mich und meinen Gatten in Alonso’s fürstlichem Palaste.
Auf unsere Frage nach seinem Herrn, brach der Mann in sanfte Thränen aus. Nur zu seiner Ruhestätte kann ich Euch geleiten, entgegnete er, mein edler Herr ist todt!
Hulda, halte fest an Gott und seinen Glauben! Alonso ist in der Blüthe seines Lebens, in des Todes kalte Arme gesunken.
Wenige Tage nach seiner Abfahrt aus Euerm Hafen, hatte ihn, wie der Neger erzählte, ein hitziges Fieber befallen. Der Steuermann, der Bootsmann, der Guardian, alle bitten ihn, zurückzukehren; er aber besteht auf der Fortsetzung der Fahrt; nach zwei langen Monaten fängt die Kraft des Rüstigen endlich an, sich allmählig wieder zu regen; alles preis’t Gott, der ihn, ohne ärztliche Hülfe wieder genesen ließ; nur ihm macht die Rückkehr in das Leben keine Freude; er, sonst der Lebendigste, der Heiterste auf dem Schiffe, sitzt in sich gekehrt und still, mit dem Gesichte nach Europa gewendet; spricht kein Wort, ist weich wie ein Kind, und hat oft heiße Thränen im Auge. Der Pilot, ein verständiger Mann, naht sich ihm mit bescheidener Frage nach der Ursache seines Kummers, glaubt, daß er körperlich leide, und bitter, seinen Cours auf die zunächst liegende Insel richten zu dürfen, um da für seine Gesundheit besser sorgen zu können; Alonso aber reicht ihm freundlich dankend die Hand, bittet, die Fahrt nach Vera-Cruz möglichst zu beschleunigen, behauptet, daß ihm auf dieser Welt Niemand helfen könne, setzt späterhin sein Testament auf, und übergibt es, für den Fall seines Todes auf der See, gedachten drei Schiffsoffizieren mit den gewöhnlichen Förmlichkeiten.
Ein anhaltender, sehr bedeutender Sturm, der das Schiff mehrere hundert Meilen verschlägt, und die angreifendsten Anstrengungen nöthig macht, deren sich Alonso, um die Mannschaft zu retten, Tag und Nacht unterzieht, bewirken in seiner Krankheit einen gefährlichen Rückfall. Seine Kräfte schwinden immer mehr, und nur mit Mühe gelingt es ihm, kaum noch lebend nach einer höchst mühvollen Fahrt, im Hafen von Vera-Cruz, endlich an das Land zu setzen. Man bringt ihn in das benachbarte Xalappa[53], das eine gesündere und angenehmere Lage hat, als Vera-Cruz selbst; allein er dringt darauf, nach Mexiko geschafft zu werden; die erdrückende Hitze auf den Dünen[54], über die ihn, in einem Ruhebette, seine treuen Sclaven tragen, verschlimmert seine Krankheit, und kaum in Mexiko angelangt, verscheidet er nach kurzem Leiden.
Sein letztes Wort war Dein Name, meine unglückliche Hulda. An Dich sind die Zeilen gerichtet, die er am Bord der Antoinette geschrieben, und unter Deiner Adresse versiegelt hinterlassen hat, und die mir, da ich mich als Deiner Mutter Schwester auswies, zur Weiterbeförderung an Dich, ausgehändigt worden sind. Alonso muß ein sehr edler Mensch gewesen seyn. Er hat im Testamente seinen sämmtlichen Sclaven die Freiheit geschenkt, und sie mit Mitteln zur Rückkehr in ihre Heimath versehen. Ganz Mexiko rühmt ihn, als ein Muster von Sittenreinheit; der Ruf seiner Tugend, seiner Kenntnisse und seines Wandels hat ihm die Liebe und Achtung der ganzen Stadt gewonnen, und ein recht rührender Beweis der zarten Anhänglichkeit seiner Umgebungen war, daß uns alle Personen im Hause, als wir nach seinem Grabmal wandelten, schweigend Hand und Fuß küßten, als wollten sie uns für die letzte Ehre danken, die wir ihrem angebeteten Herrn erwiesen. Das Monument, unter dem seine Hülle ruht, ist ein einfacher Würfel von weißlich grauem, sehr schön geschliffenen Granit. Es liegt unfern der Stadt, auf dem Hügel von Toatihuacan, zwischen den majestätischen Trümmern der, den indischen Göttern, dem Monde und der Sonne, geweihten Pyramiden, in der Mitte eines heiligen Palmenhains, rings umgeben von einem Kranze frisch gepflanzter brennender Liebe. Wir knieten, vom Dunkel der stillen Friedens-Palmen umschattet, am Grabe nieder, und beteten für Alonso und für Dich. —