Wenn nun aber auch nur die Erlösung der Menschheit an sich, sei es in der einen oder in der anderen Form, nicht aber die Erlösung durch den Sieg eine volle Gewißheit ist, so ist die letztere Form ihrer Erlösung doch die unvergleichlich wahrscheinlichere und auf den größeren Grad der Wahrscheinlichkeit kommt es hier wie überall an. Es kann über Entwickelung und Schicksale der Menschheit ja keinerlei bestimmte Prophezeiung gemacht werden, die größere Wahrscheinlichkeit eines Zieles aber wird unser Hoffen und Streben bestimmen müssen, und deshalb geziemt es uns, im Hinblick auf die Evolutionslehre und auf die Consequenzen, welche sich aus ihr ergeben, den Gedanken eines unermeßlichen Fortschrittes der Menschheit, einer Hervorkehrung neuer, unbekannter Kräfte, einer Annäherung an ein erhabenes Ziel zu unserem Leitstern zu erheben.
Nun wird es nicht an Stimmen fehlen, welche einwenden werden, daß, wie hoch das Ziel auch sei, welches der Zukunftsmensch erringen wird, dieser Gedanke dem gegenwärtigen Menschen doch keine Erhebung gewähren könne, da er persönlich nichts von jenen Errungenschaften wahrnehmen werde, und kein Mitgenuß ihm zu Theil werden kann. Dem gegenüber muß jedoch hervorgehoben werden, daß es nicht minder unzulässig ist, die Unsterblichkeit absolut zu negiren als sie zu behaupten, wiewohl weit mehr Gründe gegen, als für die Annahme einer solchen zu sprechen scheinen, und daß Derjenige, welchem die Hoffnung auf einen persönlichen höheren Existenzzustand ein unabweisbares Bedürfniß ist, dieselbe nicht vollständig braucht sinken zu lassen, obgleich es würdiger wäre, er würde mit dem Gedanken sich begnügen, daß die guten Thaten, die er vollbracht, stets fortwirken werden, daß diese unsterblich sind.
Muthigere, stärkere und selbstlosere Geister aber werden, unbekümmert um ihr persönliches Schicksal, in der Idee einer unermeßlichen Fortschrittsfähigkeit der Menschheit und eines großartigen Zieles, eines siegreichen Abschlusses der aufsteigenden planetarischen Entwickelung, eine Erhebung und Ermunterung zum persönlichen Vorwärtsstreben finden. Indem der Mensch zu jenem hohen Ziele emporblickt, fühlt er sich Eins mit der lichtschaffenden Naturkraft selbst, und was er sucht und liebt, wird gleich jener das Große und Vollkommene sein. Der »Nützlichkeitslehre«, die heute wieder so viel Beifall findet, wird ein von dieser Idee Durchdrungener nicht zum Opfer fallen, denn ihm wird es klar sein, daß es nimmermehr auf die Gefühlszustände der Individuen, sondern auf ihr Werk, ihre Leistung ankommt. Der Utilitarismus betrachtet als oberstes Princip der Moral »das größte Glück der größten Anzahl« oder die »Maximation der Glückseligkeit«; allein die Voraussetzung, daß mit der Erhöhung der Moral das Glück der Menschen im Allgemeinen eine Steigerung erfahre, ist einfach eine Täuschung. Indem wir uns eine eingehendere Begründung dieser Behauptung für eine andere Gelegenheit vorbehalten, wollen wir an dieser Stelle nur Folgendes zum Beweise für dieselben hervorheben: es läßt sich zunächst in Bezug auf jene, an welchen gehandelt wird, nur sagen, daß durch die Vervollkommnung der Moral einerseits allerdings viele Leiden beseitigt werden, während sich doch durchaus nicht bestimmen läßt, inwiefern dadurch auch positives Glück geschaffen wird, indem Gerechtigkeit, Rücksicht und Theilnahme von Seiten der Mitmenschen keineswegs immer als Glück empfunden werden – zeigen sich in der Art, wie die Menschen dieselben Dinge betrachten und empfinden, doch die allergrößten Verschiedenheiten –, während andererseits Ungerechtigkeit und Unterdrückung durchaus nicht immer als Leiden empfunden werden und Jemand durch ein Unrecht, welches ihm widerfahren ist, ebensogut gefördert wie geschädigt werden kann; in Bezug auf die Handelnden aber läßt sich mit Bestimmtheit sagen, daß je mehr die Menschen der Stimme der Pflicht, statt dem Lockrufe ihrer egoistischen Neigungen folgen, je ausdauernder sie auf ihrem Posten beharren, je mehr sie sich zur Gerechtigkeit zwingen, je strenger sie sich selbst überwachen, je empfindlicher ihr Gewissen wird, um so strenger, ernster und mühevoller das Leben sich gestalten wird. Um es zu wiederholen: so wenig wie der Mensch, so wie er beschaffen ist, zur Vollkommenheit berufen ist, ebenso wenig ist er zur Glückseligkeit berufen, denn aller Fortschritt der Cultur besteht in einer Steigerung der Strenge des Menschen gegen sich selbst. Der Utilitarismus betrachtet den Menschen irrthümlicher Weise als Selbstzweck, während er nur ein transitorischer Typus ist und aller Wahrscheinlichkeit nach auf eine höhere Seinsordnung hinstrebt, der all seine Errungenschaften dereinst zu Gute kommen werden. Deshalb handelt es sich auch in der moralischen Sphäre nicht um die Gefühlszustände der Individuen, sondern um Befestigung, Kräftigung und Stärkung der menschlichen Gemeinschaft, als der nothwendigen Voraussetzung und Grundlage aller höheren Cultur, deshalb frägt es sich bei Aufstellung höchster Principien nicht darum, was der Mensch empfindet, sondern was er wirkt, voraussichtlich wirkt zu Gunsten einer höheren Ordnung, als deren Vorläufer er zu betrachten ist.
Etwas soll der Mensch über sich anerkennen. Da er selbst das Vollkommene nicht darstellt, so soll er es verehren und seine Dienste ihm widmen, denn das Vollkommene soll uns nicht nur ein Gegenstand der Verehrung sein, sondern unser gesammtes Streben soll dadurch eine Directive erhalten. Jede ideale Kraftanspannung bedeutet einen Fortschritt, und um so freudiger muß das Erreichbare erstrebt werden, je größer der Zusammenhang, in dem man es betrachtet. Durch den Hinblick auf ein erhabenes Ziel wird aber zugleich unsere Beurtheilung des Gegebenen und durch den Menschen in seiner jetzigen Gestalt Erreichbaren, berichtigt. Demnach werden wir die einzelnen Errungenschaften zu schätzen wissen, ohne sie jedoch als etwas Endgiltiges oder Letztes zu betrachten, und wird uns ferner klar werden, daß, wie der Mensch zur Zeit beschaffen ist, eine harmonische Entwickelung und allseitige Vervollkommnung von ihm nicht erwartet werden kann, daß er immer nur in einzelnen Richtungen Bedeutendes wird leisten können und daß es genug ist, wenn jeder die Kraft, die er besitzt, übt und entfaltet.
Wenn aber Jemand einwenden sollte, das Ziel, welchem die Menschheit, wenn nicht alle Zeichen trügen, voraussichtlich entgegengehen wird, sei zu entfernt, um als Antrieb auf unser Thun zu wirken, so ist diesem Kleinmüthigen zu entgegnen, daß in jedem idealen Gedanken, in jeder edlen und schöpferischen That bereits ein Strahl der künftigen Sonne aufleuchtet, bereits ein Ton der künftigen Harmonie erklingt, die den Übergang zu einem höheren Zustande vorbereiten werden.
In der ehrfürchtigen Versenkung in das Mysterium der Welt und in dem Ausblick auf ein erhabenes Ziel, für dessen Wahrscheinlichkeit so gewichtige Gründe sprechen, welches aber die Menschheit zum Theil durch bewußtes Vorwärtsstreben, zum Theil durch das Erwachen höherer geistiger Potenzen in ihr wird erringen können, scheint uns in der That eine Weltanschauung geboten zu sein, die nicht nur an Wahrheit, sondern auch an ethischem Werth über der Religion steht, letzteres aber dadurch, daß nicht der persönliche Egoismus es ist, welcher in jenem Ziele Befriedigung findet.
Fußnoten
[11] Leipzig 1885.
[12] Die Deutung, welche die visionären Phänomene in der Regel finden, diese ist allerdings Aberglaube. Die einfache Thatsache, daß das Hervortreten jener Erscheinungen durch gewisse klimatische und terrestrische Einflüsse scheint besonders begünstigt zu werden – man denke an die besondere Inclination der Schotten, Westphalen und Esthländer zum »zweiten Gesicht« –, beweist, in welch einem Irrthum sich diejenigen befinden, welche transcendentale Offenbarungen in denselben erblicken. Die Existenz gewisser abnormer Phänomene scheint aber so sicher zu sein, wie die der normalen selbst. Doch folgt aus der Annahme derartiger Erscheinungen noch lange nicht, daß man auch die Möglichkeit spiritistischer Phänomene beglaubige. Dabei kommt es nicht sowohl auf die einzelnen Erscheinungen, sondern auf das Vorhandensein solcher Erscheinungen im Allgemeinen an. Da dies Erscheinungsgebiet vielfach als Tummelplatz schwindelhafter Umtriebe mißbraucht wird, so wird es oft schwierig sein, zwischen Wahrheit und Betrug zu unterscheiden.
[13] Man wolle den biologischen Fortschritt über die jetzige Organisation des Menschen hinaus, wie wir ihn denken, nicht mit Friedrich Nietzsche's Lehre vom »Übermenschen«, welcher er in dem seltsamen Buche »Also sprach Zarathustra« Ausdruck verliehen hat, indentificiren. Schon die Bezeichnung, die Nietzsche für sein Ideal wählt, erscheint uns als ein Mißgriff. Das Ideal selbst aber, welches uns in dieser Gedankendichtung vorgeführt wird, ist einfach der Genius, über welchen der höhere Typus, wie wir ihn denken, sich eben erheben würde, indem ja auch der Genius in der menschlichen Halbheit und im Mangel an höherer Erkenntniß noch befangen bleibt, der eben überwunden werden soll. In der lebendigen Erfassung der Idee eines höheren Typus, wird der Leser den wesentlichsten Fortschritt dieser Schrift über »Moderne Versuche etc.« hinaus erkennen, da dort dieser Gedanke zwar angedeutet, doch nicht tiefer, nicht affektiv erfaßt, deshalb auch die Möglichkeit eines letzten Zieles für den Menschen geleugnet wurde.