Mein Mütterchen, sagte Hulda mit der Wehmuth leisestem Tone, und kniete am Sarge nieder: Du zürnest nicht mehr mit mir? Du behältst mir drüben Deine Liebe? Dein Kind darf furchtlos an das Wiedersehen denken? — Der in den letzten Augenblicken Deines Lebens den Frieden Deiner Seele störte, er hat zum Opfer sich und mich gebracht. Das Kind soll folgsam seiner Mutter seyn. So hat sein edles Herz gewollt. Laß nun auch ab von Deinem Hasse gegen ihn, und kann aus jenen Lichtgefilden, in denen Deine Seele schwebt, auf Dein verwais’tes Kind Dein mütterlicher Segen wirken, so gib mir Kräfte, daß ich ertrage, was Dein Gebot mir auferlegt; und ist es in dem Plane des Geschicks, daß des irdischen Lebens Glück unwiderruflich mir verloren sey, so rufe Du mich bald, daß ich Dir folge, denn diese arme Welt gewährt mir keine Freude mehr. Schlaf sanft, mein Mütterchen! die Klage meiner Leiden soll in Deiner Ruhe Dich nicht stören. Kein Vorwurf soll in Deine stille Kammer Dich begleiten. Mein Heiland starb am martervollen Kreuze; er duldete und schwieg; auch ich will schweigend dulden. Vergebung flehete er, weil sie nicht wußten, was sie thaten. Vielleicht hast Du, mein Mütterchen, auch nicht gewußt, warum Du mir gethan, was meines Lebens Blüthe vernichtet hat, auf ewig. Mein Jesus lehrte mich, in diesem Fall, Vergebung Dir erbitten; und so soll Gott sich Deiner mild erbarmen, und wenn Du fehltest, mit seiner Liebe nur Dich richten. In Deinem Willen lag gewiß mein Wohl, und darum sey entladen aller Schuld, und kehre ein in Deiner Freuden Reich.

Sie neigte ihr Haupt auf die gefalteten Hände, und wimmerte, leise schluchzend. Da traten die mit schwarzem Krepp umflorten Träger ein, und verschlossen den Sarg. Einen Blick noch warf sie auf die Entschlafene, einen Blick der Liebe, der Verzeihung und des Friedens; und der Gott, der den schuldlosen Kindern das Himmelreich verheißet, und in seinem unerforschlichen Willen von seinen Auserwählten oft der Prüfung schwere Opfer fodert, schenkte ihrem Herzen wohlthätige Thränen und sanften Trost.


Mit einem spanischen Schiffe, das einige Wochen später nach dem Hafen von Calao[52] abging, hatte Hulda den Tod der Mutter deren Schwester, der Tante Sophie in Lima berichtet, sie von ihren Verhältnissen zu Alonso in Kenntniß gesetzt, und sie zugleich um die Aufschlüsse über der Mutter unerklärliche Abneigung gegen letztern gebeten.


Der Kummer über den Verlornen; der Schmerz, daß die erste Freundinn ihres Herzens, ihre Mutter, ein Bündniß nicht gebilliget hatte, in dem Hulda ihr ganzes Lebensglück zu finden meinte; die zweitausend Meilen weite Trennung von dem Treugeliebten; der sich täglich mehr begründete Zweifel eines möglichen Wiedersehens; das heimliche Spötteln mancher werthlosen Menschen; die heimtückische Rachsucht der Makler-Familie, die sich freute, das unglückliche Mädchen auf alle ersinnliche Art zu kränken; das lange vergebliche Harren auf eine endliche Nachricht von ihm und der Tante — Alles dieß nagte zerstörend an Hulda’s frischer Jugendkraft. Sie verlor allen Reiz am Leben, zog sich aus allen gesellschaftlichen Kreisen, mied alle Zerstreuungen, und lebte nur ihrem stillen Kummer und der Erinnerung der seligen Stunden, die ihr in Alonso’s Nähe vom Geschick, nur viel zu spärlich, zugemessen gewesen waren.

Einem reinen, zartfühlenden Mädchen ist kein Gift gefährlicher, als das des Grams der Liebe. Wie schmerzlich hatte dieses hier gewüthet! Die schöne Knospe, sie war geknickt. Verwelkt waren Blätter und Zweige; verdorrt der Saft des Lebens!

Ich kannte Hulda’s Lage, und meine herzliche Theilnahme erwarb mir ihr freundliches Wohlwollen.

Sie sprach, wenn sie mit Gustchen, ihrer vertrautesten Freundinn allein war, gern von Alonso, — aus der geheimsten Tiefe ihrer Seele schien dann immer noch ein schwacher Strahl der Hoffnung aufzublitzen, daß eine Verbindung mit dem Geliebten ihres Herzens doch möglich sey.