Sehr freundliche, dunkelblaue Augen, —

Hulda stand am Mittelfinger, aber in beide kleine Hände schlug, wie aus ungesehenen Wetterwolken, ein leises Zittern, daß sie damit unter den Tisch fuhr, und nicht weiter zählte; denn der Vater, der jetzt von der römischen Nase, von dem Grübchen im Kinn, von den perlweißen Zähnen im wohlgeformten Munde, von dem kräftigen Aeußeren, der freien stolzen Haltung, und der blühenden Gesundheit des jungen Menschen sprach, und den einfachen Geschmack seiner eleganten Kleidung und den Schnee seiner Wäsche lobte, mahlte den nämlichen allerliebsten jungen Mann, der — sie glühte im ganzen Gesichtchen, und wagte nicht, die Augen vom Teller aufzuschlagen; die Mutter aber ward kreideweiß, legte den Kopf in den hohen Lehnstuhl zurück, und die todtenblassen Lippen lispelten leise: nichts weiter, wenn ihr nicht wollt, daß ich sterben soll.

Hulda und der Vater sprangen auf; Letzterer holte das Riechfläschchen und Hulda trocknete der Angegriffenen den kalten Schweiß, der ihr in glänzenden Tropfen auf der Stirne stand. Man brachte die Kranke wieder zu Bette, und beide stimmten in der Meinung überein, daß die Mutter sich zu zeitig herausgewagt habe, und daß der eben sich ereignete Zufall, Wirkung ihrer noch zu großen Körperschwäche sey.

Den Nachmittag befand sich die Mutter zwar wieder etwas besser; aber, wenn sich Hulda ihrem Lager näherte, fand sie die Leidende fast immer in Thränen, und fragte sie, was dem Mütterchen fehle, so entgegnete dieses mit milder Freundlichkeit, sie solle sich darüber nicht beunruhigen, es werde wohl bald vorübergehen; dem gepreßten Herzen thue es zuweilen wohl, sich still ausweinen zu können, und so hätte sie auch jetzt eine Art von Erleichterung darin gefunden; daher ihr gegenwärtig viel wohler sey, als vorhin.

Mein Mütterchen, sagte Hulda, mit weicher Stimme, und beugte sich zu ihr herab: dem gepreßten Herzen? — was fehlt Dir? was hast Du? vielleicht können wir helfen; Du weißt ja, wir —

Aber die Mutter verneinte schweigend, streichelte die rosige Wange des süßen Kindes, und bat, sie allein zu lassen, um ein wenig zu schlafen.

Hulda ging in den Garten hinab, setzte sich auf den Balkon des Saales, von dem aus sie die herrlichste Aussicht auf den Hafen, und rechts auf den grünen Riesenspiegel des unermeßlichen Meeres hatte, und wollte arbeiten; aber der junge Mensch — das braune Lockenhaar, die veilchenblauen Augen, die frischen Lippen, und wenn diese sich lächelnd öffneten, der Schmelz der blendendweißen Zähne, und das Schelmengrübchen in Wange und Kinn — waren es die leisen Abendlüftchen, die aus den geheimen Tiefen des Meeres herüberflogen und die Blumen auf ihrem Balkon und die leichte Hülle ihres Busens säuselnd durchkühlten, oder waren es die ersten Schauer der jungfräulichen Liebe, — es überhauchte sie auf einmal ein so wunderbares Frösteln durch Blut und Adern, daß sie die Hand auf das drängende Herz legte, und sich, ohne Worte, fragte, was das sey.

Der junge Mensch, es mußte ein Fremder seyn, denn früher hatte sie ihn nie bemerkt; am vorigen Sonntage hatte er, in der Kirche, ihr gegenüber gesessen, und kein Auge von ihr verwandt; zwei Tage später war sie ausgegangen, um einige Kleinigkeiten in einer Modehandlung zu kaufen; nicht zwei Minuten, und der hübsche Fremde tritt ein, und fragt nach französischen Blumen. Der Wohllaut seiner Stimme, das Fremdländische seiner Aussprache, — lächelnd sprach sie ihm halblaut nach. Hier oben auf dem Balkon hörte sie ja Niemand. Sie ärgerte sich noch, daß sie nicht, unter irgend einem Vorwande, länger in dem Kaufgewölbe geblieben; sie schämte sich, daß, als der Fremde weggegangen, sie wieder zurückgekehrt war, um auch so ein Bouquet von brennender Liebe zu verlangen, als der Herr eben eins gekauft hatte; sie freute sich, daß die Modehändlerinn erwähnte, wie der Herr das Bouquet zwar gewählt, dasselbe aber, weil es, nach seiner Meinung, nicht brennend roth genug gewesen, nicht gekauft habe; sie lachte heimlich, daß sie nun auch das Roth der Blumen zu blaß gefunden, und sie darum auch nicht genommen, und sie beruhigte sich, daß — lag denn darin nicht der offenbare Beweis, daß er, lediglich und einzig und allein, um ihretwillen, in das Putzgewölbe gekommen war; hätte er das Bouquet gekauft, — sie beugte sich tiefer auf ihre Nätherei nieder, denn es war, als führe ihr ein schmerzlicher Dolchstich mitten durch das Herz — hätte er die Blumen gekauft, so müßte er Jemand gehabt haben, dem er sie schenke, aber so — sie sah wieder freundlich auf, — und lachte leicht hin in die grünen Wogen des fast windstillen Meeres — denn daß er ihr, und nur ihr zu Gefallen gegangen war, das lag ja am Tage; brennende Liebe hatte er verlangt! Er konnte ja nicht deutlicher reden! dieß Roth — alle Pariser Blumenfabrikanten waren nicht im Stande, es schöner zu liefern — dieß Roth schien ihm noch nicht brennend genug. Gestern, als er vor dem Hause vorbeiging, — wäre nur nicht Hafen-Kapitains Linchen gewesen, — hätte sie so gern das Fenster ein wenig geöffnet, denn der Mutter ist frische Luft im Zimmer zuweilen recht zuträglich; aber so mußte sie hinter dem Vorhange blos ein Bischen lauschen, denn Linchen, das dumme Ding drüben, stand in dem Erker, wie vom bösen Schicksal hinbestellt, das hätte den Augenblick gewußt, was es bedeute, und wahrhaftig, das Mädchen wäre auch stockblind gewesen, wenn es das nicht gemerkt hätte, denn mit unverwandtem Blicke auf das Fenster, geht er, als wollte und müßte er die Scheiben mit den Augen durchbohren; der alte Kohlenträger schreit zweimal, Platz da, Platz da, noch ein Schritt, da stößt der lange Kohlensack, der weit über den Kopf des tief gebückten Trägers hervorragt, den Stillverzückten in das Gesicht; dieser prallt rechts, rennt den alten Gipsitaliener, der sein ganzes Büsten- und Figuren-Magazin von Kaisern, Königen, Gelehrten und Grazien, auf einem langen Brete, auf der Schulter trägt, mit sich nieder, reißt im Stolpern den Markt-Tisch der dicken böhmischen Glashändlerinn an der Ecke, sammt dem ganzen Kram, über den Haufen, und schlüpft, fast auf allen Vieren weiter turkelnd, in die, zum Glück offenstehende Apotheke; beschwichtiget hier, wie später das Hausmädchen berichtete, die ungestümen und mehr denn heidnischen Entschädigungforderungen des italienischen Gipsmannes und der böhmischen Glasfrau, mit ungezähltem Golde, und entzieht sich, durch eine wohlthätige Seitenthür die in das Nebengäßchen, dem, um Gips- und Glas-Ruinen zusammengeströmten Janhagel von Matrosen und Straßenjungen.

Sie mußte noch kichern, wenn sie an die verwünschte Scene dachte, aber über Hafenkapitains einfältige Lina konnte sie sich ärgern. Diese hatte sich zum Fenster heraus gelegt, und vor Lachen gerade heraus geschrien. Gott! die ging nun doch eigentlich die Geschichte auch nicht im Mindesten etwas an; und in dem lauten Lachen, in dem Herauslegen, lag so etwas Gemeines, so etwas Schadenfrohes; das Mädchen war ihr lange schon zuwider gewesen, aber jetzt konnte sie es gar nicht mehr ausstehen. Die Böhmin aber und der Italiener schienen recht gute Menschen zu seyn; Beide hatten, nach des Hausmädchens Rapport, in der Apotheke gemeint, dergleichen Unfälle könnten dem beßten Menschen begegnen, und es wäre nur ein wahres Glück, daß der hübsche Herr keinen Schaden genommen habe, denn um ein solches junges liebes Blut, wäre es doch ewig Schade gewesen.

Und nun heute, muß der Vater von dem Menschen bei Tische anfangen; denn daß das der nämliche war, litt gar keinen Zweifel. Sie — sie selbst, sollte sich nach ihm erkundigen. Das konnte sie ja nicht; ja wenn das abscheuliche Rothwerden nicht wäre. Der alte Handels-Gerichts-Director Linsing, wenn der sie dazu ansah, mit seinem blinzelnden Blick, er stand ganz lebendig vor ihr, das eine Auge ganz zu, und das andere so scharf auf sie gerichtet, — nein, sie konnte gewiß kein Wort herausbringen; er mußte bestimmt denken, sie frage mehr im eigenen, als in des Vaters Namen. Und dann, die Linsingschen Mädchen! Hätten die nur etwas der Art ergattert, sie hätten sie zu Tode gequält. Wissen mochte sie es wohl freilich gern, und der alte Linsing, der Director, konnte ihr alles wahrscheinlich ganz genau sagen; des Mannes Haus stand allen Fremden offen; wer nur das Weichbild der Stadt betrat, und nicht ganz ohne alle Bekanntschaft kam, war in diesem gastfreundlichen Hause eingeführt; sie probirte drei- viermal, wie sie fragen wollte, ohne Verdacht zu erregen, aber — nein es ging nicht; sie stockte jetzt schon, wenn ihre Lippen, von der ganzen Welt ungehört, die Anmuth des Mannes, in Worten aussprechen sollten, dessen Namen zu wissen, der Vater begehre; wie sollte sie sich getrauen, dieses Wagestück der jungfräulichen Liebe, im Kreise einer Familie zu vollführen, die, bei ihrem Scharfsinn in dergleichen kleinen Neckereien, das Verfängliche ihrer schüchternen Rede, gleich aus der ersten Sylbe — Was ist das? — da unten im Hafen, auf dem amerikanischen Dreimaster? so wahr der Herr lebt, da stand der junge Fremde auf dem Verdeck. Er hing nachläßig den einen Fuß über die Laufplanken, welche den Raum für die Finknetze umzäunen; dann sprach er, den linken Arm um den Besahnsmast geschlungen, mit dem Steuermann; ging hierauf mit diesem und sah nach dem Bug und nach dem Vorspill, stieg, es verging ihr der Athem, auf die Spitze des Kraanbalkens, lief, flink wie ein Eichhörnchen, auf das Bugspriet hinaus, setzte auf die Riegel des Galjons herab, kletterte, trotz der beßten Katze, vom Vorsteven weiter hinauf, und hatte dem Steuermanne überall etwas zu zeigen und zu weisen; und dieser nickte, immer den Hut in der Hand, sehr ehrerbietig, daß es schier aussah, als sey das amerikanische Prachtschiff des jungen Mannes Eigenthum.