Ihre blasse Wange röthete sich dann ein wenig, und das thränenmüde Auge blickte mit wehmüthigem Lächeln in die Zukunft. Sie glich der Sonne am frühen Herbstabend, die, hinter trüben Wolken hinabsinkend, noch einmal der Erde den freundlichen Scheideblick zuwirft. In ihrem großen, geistvollen Auge lag ein Himmel voll Seligkeit, und wenn sie vom Herzen zum Herzen sprach, glaubte man eine Heilige der christlichen Vorwelt zu hören, so demüthig war ihr Sinn, so gottergeben ihr engelreines Gemüth, so vorbereitet ihre Seele auf das Jenseit, dem sie, durch Vollendung ihres edlen Selbst, entgegen reifte. Nur wenn die Rede auf ihn kam, an dem ihr Herz mit unaussprechlicher Liebe hing, trat die Anhänglichkeit an das Irdische mit all ihrem Zauber wieder vor; sie erschrak dann über die kalte Hand des Todes, die ihr den Blüthenreiz der Jugend so grausam abgestreift, das frische Purpurroth auf ihrer Lilienwange in kranke Leichenblässe gewandelt, und des Fleisches kräftige Frische so unerbittlich gewelkt hatte. Ihr Lieblingsaufenthalt war auf dem Balkon; wer die süßeste Sehnsucht der Liebe mahlen wollte, mußte dieß Mädchen sehen, wenn es oft Stunden lang, unverwendeten Blickes, in das unermeßliche Weltmeer schauete; und dann, heimlich vor sich hin, die Augen voll Wasser, den Kopf schüttelte, und leise sagte: er kömmt immer noch nicht.
Endlich, nach vierzehn langen Monaten, trafen Briefe von der Tante Sophie ein.
Der Mutter Wille, schrieb diese unter andern: ist, wie Du mir sagst, daß ich Dir das dunkele Räthsel löse, das der Unglücklichen Leben bis zur letzten Stunde trübte, und Dir, meine theure Hulda, alle Deine Hoffnungen, all’ Dein Glück, unwiederbringlich vernichtet hat.
Ich erfülle diesen Willen mit schwerem Herzen, weil ich des Unerforschlichen Wege, auf denen sich Folgen an Ursachen in ewiger Kette fortreihen, hier so sichtbar gezeichnet finde, daß ich alle Menschen laut und dringend beschwören möchte, jeden ihrer Schritte, jede ihrer Handlungen, und alles, was der Natur der Dinge nach, daraus entstehen muß, prüfend zu berathen, um seine Seele nicht mit Vorwürfen zu belasten, die keine Macht der Welt von uns zu nehmen vermag.
Antoinette ward, in der Blüthe ihrer Jahre, von einem jungen Manne geliebt, der ihren Reizen und ihren Tugenden mit unbeschreiblicher Leidenschaftlichkeit huldigte. Selbst ohne Vermögen, bot er, in leichter Hoffnung auf künftiges Glück, und ohne zu überrechnen, was zur Führung eines auch nur mittelmäßigen Hausstandes unentbehrlich nöthig ist, dem Mädchen seines Herzens die Hand; unsere Eltern aber, wie die seinigen, konnten diesen raschen Schritt nicht billigen, und empfahlen dem Heirathlustigen, die Verbesserung seiner Lage abzuwarten, die ihm, bei seinen Kenntnissen, mit der Zeit nicht entstehen könne.
Man hielt die Trennung beider Liebenden für das zweckmäßigste Mittel, ihn von allen Zerstreuungen abzuhalten, um sich desto bestimmter seinem Berufe widmen, und die Begründung seiner künftigen Selbständigkeit desto ungestörter bewirken zu können.
Er verließ, unter den heiligsten Schwüren ewiger Treue, unser Frankfurt, und ging nach Hamburg, um auf dem Comptoir eines der ersten dasigen Häuser zu arbeiten. Mangel an festen Grundsätzen, rasches Temperament, und Gelegenheit — wie viele junge Männer unsrer Zeit mögen diesen verführerischen Dämonen ihres Lebensglücks sich nicht schon in die Arme geworfen haben, ohne die Folgen ihrer Unbesonnenheit zu berechnen — Ein junges, unerfahrnes Mädchen von gutem Herkommen, wohnt mit ihm in einem und dem nämlichen Hause; sie sehen sich täglich; ihr beiderseitiger Umgang wird vertrauter, und der Mann, der vor wenigen Monaten noch, zu Antoinettens Füßen die Reinheit seiner Liebe mit tausend Eiden bekräftigte, mußte, um die Gefallene nicht dem Spotte der Welt Preis zu geben, mit ihr flüchten. In Mexiko gebar sie Alonso, und starb vor Gram über ihren Leichtsinn, der sie aus dem Kreise ihrer achtbaren Familie in einen fremden Erdstrich bannte, worin sie sich arm und verlassen fühlte und, nachdem der erste Rausch der Leidenschaft verflogen war, sich von dem nicht mehr geliebt sah, dem sie alles geopfert hatte. Alonso’s Vater machte seine Talente bald geltend; wer hier Thätigkeit mit Umsicht verbindet, muß sein Ziel erreichen; das Glück war dem Manne, der sich nun mit rastlosem Eifer in die Geschäfte warf, vorzüglich günstig, und so hinterließ er seinem eingebornen Sohne ein Vermögen, welches, selbst nach hiesigem Maßstabe, zu den bedeutendern gehört. Seinen deutschen Namen, Schmalz, hatte er, wahrscheinlich um unentdeckt zu bleiben, oder weil die sechs Consonanten in Einer Sylbe, dem spanischen und indischen Munde seiner Geschäftsverbündeten und Untergebenen unaussprechbar waren, in das Spanische übersetzt, und sich daher Mantequilla genannt; oft schon hatte ich von dem reichen Mantequilla in Mexiko gehört, ohne zu ahnen, daß dieß der Unbesonnene sey, der meiner Antoinette das Herz gebrochen hat.
Auf diese hatte seine Treulosigkeit einen furchtbaren Eindruck gemacht. Sie war von dem Augenblicke an, da sie die Nachricht seiner Flucht hörte, wie umgewandelt; sonst die fröhliche Unbefangenheit, die Gutmüthigkeit, die Liebe selbst, ward sie kalt und verschlossen; sie haßte das Leben und seine Freuden; in ihrem Innern gährte eine Säure, eine Bitterkeit, die sie gegen alle Menschen immer mehr und mehr verfeindeten; ihre Vernunft nur und ihr Pflichtgefühl, zügelten ihren heimlichen Ingrimm gegen die ganze Welt; sie glaubte an keine Eide mehr; sie hielt das ganze Menschengeschlecht für entwürdiget.
Dein Vater, von dem Reize ihrer blendenden Schönheit hingerissen, warb um ihre Hand; er ward von allen seinen Freunden gewarnt; allein der joviale Mann hielt ihre Kälte für Tiefe des Gemüths; ihre Zurückgezogenheit für Folge ihrer bisher eingeschränkten Lebensweise; ihre Bitterkeit, für Witz. Sie gab ihm ihre Hand ohne Liebe; sie gab sie ihm, weil es unsere Aeltern wünschten, weil sie jede ihrer Wünsche als unwiderrufliches Gesetz ansah, und weil sie jede ihrer Pflichten mit einer Strenge gegen sich selbst erfüllte, die an Märtyrerwahn gränzte. Es that ihr wohl, sich dem älterlichen Willen zum Opfer zu bringen; ihr Leben hatte, nach ihrer trüben Ansicht, doch nun wenigstens einen Zweck gehabt.