Gar nicht übel, so ein Schiffchen, sagte lächelnd Hulda halb laut, und weidete sich an dem Anblick des jungen stattlichen Schiffsherrn; bisher hatte sie ihn immer im schwarzen Frack gesehen, jetzt — bestimmt hatte er gar kein Logis in der Stadt gemiethet, sondern wohnte, wie das in den Seehäfen wohl gewöhnlich ist, in der Kajüte seines Dreimasters — jetzt hatte er es sich bequem gemacht, und sich in sein seemännisches Negligee geworfen; die Tracht stand ihm, meinte Hulda, die in ihrer ungesehenen blumenumdufteten Höhe kein Auge von dem frischen, kräftigen Seefahrer verwendete, wunderhübsch. Jacke und Beinkleider von seidenem streifigen Zeuche; um den Hals ein schottisches Tuch geschlungen, dessen leicht geschürzter Knoten auf die offene Brust herabhing; so stand er vom Abendglanze der untergehenden Sonne mild umflossen, und horchte den melodischen Gesängen zu, die auf dem Deck seines Schiffes, vier brandschwarze Neger in ihrer Landessprache recht sinnig begonnen, und lachte über das von dem Deck des neben ihm liegenden Fahrzeuges, emporgellende Gezwitscher der tausend und aber tausend goldgelben Kanarienvögel, die in dem blühenden Orangenwalde, mit dem sie heute erst von den Kanarischen Inseln angekommen waren, frei herumschwärmten, und immer schärfer schrieen, je lauter die Neger sangen.
Im Saale stand — der Herr Amerikaner zwischen den schwarzen Sängern und den gelben Schreiern, er sah gar zu niedlich aus, sie mußte ihn einmal recht betrachten, es sah sie ja Niemand hier, — im Saale stand ein kleines Fernrohr des Vaters; sie schlüpfte hinein, holte es, kam wieder heraus, baute sich auf ihrem Nähtischchen ein kleines Versteck von recht groß buschigen Levkoitöpfen, streckte dann ihr Fernröhrchen dazwischen und lugte, im Geheimen nun überselig, herab, und — sah nichts, denn der Gesuchte war von seinem Verdecke verschwunden.
Sie überflog rasch mit einem Blick den ganzen Hafen, ob er sich etwa unterdessen in ein Boot geworfen habe, und sich an das Land setzen lasse; aber der ganze Hafen war zwar mit solchen kleinen hin und her gehenden Dingern, wie bedeckt, doch der, dem sie nachspähte, fand sich in keinem; der Mensch geht am Ende, sagte sie, mit dem Auge wieder vor ihrem Fernrohr: mit den Hühnern zu Bette! aber an solch einem himmlischen Abend, sich jetzt schon schlafen zu legen, nein das ist ja nicht — sie fuhr in diesem Augenblicke mit dem Rohre an der Seitenwand seines Schiffes herab, da — als schlüge der Blitz ihr das verwünschte Ding aus der Hand, so erschrak sie, und fuhr mit einem lauten Ach, in die Höhe; denn in der einen Geschützpforte des obern Verdecks, hatte der Schelm, hinten im Dunkeln gestanden, ein ellenlanges Telescop vor sich, und dieses gerade auf sie gerichtet; mit diesem Goliath von Telescop langte er sich alle, Millionen Meilen weite Sterne vom Himmel herunter, wie genau mußte er sie hier oben nicht beobachtet haben. Wie mochte er lachen, als er sah, wie sie hinter den Levkoibüschen stecke und ihn auf dem Verdecke suchte — was mußte er von ihr — nein, sie konnte um keinen Preis länger oben bleiben; sie fühlte, ihre Wangen glühten, wie Feuer, und angezogen war sie heute auch nicht besonders; auf eine solche Special-Musterung, wie der da unten, hinter seinen Stauchweegers, über sie hielt, hatte sie sich heute freilich nicht eingerichtet; sie packte ihre Nätherei, mit der sie diesen Abend nicht weit gekommen war, wieder zusammen; er stand — sie warf nur einen halben Viertelsseitenblick hinab, und erkannte, mit bloßen Augen, das große Spährohr, das jetzt, über eine brabanter Elle lang, aus der Geschützpforte hervorragte, — er stand noch immer da, und wenn sie gleich nicht in Abrede stellte, daß sie in seinem Benehmen, sich mit dem langen Dinge nicht vor seinen Matrosen und allen Leuten, auf das Verdeck zu stellen, eine Art von Zartheit finden müsse; so meinte sie doch auf der andern Seite, daß er die ganze Sternguckerei hätte unterweges lassen können, denn wenn das einer ihrer Bekannten, von denen beständig mehrere am Bord bald dieses, bald jenes Schiffes im Hafen sich befanden, gewahrte, so wäre in den ersten vier und zwanzig Stunden, in der ganzen Stadt herum, daß — Gott! der Mensch stand immer noch da; sie hatte nur herab geschielt, aber das Rohr war auf sie gestellt, als hätte es der erste Zieler der Welt gerichtet; sie ward so unnennbar süß befangen, daß sie, vor heimlichem Lachen, sich über das unausstehliche dicke Rohr, gar nicht recht ärgern konnte. Lange schon hätte sie vom Balkon gehen können, aber es gab noch erschrecklich viel dort oben zu schäftern; der Nähtisch war so staubig, der mußte abgewischt werden; die Blumen in den Töpfen — nein der Vater mußte mit dem Gärtner wirklich einmal ein recht ernstlich Wort reden; da war auch nicht ein Stock ausgeputzt, keiner angebunden, keiner — sie nahm einen Topf nach dem andern vor und hatte tausend Arbeit. Das gigantische Rohr, es stand wahrhaftig noch unverrückt. Anfangs war ihr die Sache verdrüßlich gewesen, jetzt, meinte sie bei sich selbst, fange sie an, ihr Spaß zu machen.
Die kleinen goldgefiederten Insulaner waren unterdessen müde geworden und hatten unter den Orangenblüthen, deren aromatischer Duft die ganze Atmosphäre durchwürzte, ihre Nesterchen gesucht; auf dem schwarzbetheerten Grönlandsfahrer links weiter unten, streckten die thranigen Matrosen sich der Länge nach, unter dem Fockmast zur Ruhe; die Neger auf der amerikanischen Fregatte sangen der scheidenden Sonne, die eben, ihre Brüder und Schwestern zu wecken, hinab sank, die wehmüthigsten Melodieen der Sehnsucht und Liebe nach, und immer stiller und lautloser ward es im Hafen; im Westen aber flammte das Feuergold der Himmlischen, und bekantete die dunkeln Nachtwolken, die tief unten am Horizonte dem Meere entstiegen, mit glühenden Säumen. Die indischen weichen Lieder der Schwarzen, klangen in Huldas Herzen seltsam wieder; ihr entzückter Blick staunte schweigend in die unbeschreibliche Pracht der Abendfeier; die Nachtwinde, die auf der gränzenlosen Fläche des Meeresspiegels, ihr eigenes Spiel treiben, jagten das leichte, golddurchblitzte Abendgewölk vor sich her, daß sich daraus oft wunderbare Gestalten bildeten, deren Deutung die Sinnige, ohne die Phantasie sehr anzustrengen, leicht zu finden vermeinte. Die Eisberge, die sich dort in das Unermeßliche hinaufthürmten, mit den zwei riesenmäßigen Bären und der tiefe Schnee — nun, daß das auf Nordamerika zielte, und zwar auf das alleroberste am Nordpol selbst, das lag wohl außer Zweifel. Der ungeheure Wasserfall von mehr denn 4000 Fuß in der Breite, mit seinen Tafel-Felsen, und seinen Staubwolken, und Strudeln und Wirbeln, — das war der furchtbare Katarakt des Niagara, durch den in jeder Minute 700,000 Tonnen Wasser, von unermeßlicher Höhe, unter donnerndem Getöse herabstürzen; die schwarzen kleinen Thiere, rechts unter dem Cran-berries-[1] Gebüsche, das waren gewiß die pechschwarzen Eichhörnchen, die oft in einem Tage zu 50,000 durch den St. Lorenzostrom schwimmen. Die Thürme und die herrliche große Kuppel, das war das Jesuiten-Kollegium und das Franziskaner-Kloster und das neue Schloß zu Quebeck; sie kannte den Prospect aus dem trefflichen Kupferstich, der im Putzzimmer des englischen Konsuls hing; der dichte hohe Laubwald im Hintergrunde links — auch dieser mußte ein amerikanischer seyn, denn dort nur prangen die Wälder, wie sie gelesen hatte, in solchem bunten Farbenspiel. Aber tiefer unten am Himmel stand auf dem Gipfel eines gigantischen Granitberges, eine dürre menschliche Gestalt; Beinkleider, Stiefeln und Strümpfe von Seehundsfellen; ein Hemde von Seerabenhaut; schwarze dünne straffe Haare; ein großer Kopf; dünne Beine, und die Farbe des Gesichts olivengrün. — Richtig, sagte sie lachend: das ist ein Eskimo auf Labrador, also auch ein Amerikaner! Der Glimmerschiefer dort an der nackten Felswand; die schönen himmelblauen Hypersthene, der Polarfuchs, der Papagaytaucher, richtig, richtig, das sind alles heimische Dinge jenes Welttheils; in der Zeichnung von Upernamik,[2] die wir neulich vom Onkel aus Herrnhut bekamen, ist das alles bis auf die geringste Kleinigkeit da. Jetzt bildete sich ein Kr — ja es ward aus düstern Wolken ein langes hohes Kreuz! sie erschrack im Geheimsten ihrer Seele über das sonderbare Zeichen des Leidens, und schüttelte sinnend den Kopf, und sagte heimlich, weg, weg, denn sie konnte kaum mehr hinsehen, in das magische Zauberspiel, so ganz eigen erschien ihr das bedeutsame Marterholz, das fest und unbeweglich dastand, als sey es für die Ewigkeit gezimmert; es wich nicht und wankte nicht, und unten am Stamme gestaltete sich auf dunstigem Nebellager, eine weibliche Figur, die, je länger Hulda hinsah, sich immer mehr und mehr der wolkigen Schleier enthüllte, bis denn endlich die Mutter in kolossaler Größe, aus dem dunkeln Chaos heraustrat, angethan mit einem milchweißen Sterbekleide, über dem Haupte einen goldlichten Heiligenschein; ihre Linke ruhte auf einem Monumente von weißlich grauem Gestein; ihre Rechte aber hielt sie furchtbar drohend, in die Höhe gehoben. —
Mein Mütterchen, rief Hulda seltsam ergriffen: was zürnt mir deine sanfte Liebe? was deutet der graue Grabstein, das weiße Sterbegewand, und der goldige Reif? und — das Kreuz, das entsetzliche Kreuz! will es denn noch immer nicht weichen? —
Es ward dem Mädchen angst und wehe in der gepreßten Brust; es konnte den Blick nicht mehr hinrichten in die gespenstigen Bilder; sie wendete sich, und erfreute sich an der herrlichen Abendbeleuchtung, in der die alte gothische Sophienkirche, drüben über dem Hafen, prangte; alle die langen Fenster waren lauter flimmernde Goldspiegel; das braunrothe Gemäuer schien mit Metall überzogen, und in der dunkelblauen Abendluft blitzte der große Knopf am himmelhohen Thurme, wie — ja, sie hatte nach dem Amerikaner wirklich nicht wieder sehen wollen, am wenigsten jetzt, aber daß ihr Blick, als sie nach der Spitze des Sophienthurms hinauf sah, beim Mastkorb[3] des amerikanischen Dreimasters vorbei streifte, und daß in diesem, der junge Wagehals, fröhlich und wohlgemuth saß, davor konnte sie nicht. Er hatte das heimtückische lange Sehrohr mit oben, und ergötzte sich an der Aussicht rund um. Der Mastbaum war bestimmt über 100 Fuß hoch,[4] und der Mensch beinelte da oben mit beiden Füßen, und trieb allerlei Kurzweil, als säße er im Sopha; er — nein sie konnte nicht mehr hinsehen; sie waren sich Beide jetzt einander so nahe, und der dreuste Patron gab seinen Wunsch, in der luftigen Höhe hier oben, eine kleine scherzhafte Unterhaltung anzuknüpfen, so deutlich zu erkennen, daß sie nur durch geschwindes Wegwenden vermeiden konnte, nicht von ihm im nächsten Augenblicke freundnachbarlich begrüßt zu werden. Doch ein wenig heimlich und verstohlen hinüber zu schielen, versagte sie sich nicht; der junge muthige Seelöwe — er war gar zu hübsch.
Das Gebilde der Nachtwolken am Abendhimmel, war unterdessen gänzlich verschwunden, nur das Kreuz war noch etwas sichtbar, doch nicht mehr so düster und schwarzdunkel, wie vorhin; es schwebte, vom letzten Strahlen-Glanze der scheidenden Sonne durchglüht, tiefer im Hintergrunde, und zerfloß allmählich in unermeßlicher Ferne, vor Huldas Augen, in die Feierpracht des milden Lichts, das in rosiger Herrlichkeit, jetzt rein und klar, im gränzenlosen Raume flammte, und sich in den ruhigen Wogen des unübersehbaren Meeres wiederspiegelte; Milliarden Silbersternchen schillerten auf der ewig sich hebenden und senkenden chrysoprasgrünen Fläche, und hüpften in die weißen Schaumwellen der sanften Brandung, verschwanden und waren im Nu wieder tausendfältig da, und Hulda hob, verloren im Entzücken des unbeschreiblich großen Schauspiels, das Auge zu dem, der über den Wolken thront, und legte die Hände, gefaltet, auf das in süßer Vollkommenheit klopfende Herz.
Auf der äußersten Höhe der See, am Horizonte, hatte sie schon lange einen schwarzen Punkt gewahrt; er war jetzt näher gekommen, hatte geschossen, die Flagge in Schau wehen lassen und aufgebraßt,[5] und die Lotsen eilten in ihren Booten hinaus, um den englischen Brigkutter, der sich aus jenem schwarzen Pünktlein nach und nach geformt hatte, in den Hafen zu bugsiren.
Als der Kutter das Hafenfort passirte, begrüßte ihn dieses mit seinem Geschütz; sämmtliche vor Anker liegende Fahrzeuge bewillkommten es mit dem gewöhnlichen Hurrah, und der junge Freund im Mastkorbe, schnitt ihm, aus läppischem Muthwillen, die tiefsten Komplimente hinab, so daß Hulda über den komischen Menschen laut — ach nein — das Hähnlein im Korbe ward keck — mitten unter den Bücklingen, die er dem Kutter machte, warf der junge Herr Amerikaner, — sie hatte es wohl gesehen, — der Nachbarinn auf dem Balkon, ein halb Dutzend Küsse zu. An den Ufern des Missisippi mochte das vielleicht Mode seyn, aber nicht hier zu Lande; sie flüchtete in den Saal zurück, eilte, ohne das Unheil, welches der englische Kutter ihr brachte, zu ahnen, auf ihr Zimmer; drängte das Gesicht, auf dem, — sie wußte selbst nicht warum, — Freude, Muthwille, Lachen und Ausgelassenheit, aus allen Zügen blitzte, vor dem Spiegel in die Schranken des Ernstes zurück, und ging, nachdem sich das Roth, das ihr der Aerger über den vorwitzigen Nachbar im Mastkorbe, auf die Wangen gegossen, ein wenig verloren hatte, zur Mutter.
Diese befand sich über alle Erwartung wohl; sie scherzte, seit mehreren Wochen zum ersten Male, wieder mit Hulda; sie streichelte ihr die Wange; sie liebkos’te das holde Kind mit den zartesten Namen und betrachtete es fast unverwandten Blickes, mit sichtbarem Wohlgefallen.