Hulda konnte sich die auffallende Umwandlung platterdings nicht erklären; sie frug die Mutter, ob in ihrer Abwesenheit etwas vorgefallen sey, was die glückliche heitere Stimmung bewirkte, allein die Mutter erwiederte lachend: soll ich mich meines Kindes nicht freuen? Du bist so fromm und gut; Du bist so frisch und gesund, so groß, und — die Mutter darf das ja dem bescheidenen Kinde in das Gesicht sagen, und so hübsch geworden, und wer dich vor ein paar Jahren sah, und Dir jetzt wieder begegnet, kennt Dich nicht mehr. Wie lange wird es werden, und ich flechte Dir den Brautkranz in’s Haar!

Der lieblichen Hulda flog alles Blut in die Wangen; davon hatte die Mutter im Leben noch nicht gesprochen. Man hatte sie immer noch wie ein Kind behandelt; die Mutter hatte sie, noch vor wenigen Tagen, ihr Kälbchen geheißen, und gefragt, wenn sie denn einmal die Kinderschuhe ausziehen werde, und jetzt — vom Brautkranz! — sollte unterdessen etwa der wilde Mensch, der Amerikaner — aber der war ja seit heute Mittag nicht von seinem Verdeck gekommen, der saß ja bestimmt noch in seinem Korbe. Nein, das war nicht möglich!

Es sollte mich, fuhr die Mutter freundlich fort: nichts glücklicher machen, als wenn ich noch die Seligkeit haben sollte, Dich vor meinem Hinscheiden, an der Seite eines recht wackern Mannes zu sehen.

Dem Mädchen verging der Athem. Das Gesicht brannte ihm, wie Feuer! Der Dreimaster, das Kreuz, die drohende Mutter, das Sterbegewand, der englische Kutter, der Grabstein, alles wirrte sich ihr in dem Augenblick vor die Seele; sie wollte sich zum Scherz zwingen, und der Mutter versichern, daß es mit dem Brautkranz noch lange Zeit habe, aber — kein Wort konnte sie über die Lippen bringen. Hatte der Mensch mit dem braunen Lockenkopfe und den veilchenblauen Augen — denn keinen andern konnte die Mutter meinen, weil kein anderer auf der ganzen Welt in ihrem jungfräulichen, vor wenigen Minuten noch fest verschlossenen Herzen lebte — hatte der vielleicht durch einen Dritten — nein aber so rasend konnte er, wenn sie ihm auch, nach seinem Benehmen, alle Tollheiten zutrauen mußte, doch nicht seyn.

Schenkt mir der liebe Herr Gott, setzte die Mutter ernster werdend hinzu: meine Gesundheit wieder, und fristet er mir mein Leben, so gehört es zu dessen einziger Glückseligkeit, daß ich Dich in der Nähe behalte. Mütter, die das Liebste ihres Herzens, ihre Kinder, aus dem Hause in die weite Welt ziehen sehen, büßen mehr denn die Hälfte ihres ganzen Lebensglücks unwiederbringlich ein. Du bist jetzt in den Jahren, meine herzensliebe Hulda, daß Du meine Freundin seyn kannst; hier, das weißt Du, mein Kind, ist niemand, dem diese Stelle zu Theil ward. Die Männer gehören dem Getriebe der Geschäfte, der halben Welt; und meine Sophie, meine treue Schwester, haben sie zweitausend Meilen weit von mir weggeführt. Die wußte — sie sprach leiser, ihre Stimme ward weich und stille Thränen traten ihr in das lebensmüde Auge — die wußte alles; meinen Kummer und meinen Schmerz; auch meine Freuden wußte sie; ihr Gatte führte sie mit sich aus meinen Armen über das Weltmeer, und so habe ich seitdem zwanzig lange Jahre allein gestanden, bis Du jetzt heranwuchsest, um mir den Rest meiner Tage durch Deine Freundschaft, Deine Liebe zu versüßen, und mir die Augen, wenn sie im Tode sich brechen, zum ewigen Schlummer zu schließen. Nicht wahr mein einziges, mein süßes Kind, Du gehst nicht von mir?

Nein mein Mütterchen, rief Hulda tief bewegt, und dachte in diesem Augenblicke an nichts, als an die heilige Pflicht, die der Vater dessen, der die Kindlein zu sich kommen ließ, um sie zu segnen, in die fromme Brust jedes guten Menschen gelegt hat. Sie wollte noch etwas sagen, aber die Mutter unterbrach sie mitten in der Rede.

Der Vater, hob sie an, und es war, als verhalte sie die Miene des Verdrusses mit Mühe: der Vater gab Dir heute den Auftrag, Dich nach dem jungen Fremden — sie hielt inne, und legte die Hand krampfhaft zuckend, sich auf die Augen — nach dem jungen Fremden zu erkundigen. Thue das nicht, Hulda, Männer sind in dergleichen Fällen leichter, unzarter; Du aber wirst fühlen, daß sich das nicht schickt; der alte Director, Du kennst ihn, und besonders die Linsing’schen Mädchen — sie machte ein Gesicht, als seyen ihr letztere unbeschreiblich zuwider — bestimmt dächten diese, Du fragtest aus ganz besonderen Ursachen nach dem — nach dem Menschen.

Der armen Hulda flog ein geheimes Zittern durch alle Glieder, als die Mutter des Klettervirtuosen auf dem Rösterwerk gedachte; um nur davon abzukommen, und um — sie konnte aus dem Gesichte der Mutter nicht recht klug werden; es mußte ihr jemand von dem Unbekannten etwas gesagt haben, und um also zu erfahren, wer etwa mit der Mutter sprach, fragte sie, nach der Versicherung, daß sie, auch ohne die freundliche Erinnerung der Mutter, die Frage nach dem Fremden, bei Directors nicht gethan haben würde, querfeldein, ob unterdessen, daß sie im Garten arbeitete, Jemand bei der Mutter war; diese aber erwiederte halb lächelnd: kein Mensch, und versicherte, sie habe fast die ganze Zeit geschlafen, sey vor wenigen Augenblicken erst erwacht und — sie betonte das Wort, — gleich mit dem Gefühle der angenehmsten Erheiterung.

Kurz darauf erzählte die Köchinn, welcher Hulda, zum Abendessen, mehreres heraus gab, wie sie sich vorhin über Maklers Suschen ärgerte; das kam, fuhr sie, der Schiffssprache wohl kundig, fort: das kam die Treppe herauf gebraus’t, wie ein fliegender Sturmwind zwischen den Wendekreisen. Ich bat höflich, die Segel back zu brassen, weil die Frau Admiralitätsräthinn schlafe; Orkan-Suschen aber blieb beim steifen Winde, verlangte dringend, mit der Frau Räthinn zu sprechen, that erschrecklich fröhlich, als habe es, wer weiß, was vor eine glatte Fahrt, setzte alle Segel bei und mudderte gerades Weges in die Stube. Aber keine fünf Minuten, so wendete der Schnellsegler durch den Wind, und fuhr von dannen, woher er kam.