Aber vom Meere herüber zog jetzt der Wind schärfer, durchreifte die warme Sommernacht mit eisigen Schauern und mahnte Hulda an das Nachhausegehen. Sie warf — es sah es ja niemand, als der liebe Herr Gott, der die ungeheure Gewalt der Liebe in die Brust des Menschen gesenkt hat, und dieser deutete es gewiß nicht übel, — sie warf, zum Danke für das hübsche Abendständchen, einen recht herzlichen Kuß herab, und sagte kaum hörbar, gute Nacht, mein lieber, lieber Freund, gute Nacht, und eilte in das Haus zurück; noch im Gehen warf sie einen scheuen Blick in die Himmelsgegend, wo sie, heute Abend, die sonderbaren Figuren und Gestalten sah; aber der Grabstein und das Kreuz, und das Drohbild der zürnenden Mutter, hatten die schwarzen Nachtwolken längst mit undurchdringlichem Schleier verhüllt.

Reiße, mitleidiges Schicksal, den Vorhang vor den Schrecknissen der Zukunft nicht zu früh von einander; laß den armen Menschen ihren Wahn, daß sie geboren sind, um immer glücklich zu seyn.

Hulda hatte sich gefreut, von ihm zu träumen, aber damit war es dießmal nichts; sie träumte wohl, doch nicht von ihm. Tante Sophie sandte ihr von Lima aus, schwarzen Krepp zu einem Ballkleide, und einen Schmuck von böhmischen Glasperlen, und schrieb ihr einen solchen launigen, verwirrten Brief dazu, daß sie, als sie am Morgen erwachte, noch darüber lachen mußte. Sie erzählte der Mutter davon, diese lachte mit, und sagte mit sonderbarer Betonung, schwarzer Krepp von daher, hat eine recht eigene Bedeutung; Hulda wollte fragen, welche, aber die Mutter fuhr, des Ballkleides Erwähnung eingedenk, gleich fort, von Huldas heutigem Anzuge zu sprechen, und meinte, daß, wie sie hörte, bei Directors sehr große Gesellschaft seyn werde, und äußerte daher den Wunsch, daß Hulda heute vorzüglich elegant erscheinen möge.

Diese schien dazu keine rechte Lust zu haben, denn Er war ja doch nicht dort, und Anderen gefallen zu wollen, kam ihr nicht im entferntesten in den Sinn; indessen um der Mutter den Willen zu thun, schmückte sie sich mit dem Beßten ihrer geschmackvollen Garderobe.

Sie war verstimmt und konnte den ganzen Tag platterdings ihren Frohsinn nicht wieder finden. Zweimal war sie auf dem Balkon gewesen; verkaufte er an seiner mitgebrachten Ladung, oder lief er nach der Leinwand zur Rückfracht herum, oder hatte er eine Andere gefunden, die ihm — als schnitt ihr Jemand mit scharfschneidigem Stahle das Herz mitten von einander, so zuckte sie bei dem Gedanken zusammen — sie krampfte die Hand in einander, und sah mit recht bösem Blick hinab auf das Deck der Antoinette; aber er war nicht da; zum vierten Male, kurz zuvor, ehe sie zu Directors fuhr, bestieg sie noch einmal den Balkon; sie mußte sich da noch einen recht schönen Orangenzweig holen, und all die hundert Orangerie-Bäume im Garten unten, blühten nicht so schön, als der auf dem Balkon. Wie ein Engel vom Himmel gekommen, sah das bildschöne Mädchen in ihrem blendendweißen Prachtgewande, auf dem, in luftiger Höhe kühn schwebenden Balkon aus. Von den Verdecken aller Schiffe im Hafen, sahen sie nach der himmlischen Gestalt herauf, und in den Sprachen aller Völker der Erde, ertönte einstimmig das Urtheil, daß das ein wunderhübsches Kind sey; aber Er — Er war immer noch nicht da. Abscheulicher Mexikaner, rief sie im drohenden Scherz leise hinab: wo steckst Du? In dem Augenblick kommandirte eine Stimme auf der Antoinette, spanisch: Saldat a la banda, (fallt auf’s Fallreep) und die Matrosen ließen die Fallreepstreppe an der Steuerbordseite hinab, und der alte Doctor Brehme stieg am Bord.

Er ist krank, sagte sie mit gebrochener Stimme: und er hat keine, die ihn pflegt, und ich bin böse auf ihn gewesen, daß er nicht da war, und er ist doch so unschuldig. Ich, ich bin die Ursache seiner Krankheit, denn bestimmt hat er sich gestern Abend, da draußen auf der Galerie, in dem kalten Meeres-Thau erkältet, und nun kann ich ihm meine Sorgfalt, meine herzliche Theilnahme mit nichts, mit gar nichts beweisen. Gott, wenn es nur nicht gefährlich ist — der Tante schwarzes Kreppkleid aus Lima! — da habe ich ja die schreckliche Lösung des Traumes, über den ich und die Mutter heute früh noch lachten.

Aber hier sind Sie? unterbrach ihr Selbstgespräch die athemlose Köchinn: die vierrädrige Barkasse liegt vor der Thür schon länger denn eine halbe Stunde. Der Steuermann vorn auf dem Bratspill klatscht, zum Zeichen, daß er da sey, mit seinem Steuerruderchen, daß alle Leute auf der Straße stehen bleiben; er hat schon, Gott weiß wie lange, die Pitsjahrs-Flagge am Vortop aufgehießt,[7] und ich kann Sie nirgends finden. Wollen Sie nicht Extraliegegeld zahlen, so kommen Sie ja gleich.

Sie mußte fort, in die widrige Gesellschaft, in der sie keine Freude finden konnte.

Das ist kein Ballgesicht, sagte die Mutter, als sie kam, um sich bei dieser zu verabschieden: was fehlt dir Kind? Du hast ja nasse Augen, Mädchen?

Nichts, mein Mütterchen, man hat so seine Tage, entgegnete Hulda lächelnd: ich bliebe heute viel lieber zu Hause; die Mutter aber meinte, wenn sie nicht krank sey, so müsse sie sich dergleichen Mißlaunen nicht so hingeben; sie werde sich bestimmt recht wohl dort befinden, und da viel Fremde eingeladen wären, gewiß manche interessante Bekanntschaften machen. Dein Englisch, setzte sie mütterlich wohlwollend hinzu: mußt Du noch viel mehr üben; wenn Du mit jungen Britten sprichst, bist Du immer etwas befangen; hast Du daher Gelegenheit, heute englisch zu sprechen, so versäume sie nicht; das ist so gut, als hättest Du beim Lehrmeister zwei Stunden.