Sie sah den Todesboten mit thränenschweren Augen an, that aus der blutenden Brust einen lauten Schmerzensschrei und sank, dem Jammer des Lebens auf ewig verfallen, ohne Besinnung zu Boden.
Nach einer Stunde erst kam sie so weit wieder zu sich, daß sie ihrer Sinne mächtig ward. Unter dem Vorwande, frische Luft zu schöpfen, ging sie in den Garten, trat später in den Saal und bestieg den Balkon.
Auf der Stelle im Hafen, wo die prächtige Antoinette vor Anker lag, befand sich jetzt ein unansehnlicher Grönlandsfahrer; draußen auf dem Meere, ganz oben, auf der fernsten Höhe des Wasserspiegels, gewahrte sie einen schwarzen Punkt. Das war Alonso’s Schiff; mit gebrochenem Herzen rief sie dem Entschwindenden, der unauslöschlichen Liebe verzweiflungvolles Lebewohl, leise nach, und sah, still vor sich weinend, starren Auges, nach dem immer mehr und mehr enteilenden Punkte hin, bis er verschwand.
Zehnmal wischte sie sich die aus der gepreßten Brust unaufhaltsam hervorquellenden Thränen von den Wimpern, um noch einmal, nur noch ein einziges Mal das fliehende Schiff zu erspähen. Aber ihr Auge erreichte es nicht mehr! —
Die Mutter todt, Alonso fort! — Vielleicht auf immer und ewig fort! —
Die Unglückliche drückte das letzte Zeichen seiner Treue, die brennende Liebe, an die Lippen, und überließ sich, still weinend, der schmerzlichsten Trauer.
Die Leiche der Mutter zu sehen, hatte sie absichtlich gemieden; das zürnende Drohgesicht — es wich nicht von ihrem innern Auge; sie sah es wachend und träumend.
Am Begräbnißtage — sie hatte den entsetzlichen Augenblick lange gefürchtet, wo sie der Hülle der Vorangegangenen zum letzten Mal sich nähern sollte, um ihr der Kindesliebe frommen Dank zu bringen, und ihr zur Nacht des langen Schlafs, die Ruhe der Seligen zu wünschen — am Begräbnißtage trat sie an den Sarg.
Der Mutter Züge hatten sich verändert; nichts trübte mehr die qualerfüllte Brust, in der das frömmste Herz geschlagen. Der Kummer dieses Lebens drückte nicht mehr auf die Engelreine. Versöhnt mit dem Geschick, und harrend ihres Lohns, der droben guter Menschen wartet, lag sie, wie eine Gottverklärte da. Ein mildes Lächeln schwebte in jedem ihrer Züge; es war, als spräch’ ihr blasser Mund, mein Glück war nicht von dieser Welt. Jetzt ist mir wohl. Der Gott, der jede still geweinte Thräne zählt, wiegt jede mir durch tausend Freuden auf.