Desto geläufiger geht es jetzt mit dem Spanischen, entgegnete Hulda selbstzufrieden, und dachte im Stillen, daß sie mit dem jungen Mexikaner sich gewiß recht gut verständigen wollte, wenn sie ihn nur einmal spräche; die Mutter aber erwiederte scharf, daß die Sprache ihr eigentlich ganz überflüssig, und der Unterricht darin, gleich vom Anbeginn an, ihrem Willen ganz entgegen gewesen sey; sie empfahl ihr, beim Tanze sich recht in Acht zu nehmen, wünschte ihr recht viel Vergnügen, und freute sich, morgen früh von ihr umständlichen Bericht über das Fest zu vernehmen.
Der Wirrkopf mit den blauen Augen krank in der Kajüte, und sie auf dem Balle! Ein recht widriger Kontrast! Sie nahm sich vor, keinen Schritt zu tanzen, und recht zeitig nach Hause zu fahren; vielleicht war es doch noch möglich, heute Abend, auf seinem Verdeck, von ihm etwas zu erspähen, und wenn es auch nur das Licht in seiner Kajüte sey. In dem Augenblick, als sie in das Vorzimmer des Gesellschaftsaales trat, holte sie der Doktor Brehme ein, der ebenfalls als Gast hier erschien. Sie waren, fragte sie, vom Zufall überrascht: eben am Bord der Antoinette im Hafen; haben Sie dort einen Kranken? Sie erschrak, als sie die Frage glücklich heraus hatte, aber so gestellt, konnte der Doctor ja ihren Grund unmöglich bemerken; doch die Antwort blieb ihr der Gefragte schuldig; denn die Flügel der Saalthüre öffneten sich, und sie mußte eintreten.
Sie verneigte sich mit holder Anmuth gegen den großen glänzenden Halbkreis der geschmückten Versammlung, und ein halbleiser Beifallslaut in der ganzen Gesellschaft, sprach das stille Entzücken aus, mit dem die Erscheinung der Liebreizenden alle Anwesenden überrascht hatte. Schönheit, Unschuld und Jugend, diesen drei Grazien wird überall die zarteste Huldigung zu Theil. Aber zauberischer als heute, hatten auch des Mädchens älteste Bekanntinnen es nie gesehen. Hulda schaute mit schüchterner Befangenheit im Zirkel umher, um die Frau vom Hause herauszufinden, da traf ihr Blick auf den jungen Mexikaner. Der Wirth des Hause wisperte ihm in das Ohr: das ist unser Admiralschiff, das schönste Mädchen der Stadt, und der junge Fremde erwiederte freundlich lächelnd: ich streiche die Flagge.[8] Der Director näherte sich dem holden Mädchen, um es zu bewillkommen, führte es seiner Gattinn zu, fragte nach dem Befinden der Mutter, und betheuerte mit schönen Worten, daß Hulda immer liebenswürdig sey, aber heute müßte Adonis selbst ihre Toilette gemacht haben, denn reizvoller sey sie nie gewesen. Europa, setzte er scherzend hinzu: Europa nicht allein, liegt Ihnen zu Füßen; die fernsten Welttheile bringen Ihnen sogar ihre Huldigungen dar.
Der glatte Freund aller schönen Mädchen und Frauen, ein deckenhoher Spiegel, vor dem sie eben stand, und auf den sie verstohlen einen halben Seitenblick warf, flüsterte ihrer kleinen Eitelkeit zu, daß sie heute recht hübsch sey, und des Mexikaners seemännisches Kompliment vom Streichen der Flagge, hatte ihrem Ohre wohlgefällig geschmeichelt. Der junge Mann schien das Deutsche recht gut zu sprechen. Schade! — sie hätte sich lieber spanisch mit ihm unterhalten; die andern hätten dann ihr Gespräch nicht verstanden, und ihm, meinte sie, wäre es gewiß angenehm auffallend gewesen, hier ein Mädchen zu finden, das seine Muttersprache verstehe. Sie war, wie wohl jedes anspruchlose Mädchen, mit einer Art von Beklommenheit, in den großen eleganten Kreis getreten, aber jetzt, — war es der Beifall, den sie in jedem Auge gelesen, oder das, was der Herr vom Hause, der Director, von den Huldigungen der fernen Welttheile gesagt, oder was da drüben der junge hübsche Mensch mit den dunkelblauen Augen, vom Flaggen hatte fallen lassen, kurz sie fühlte, daß sie hier das Admiralschiff führe. Aber so kühn sie auch jetzt in See stach, so konnte sie doch ihr Auge nicht zu ihm selbst wenden; das Herz klopfte ihr unter dem Blumenstrauß am Busen, daß alle Blätterchen zitterten.
Maklers Suschen war auch da. Hulda ging auf sie zu, um über ihren gestrigen Sturmbesuch, von ihr näheren Aufschluß zu erhalten, diese aber stellte der Neugierigen den neben ihr stehenden Herrn vor, und fragte heimlich lachend, ob sie ihn nicht mehr kenne?
Ein linkischer, dürrer langer Stock, mit hängenden Knieen; mit, bis über die klapperbeinigen Waden, herabhängenden endlosen Rockschößen und, dem ganzen, allem Geschmack und allem Anstande Hohn sprechenden Aeußern nach, ein forcirter Engländer; das Auge grau und matt; das durch die enge Halsbinde roth geschnürte Gesicht mit Blüthchen und Schwären bedeckt, und in jedem Zuge Spuren eines Londoner Wüstlings, der nur in den Passages of Leicester, Fitzroy Square, Straffort Street, und ähnlichen Orten, seinen Freuden nachgejagt, und nichts, als Langeweile und Lebensüberdruß aus jener Nebelinsel mitgebracht hatte. Er redete Hulda englisch an, und versicherte, daß er das Deutsche während der sechs Jahre seiner Abwesenheit fast ganz vergessen habe, und Hulda erkannte in ihm, Suschens Bruder, Kasperchen, einen sonst gewaltig dummen Jungen, den die ganze Stadt ehedem hänselte, und der, als Deutschlands männliche Jugend das Schwerdt ergriff, um Napoleons Tyrannenketten zu zerhauen, sich aus angeborner Abneigung gegen das Kriegsleben, nach London verkrümelte, um dort die Sache in Ruhe abzuwarten. Mit dem Vermögen und dem Kredit seines Vaters, eines sehr wohlhabenden Mannes, führte ihm der Zufall einen jungen mittellosen, aber höchst speculativen Engländer zu, der sich mit ihm verband, und ihm, in der goldnen Zeit der brittischen Alleinherrschaft auf allen Meeren, sehr große Reichthümer erwarb, und jetzt war Kasperchen, nachdem die dummen Teufel, seine wackern Jugendbekannten, Arm und Beine, Blut und Leben verloren hatten, mit fast einer Million Thalern, auf dem gestrigen Kutter, nach Hause gekommen, weil in der einfältigen Friedenszeit, drüben auf der Krämer-Insel, nichts Rechtes mehr zu verdienen war. Das Alles erzählte Kasperchen der überraschten Hulda englisch, und lag dabei mit dem lüsternen Blick seiner verlebten Augen, so starr auf des wunderlieblichen Kindes frischen Liebesreizen, daß diesem vor den Faunenblicken des achtundzwanzigjährigen Greises, angst und bange ward, und sie mit heimlichem Grauen sich von ihm wandte, denn es war ihr in seiner Nähe, als stände sie in einem Dunstkreise von allerlei schmorenden Giften.
Die junge Welt rüstete sich zum Tanze, und Suschen fragte den Bruder, ob er nicht Hulda auffordern wolle; dieser meinte aber, in London tanze ein junger Mann von feinem Geschmack gar nicht; man stelle sich, den Hut in der Hand, unter die Zuschauer und spiele ein Bischen Moquirens, das wäre ein göttliches Vergnügen, und ergötze im geistreichen Cirkel viel mehr, als die albernen Hopsasas, bei denen die Tänzer mehr Schweiß vergössen, als das ganze Fest des einfältigen Wirthes gewöhnlich werth sey.
Suschen lachte beifällig, und fragte Hulda, ob der Bruder sich in den paar Jahren nicht sehr zu seinem Vortheil geändert habe. Außerordentlich, erwiederte diese, von kaltem Schauder überreift, und dankte ihrem Schöpfer, als der Director kam, und sie durch das Gesuch, mit ihm den Ball zu eröffnen, der Fortsetzung dieser Unterhaltung überhob.
Die Flügelthüren des hocherleuchteten Ballsaales flogen auf. Eine herrliche Polonaise mit Trompeten und Pauken, begrüßte die Eintretenden, an deren Spitze die engelschöne Hulda, an der Hand des gastlichen Wirthes voranschwebte. Sie tanzte mit hinreißender Anmuth, aber ihr war es, als hätte sie Blei in allen Gelenken, denn der Mexikaner — warum hatte sie aber auch hingesehen! doch, nur vorbeigestreift war ihr Blick, ach nur so halb vorbei geflogen — er tanzte mit Gustchen, der Tochter vom Hause, und war, einen Augenblick nur von ihr in einer Tour abgekommen, so verwirrt geworden, daß er alle Gissing[9] verlor, einen wahren Wan-Cours in lauter loxodromischen Linien[10] steuerte, und, wie ohne Compaß, verweht und verschlagen, im Saale herumirrte, bis sein Convoi, Directors Gustchen, ihn wieder in die Colonne bugsirte.
Der kühne Mensch, der die halbe Welt umsegelt, der mehr denn zwanzigmal den dringendsten Gefahren des Lebens die Brust muthig gewiesen, und wenn alles um ihn herum zu verzagen angefangen, den Kopf allein oben behalten hatte — jetzt — ein einziger Blick von diesem zauberholden Mädchen — und er war in den Grund gebohrt. Ohne es selbst zu wissen, legte er seine Rechte, so oft er sie in der Polonaise frei bekam, auf das Herz, als ras’ten in diesem alle zwei und dreißig Compaß-Striche vom Boreas bis zum Mesocircius gegen einander.