Etwas war da —

Hinaufgehen und nachsehen? —

Um keinen Preis! War er es, was mußte er von ihr denken! — War es ein Dritter, so setzte sie sich der Gefahr aus, einen Todesschreck davon zu tragen. — Die Leute aus dem Hause rufen? — wenn er es nun war, — die Geschichte wäre ja morgen in der ganzen Stadt bekannt geworden! — War es gar nichts, hatte sie sich getäuscht, so mußten die Leute, die sie vorhin erst hatten Sturm läuten sehen, und fest von ihr aufgefordert wurden, etwas zu suchen, was gar nicht da war, in allem Ernste glauben, sie sey zum Tollhause reif, und ein Dritter — konnte in dem leeren Gartenhause nicht viel nehmen.

Sie stand, unverwandten Blickes auf den Balkon gerichtet. Das Auge, jetzt mehr an die Dunkelheit gewöhnt, erkannte endlich in dem Verdächtigen, den unschuldigen Orangeriebaum; und die daneben befindlichen großen Levkoibüsche bewegten sich, wenn sie wirklich vielleicht ein wenig auf und ab geschwankt hatten, vom Windzuge berührt, der aus der halb offen gelassenen Balkonthür kommen mochte.

Es zog sie unwiderstehlich auf den Balkon; sie mußte ja die Thür zumachen.

Im Hinaufgehen — es war, als hörte sie die Flöte wieder. Sie eilte auf den Balkon!

Millionen Sterne flimmerten am schwarzen Himmelszelte; am fernen Gestade rauschte das Meer in sanfter Brandung; im Hafen aber schlief alles; nur die kupferne Lampe im Nachthause, wo der Steuercompaß steht, brannte auf jedem Schiffe, und hier und da war noch ein Lichtchen in den Kajüten sichtbar. Auch den Bord der Antoinette schien der Gott des Schlafes geentert zu haben, denn es rührte sich da unten kein Mäuschen. Aber — jetzt ertönte die himmlische Flöte noch einmal. Es klang, wie das Locken der Liebe, in dem der Sprosser zu seinem Nachtigallweibchen spricht; so sehnsüchtig und so schmelzend; erst bittender Scherz, in kurzen, rund abgebrochenen Sätzen, dann lange, lange Töne gezogen durch die Gluth der zärtlichsten Leidenschaft, und immer stärker und stärker werdend, und hoch hinausgehend über das Reich alles Irdischen, und endlich, zum Zeichen des Glaubens an freundliche Erhörung der schüchternen Bitte, ein sich bald in kräftige Volltöne, bald in ein süßes, hinsterbendes Pianissimo auflösender Doppeltriller.

Allerliebst, allerliebst, sagte Hulda leise, und holte jetzt erst wieder Athem, denn sie hatte ihn in der überseligen Brust verhalten, so lange die süßen Laute zu ihr sprachen, um von der Sphärenmusik nichts zu verlieren. Sie kamen ja doch vom Deck der Antoinette herauf; sie sah, so viel die Sternenhelle es gestattete, ganz deutlich da unten, auf der Tasche[6] des Schiffes, nach ihrer Seite zu, etwas sich bewegen, und aus dem wehmüthigen spanischen Liedchen, das die Flöte spielte, zog Hulda die Ueberzeugung, daß sie sich nicht irrte. Der Mexikaner mußte ja ein spanisches Lied blasen! Ihr kam es recht eigentlich spanisch vor. Konsuls Alwine besaß bei einem vollständigen Musikalien-Vorrath aller National-Melodien, dasselbe Lied, und hatte es früher schon zwanzigmal wohl gesungen, aber so klang es nie.

Man konnte aber auch nichts weicheres, nichts rührenderes hören, als diese Melodie aus dieser Brust. Es war, als wollte der junge hübsche Mensch da unten, seine ganze Seele aushauchen, so deutlich sprach das Instrument den süßen Schmerz seines liebekranken Herzens aus. Vorhin so läppisch, und jetzt so sanft, so leidend, so schmachtend.

Was für ein kurioser Mensch muß das seyn, dachte Hulda bei sich selbst, heimlich lachend, und fragte nach einer Weile, durch seine süße Klage weich geworden, halb leise herab: warum so traurig mein Freund? und die milden Sterne am dunkeln Himmelszelte, spiegelten sich in den Perlen, die ihr an den seidenen Wimpern hingen. Das Wasser war ihr in die Augen gekommen, sie wußte selbst nicht wie. Sie hätte zerfließen mögen in nie gekannte Lust und Freude. Seine zarte Klage that ihr unaussprechlich wohl; sie verstand jeden Hauch seiner Lippen; sie verriethen ihr, durch das heimliche Dunkel der Nacht, die frischblutende Wunde, die ihr Liebreiz dem Schwärmer schlug, das süße Wehe, in dem der glückliche Dulder schier zu vergehen glaubte, und die Südgluth seiner Leidenschaft.