Wir brauchen kaum an den mächtigen Aufschwung der Wissenschaften in den letzten Decennien, an das Aufblühen neuer Wissenszweige und neuer Methoden der Forschung, an die enormen Fortschritte in der technischen Beherrschung und Verwerthung der Naturkräfte, als Beweis für unsere oben ausgesprochene Behauptung, zu erinnern. Wenn Dühring's Ausspruch, daß die Größe unseres Jahrhunderts allein in dessen polytechnischen Errungenschaften zu suchen sei, auch ein einseitiger ist, so weist er doch auf ein Gebiet hin, auf welchem in der That die größten Fortschritte gemacht worden sind. Und doch scheinen wir am Vorabende neuer Entdeckungen und Erfindungen zu stehen, und lassen sich gewisse technische Ergänzungen unserer unvollkommenen körperlichen Organisation wohl jetzt schon vorherbestimmen.[18]

Die Leugner des Fortschrittes sind wohl am leichtesten durch die Thatsache des wachsenden Geschichtsüberblickes zu widerlegen, der doch gewiß als eine Form des Fortschritts muß betrachtet werden. Durch das Aufblühen zahlreicher neuer Wissenschaften ist der Geschichtsüberblick gerade in unserer Zeit außerordentlich erweitert, unser Bewußtsein dadurch ungemein bereichert worden. Aber nicht nur unsere Gedanken-, sondern auch unsere Empfindungswelt hat z. B. durch die Vermittlung der Dichtungen alter oder fremder Völker eine Bereicherung erfahren, sowie eben dadurch wieder für unsere moderne Poesie neue Stoffgebiete sind erobert worden. Das wichtigste Ergebniß des wachsenden Geschichtsüberblickes dürfte aber dieses sein, daß wir den Menschen immer genauer kennen lernen, immer deutlicher die Ursachen wahrnehmen, welche den Fortschritt der Völker gefördert und welche ihn gehemmt haben, wodurch wir wieder der Wege klarer uns bewußt werden, welche die Völker in Zukunft einzuschlagen haben, um sicherer und rascher vorwärts zu schreiten und nicht immer wieder von den »retardirenden Dämonen« beirrt und zurückgehalten zu werden. An die Möglichkeit eines Zusammenbruchs der modernen Kultur, gleich demjenigen der antiken, durch den Anprall barbarischer oder halbbarbarischer Völker braucht aber nicht gedacht zu werden, weil heute umgekehrt die culturtragenden Rassen es sind, welche die rohen Völker mehr und mehr in ihrer Existenz bedrohen. Die Cultur kann nicht verloren gehen, wenn auch einige der weniger lebenskräftigen Culturvölker einst von der Bildfläche verschwinden sollten.

Die Künste scheinen bei oberflächlicher Betrachtung allerdings eher in einem Rückgange begriffen zu sein, aber man übersehe nicht, daß unsere Zeit einen epochemachenden musikalischen Genius höchster Ordnung hervorgebracht, daß einige Kunstzweige einen Aufschwung genommen haben, wie sie einen solchen zu keiner früheren Epoche aufzuweisen hatten, daß die Technik mancher Künste sich vervollkommnet, der Stoffkreis sich ungemein erweitert hat und daß manche Nationen, welche bis vor kurzem als künstlerisch unproduktiv galten, mit einem Schlage eine Reihe bedeutender Dichter und Künstler hervorgebracht haben, die, aus dem Vollen schöpfend, die Kunst mit neuen Typen und Formen bereichert haben.

Trotzdem muß zugestanden werden, daß die Phantasie in den Wissenschaften und auf technischem Gebiete heute weit größere Triumphe feiert, als in den Künsten. Aber es sind Anzeichen vorhanden, daß die Kunst, wenn die maßgebenden Nationen aus ihrem jetzigen socialen Revolutionszustande werden herausgetreten sein und die Gesellschaft festere Formen wird angenommen haben, wenn ferner die Resultate der Naturforschung und die dadurch geschaffene enorme Erweiterung des Gesichtskreises die Phantasie mächtiger werden ergriffen haben, auf neuer Grundlage nur um so machtvoller aufblühen wird.

Einer der wichtigsten Fortschritte der modernen Culturvölker in der Gegenwart aber ist die wachsende Lossagung von der Religion, einer der wichtigsten Fortschritte der Zukunft wird es sein, daß unter jenen Nationen, welche zur Führung der Menschheit berufen sind und die dereinst vielleicht den Inbegriff der Menschheit bilden werden, eine neue Lehre sich befestige, vermöge welcher alles Leben und Streben eine höhere Bedeutung erhalten wird. Daß die Evolutionslehre mit den gewaltigen Perspektiven, die sie, wenn richtig verstanden, eröffnet, hierbei eine große Rolle spielen wird, indem das effektive Erfassen des Fortschrittsgesetzes den Fortschritt selbst beschleunigen wird, scheint uns keinem Zweifel zu unterliegen. Der Individualität wird in der Art der Verwerthung jener Lehre immer ein weiter Spielraum bleiben. Die Idee des Fortschritts, wenn mit Phantasie erfaßt, hat, wenn selbst das Ziel des Fortschritts völlig unbestimmt gelassen wird, etwas Erregendes, Begeisterndes. Um so mächtiger muß sie den Geist ergreifen, wenn mit ihr die Idee eines höchsten Zieles verbunden wird, in dem einst alle Errungenschaften des Menschen, wie die Ströme in dem Weltmeer, einmünden sollen. Dieser Uebergang wird eben von jenen Völkern oder von jenem Volke vollzogen werden, welches am lebenskräftigsten und fortschrittsfähigsten sich bewährt hat und dadurch der natürliche Herr der Erde geworden ist.

Somit wäre unsere Weltanschauung eine ausgesprochen optimistische? Allerdings, wie die Evolutionslehre selbst es ist, aber nur in dem Sinne, daß dem Menschengeschlechte eine unermeßliche Kraft des Fortschritts zugetraut und eine große Zukunft von ihm erwartet wird. Aber daß das Vollkommene erst von der Zukunft erwartet, daß auf sie unsere Hoffnung gerichtet wird, ist ein Beweis, daß wir eine optimistische Auffassung der Gegenwart und Vergangenheit, bei aller Verehrung für einzelne große Errungenschaften, nicht für gerechtfertigt halten. Wir wollen hier nicht das Urtheil der großen Philosophen und Dichter des Pessimismus über die gegebene Welt wiederholen, die jedoch darin fehlten, daß sie erstens die Welt, wie wir sie kennen, mit dem realen Sein verwechselten, zweitens aus der trüben Vergangenheit und trüben Gegenwart voreilig auf die Nothwendigkeit einer trüben Zukunft schlossen, – eine Anschauung, welche der Evolutionslehre und dem gewaltigen Fortschrittsstreben der Menschen widerspricht. Die pessimistische Betrachtung des Gegebenen aber ist selbst wieder ein Hebel des Fortschritts, denn nur aus tiefer Unzufriedenheit mit dem thatsächlich Gegebenen wird jeder Fortschritt geboren. Nur indem wir beständig von dem Gefühle unserer Unvollkommenheit begleitet werden, vervollkommnen wir uns. Dasselbe gilt vom allgemeinen wie vom Einzelleben, und das Bewußtsein, daß das Leiden der gewaltigste Urheber alles Fortschritts ist, daß die Beseitigung des Leidens das Ende alles Strebens und aller Vorwärtsbewegung wäre, vermag uns vor ungemessenen Klagen zu bewahren und an einem vorschnell verdammenden Urtheil über den Lebensinhalt zu hindern. Die blos pessimistische Auffassung des Gegebenen muß zu stumpfer Resignation und Entmuthigung führen, wenn wir nicht von dem Vertrauen beseelt sind, daß die menschliche Natur durch unentwegtes Vorwärtsstreben, welches das Leiden hervorruft, verbessert werden kann, und daß der Menschheit ein hohes Ziel winkt.

Eine Gewißheit ist jenes Ziel, welches den Sieg bedeutet, allerdings nicht. Möglicherweise ist die Menschheit nur eines gewissen Grades der Vervollkommnung fähig, ohne diese Grenze überschreiten zu können. Möglicherweise bezeichnet der Mensch in einem etwas höheren Vervollkommnungszustand, als er ihn jetzt aufweist, dennoch den Gipfelpunkt der organischen Entwickelung der Erde. In diesem Falle wäre die bisherige Entwickelung eine ziellose und trügerische, das Streben und Ringen der Menschheit ein vergebliches gewesen, da unüberwindliche und unausrottbare Mängel und Gebrechen sie, so wie sie ist, ewig hindern würden, Vollkommenheit und Seligkeit zu erlangen.

Wie sollen wir uns in einem solchen Falle die Zukunft der Menschheit denken? Da würde wohl Mainländer's Prophezeihung zur Wahrheit werden. Demnach würde die Civilisation und Bildung zunächst in immer weitere Kreise dringen, bis sie, nachdem die unzähmbaren Feinde der Cultur im Kampfe mit den Culturträgern sich aufgerieben, alle Menschen umspannt hätte. Allmählig aber würde ein Nachlassen und endlich ein Stillstehen der schöpferischen Kräfte sich bemerkbar machen. Die Menschheit würde nicht mehr fortschreiten. Da aber die ursprüngliche Macht der Leidenschaften durch die Cultur gemäßigt wäre, so würde der Zustand der Stagnation bald zu einem solchen der allgemeinen Ermüdung und Ermattung überleiten, die Todessehnsucht den Lebenstrieb überwinden, wobei nicht an einen allgemeinen Selbstmord, sondern an ein natürliches Aufhören der Menschheit zu denken wäre.

Das Ziel, welches die Evolutionslehre verheißt, hat weit größere Wahrscheinlichkeit für sich, als dieses, da jedoch auch dieses Ziel keine volle Gewißheit ist, so ergiebt sich, daß der Werth des Lebens, unseres Lebens allerdings zur Zeit noch nicht mit Gewißheit bestimmt werden kann – in dem Sinne nämlich, ob das Sein dem Nichtsein oder dieses jenem vorzuziehen sei –, und daß die Philosophen, die es dennoch unternommen – und die Mehrzahl derselben hat es unternommen –, voreilig geurtheilt haben, denn so lange wir Werdegang und Ziel des Lebens nicht mit Gewißheit beurtheilen können, vermögen wir auch seinen Werth nicht mit Sicherheit zu schätzen.

Demnach wäre uns allerdings nur eine Gewißheit gegeben, diese nämlich, daß die Menschheit in jedem Falle ihrer Erlösung entgegengeht, sei es der Erlösung von der Unvollkommenheit durch den Sieg, sei es der Erlösung von einem ziellosen Leben durch einen freiwilligen Untergang. Aber auch in dem letzteren Falle würde den Menschen nicht das Recht zustehen, das Nichtsein höher zu schätzen, als das Sein überhaupt, sondern nur als dasjenige Sein, welches eben der Menschheit beschieden war. Sollte aber eine Erdkatastrophe die Menschheit hinwegraffen, bevor sie zur Gewißheit über ihre Bestimmung gelangt ist, dann wäre dies nur ein Beweis, daß von vornherein die Bedingungen gefehlt haben, die der Menschheit den Fortschritt zu einem höheren Ziele ermöglicht hätten.