Hulda stutzte!

Was war das! die Mutter, sonst die Wahrheit selbst, hatte auf die Frage, ob Jemand bei ihr war, geantwortet, kein Mensch! und doch war Suschen — was konnte das Mädchen bei der Mutter gewollt haben? was konnte das so dringende Geschäft gewesen seyn? sollte der Mensch mit dem langen Sehrohr — der Mutter sonderbare Aeußerung über das Heirathen, — aber — einfältiger Gedanke; so etwas — wenn auch Suschen in seinem Auftrage gekommen wäre, so etwas macht sich doch nicht in solcher Eil, in solcher Hast ab. Zwar — das Mädchen konnte ja blos einen Brief von ihm bringen — doch — nein, die Liebe ist unausstehlich! sie macht alles möglich, sie setzt sich über alles weg; das Allerunwahrscheinlichste wird dem liebenden Glauben zur unumstößlichen Thatsache. Suschen war ein dummes gutherziges Ding; der junge Fremde hatte sich, seiner Geschäfte wegen, bei dem Vater, dem Schiffsmakler gemeldet; das Gespräch war auf dieß und jenes gekommen, am Ende auch auf den Herrn Admiralitätsrath Splügen, und dessen Jungfer Tochter; der Herr Fremde hatte — denn der konnte sich nicht verstellen, das hatte ihm Hulda nun schon abgemerkt, — geäußert, daß er dieser Hulda Splügen gar nicht gram sey, Mamsell Suschen, die sich nur zu gern in alles mengte, hatte in ihrer lieben Unbefangenheit sich erboten —

Der Vater lachte laut auf, denn, eben von seiner Erholung zu Hause gekommen, hatte er auf dem Flur der Tochter schon lange zugesehen, die, in Gedanken verloren, wie eine Bildsäule stand, das Wachslicht dicht vor das Näschen hielt und, mit beiden Augen starr in das milde Licht schauend, die Flammengluth nicht ahnete, zu der die ersten Liebesfunken in der geheimsten Tiefe ihres Innern, binnen wenigen Stunden, emporgelodert waren.

Hulda erschrak über die unvermuthete Nähe des Vaters und sein ironisches Lachen so heftig, daß das Licht auslöschte, und das war auch recht gut, denn sonst hätte der Vater den Scharlach gewahren müssen, der sich über das Zaubergesichtchen der liebholden Träumerinn, mit Blitzesschnelle ergossen hatte.

Sie ging zurück, das Licht wieder anzuzünden, und als sie es brachte, war der Vater, der vorhin so fröhlich geschienen hatte, verstimmt und befangen; er sah den Liebling seines Herzens mit ungewissem Blicke an, ging im Zimmer auf und ab, gab seiner Frau die Hand, schüttelte schweigend den Kopf, sagte still vor sich hin, nein, — nein, und ging in sein Kabinet.

Was war dem Vater? fragte Hulda besorglich — die Mutter aber entgegnete, nichts, Kind, Du weißt ja, wie die Männer sind.

Hulda schwieg, aber es ward ihr, sie konnte sich selbst nicht sagen, warum, bange in der beklommenen Brust, denn ohne Bedeutung war des Vaters: nein, nein! und der Mutter unterdrückte Verdrüßlichkeit nicht; und daß sie im Spiele war, lag klar am Tage; der Vater sah sie gar zu sonderbar an. Am Ende — ganz gewiß hatte die Mutter den Brief, den ihr Suschen brachte, und in welchem der da unten im Hafen ihrer erwähnte, dem Vater mitgetheilt, und dieser zu dem Antrage des Tollkühnen, sein einziges Kind ihm mit nach Amerika zu geben, — das vorbedeutende nein, nein gesagt — aber das konnte es ja auch nicht seyn! denn der Mutter schien dieses hingeworfene nein nein, gar nicht recht! — Je mehr sie sich alle Umstände zusammensetzte, desto verwirrter ward sie in ihrer Logik; und sie zagte jetzt dem Abendbrode entgegen, wo sie zwischen den beiden räthselvollen Aeltern sitzen sollte, ohne zu wissen, woran sie sey. Sie glaubte, die Mutter werde wegen des Unfalles von heute Mittag, nicht mit zu Tische gehen, aber, als wolle diese Vater und Tochter absichtlich mit einander nicht allein lassen, sie behauptete, daß ihr recht wohl sey, und kam.

Der Vater — das war so seine Art, wenn er mit der Mutter eine kleine vorübergehende Unannehmlichkeit gehabt hatte, — entfernte sich auf einige Minuten in sein Kabinet, kam dann mit erzwungener Laune zurück, gedachte des Vorfalls mit keiner Sylbe weiter, und bemühte sich, das gute Vernehmen, durch erkünstelte Heiterkeit, möglichst bald wieder herzustellen; der Vater brachte seinen, in aller Geschwindigkeit zusammengestoppelten Humor mit zu Tische; wenn er aber, mitten im Gespräch, Hulda ansah, dann schien dieser es immer, als wenn sein Blick ihr verstohlen sagen wollte, mein armes Kind, wenn Du doch wüßtest, was sie mit dir vorhätten. Doch späterhin, als er die Galle, die in ihm mochte rege werden, mit seinem vortrefflichen Loignon verdünnte, schien er das Krüppelchen, was ihm das Schicksal, vor dem Traualtare, an sein Lebensglück gebunden hatte, auf einige Augenblicke wieder vergessen zu haben; er ward freundlicher, und erzählte von den Begebnissen des Tages mit seiner gewohnten Lebhaftigkeit und fröhlichen Laune.

Apropos, begann er unter andern, zu Hulda gewendet: Du brauchst Dich morgen bei Direktors nach dem jungen Fremden nicht zu erkundigen. Hulda schlug die Augen auf den Teller nieder, und ärgerte sich über sich selbst, denn schon dieß einzige Wort jagte ihr eine stechende Röthe auf die Wangen; die Mutter aber legte Messer und Gabel weg, als vergehe ihr Essen und Trinken.

Beides bemerkte der Vater nicht, und berichtete nun, daß der junge Mann aus Mexiko sey. Ich weiß jetzt alles, fuhr er fort: er ist am Bord seines eigenen Schiffes, mit einer reichen Ladung von Vanille, Seide, Balsam und Kakao, aus dem Südseehafen Acapulco in See gegangen, und will hier Leinwand, als Rückfracht nehmen. Am Isthmus von Panama hat er weitläufige Kolonien; und aus den undurchdringlichen Wäldern seiner Heimath, versieht er mit Schiffsbauholz die Häfen von Veracrux und ganz Nordamerika. Mit den Tschipewäern, den Missuriern und den Biberindianern oben am Eismeere und mit den Huronen und Algonkinen in Kanada, hat er einen ausgebreiteten Handel mit Pelzwaaren, und von Yukatan an der Hondurasbai zieht er jährlich ungeheure Quantitäten Kampecheholz, mit dem ihr violett färbt, und unsere Aerzte die Ruhr vertreiben; und an den unerschöpflichen Gold- und Silbergruben seines Vaterlandes, deren Ausbeute jährlich 23 Millionen Piaster beträgt, hat er einen namhaften Antheil; seht Kinder, das ist ein Kaufmännchen, gegen den die Krämer unserer kleinbürgerlichen Seestadt sich alle verstecken müssen. Das Schiff, mit dem er gekommen ist, heißt, wie Du Frauchen, Antoinette, und —