Der Mensch ist nämlich nach unserem Verfasser »überwiegend weder ein sinnliches, noch ein vernünftiges Wesen, sondern nach wissenschaftlicher Ausdrucksweise ein phantasirendes d. h. er bildet Vorstellungen aus Anlaß der Empfindungen, aber diese verhalten sich meist zu denselben wie Illusion und Hallucination, wenn man genau zusieht. Vernunft hat er nur in dem formalen Sinne, daß er letzte Principien setzt, aber diese denkt er überwiegend in der Weise der Phantasie, sie stimmen nicht mit der genauen Wahrnehmung, und diese läßt sich auch nicht formal aus ihnen herleiten. Diese Phantasieauffassung aber erscheint ganz instinctiv, sie ist offenbar eine überwiegende Lebensäußerung der physiologisch-psychologischen Beschaffenheit des Menschen«.
Vermöge dieser geistigen Organisation ist es eine Neigung des Menschen, die der sinnlichen Wahrnehmung entrückten Ursachen mythologisch, als persönliche Wesen aufzufassen. Und dieser Zug sei in der Menschheit nicht nur einmal gewesen, wir stehen vielmehr alle noch mehr oder weniger lebhaft unter seinem Einflusse, »nur daß in uns, was sich einst als Evidenz göttlicher Macht gab oder als Offenbarung und Abzeichen einer solchen, zwar ähnlich noch so auftaucht, aber durch die Vorstellungen, welche eine lange Entwickelung genauer Wissenschaft hervorgerufen hat, sofort paralysirt wird.« Bei dieser Stelle fällt vor Allem auf, daß der Verfasser der Meinung zu sein scheint, es gebe unter den Gebildeten keine Gläubigen mehr, welche die Religion für objectiv wahr hielten, sondern alle Gebildeten haben dieselbe als Illusion erkannt, fahren aber – wenigstens die Meisten unter ihnen – dennoch fort, sich in ihren Vorstellungskreisen zu bewegen, weil es ihrer Phantasie so behagt. Wir halten diese Anschauung aber für durchaus falsch. Erstens ist auch unter den Gebildeten der Glaube noch keineswegs erloschen, zweitens dürften unter den Aufgeklärten wohl nur die Allerwenigsten aus Phantasiebedürfniß religiösen Gedanken sich ergeben, weil dieses Phantasiebedürfniß keineswegs eine so große Rolle im Menschen unserer Zeit spielt, wie der anonyme Verfasser annimmt. Wenn der Verfasser meint, daß ein Mensch, dem nach seiner ganzen geistigen Constitution die religiöse Auffassung natürlich ist, sich gänzlich physiologisch-psychologisch ruiniren würde, wenn er an Stelle derselben die wissenschaftliche setzen wollte, so müssen wir hinzufügen, daß ein derartig organisirter Mensch überhaupt nicht für das Wissen, sondern für den Glauben geschaffen sein wird, womit wir aber die Meinung des Verfassers wohl nicht treffen werden, der seinen leitenden Gedanken in dem – nebenbei bemerkt höchst dilettantisch komponirten Werke – in den verschiedensten Variationen zum Ausdrucke bringt. Wie die Lerche zu Grunde gehen oder wenigstens ihre Freudigkeit verlieren würde, wollte sie ihren Singtrieb unterdrücken, ebenso der Mensch, wenn er seine religiösen Vorstellungen unterdrücken wollte, denn die wissenschaftliche Auffassung darf die religiösen Vorstellungen in ihrer unmittelbar psychologischen Art nicht aufheben wollen, wie wir nicht den Versuch machen dürfen, nicht Farben zu sehen, nicht Töne zu hören u. s. w., obwohl wir überzeugt sind, daß Farben, Töne u. s. w. nicht existiren. »Wie man sich geistig ruiniren würde und zwar ganz nutzlos, wenn man kopernikanisch und nicht ptolemäisch die Weltkörper auch sehen wollte, so ruinirt man sich geistig, wenn man die sich immer wieder aufdrängenden nächsten Vorstellungen über jene geistigen Erscheinungen unterdrücken und durch die wissenschaftlichen ersetzen wollte. – Die Einbildungskraft als Grundzug des Menschen darf man nicht stören, in ihr muß sich sein unmittelbares Leben entfalten und ausgestalten, in ihr drückt sich seine geistig angeborene Art aus, durch Empfindungen innerlich erregt und von da aus zu Strebungen und äußeren Handlungen bewegt zu werden. – – – – – – – – – – – – – –
»Der Mensch darf nicht glauben, daß er es mit bloßem Wissen und strengem Anschluß an genaue Erfahrung aushalte; er muß ein großes Gebiet haben, wo er frei d. h. ohne solchen Selbstzwang idealisirt und braucht daher entweder Kunst in freier Weise wie sie ihm gerade individuell, oder Poesie oder Aberglauben oder Religion. – Wenn Jemand durch blaue Farbe seines Zimmers besonders angeregt wird zur Thätigkeit oder zum Denken, so soll er sich dieser Anregung hingeben, wenn Jemand durch die Vorstellung, ein Schutzgeist oder ein Gott wache über ihn, besonders getröstet und gestärkt wird, so soll er sich derselben nicht entziehen u. s. w.[5].«
Offenbar sind die Vorstellungen und Ideale von geistiger Vervollkommnung sehr verschieden. Wir unsererseits betrachten die Fürsprache des anonymen Verfassers zu Gunsten eines schroffen Dualismus zwischen Verstandes- und Phantasieleben, wobei der Verstand negirt, was die Phantasie behauptet, und umgekehrt; seine Fürsprache zu Gunsten der Trennung der verschiedenen Geistesgebiete, zu Gunsten der intellektuellen Gewissenlosigkeit und des bewußten Illusionismus für vollkommen verwerflich und sehen darin nichts anderes als einen geistigen Epikuräismus der schlimmsten Art. Verwundert, ja, mit Widerwillen dürfte der Gläubige von einer Beschäftigung mit religiösen Vorstellungen ohne den Ernst innerer Überzeugung, bloß weil man sie angenehm und schön findet, hören; mit nicht geringerem Widerwillen wird aber derjenige, der auf dem entgegengesetzten Standpunkte steht, der wahre Freidenker, bei dem die Erkenntniß so zu sagen in Fleisch und Blut übergegangen ist, von jener Theorie sich abwenden; denn nicht um das bloße Wissen handelt es sich, sondern darum, daß der Wissende von der gewonnenen Erkenntniß sich auch innerlich durchdrungen zeigt, daß sein gesammtes Denken davon Zeugniß ablegt. Der Freidenkende, welcher diesen edlen Namen verdient, wird, statt seiner Phantasie Wanderungen in das Reich der religiösen Illusionen zu gestatten, vielmehr in der Erkenntniß selbst eine Grundlage für erhabene Gefühle zu finden trachten, und in dieser Weise Gedanken und Empfindungen, Verstand und Gemüth in Uebereinstimmung zu bringen suchen. Also nicht einer charakterlosen Vereinigung von Aufklärung und Aberglauben ist das Wort zu reden, sondern einer Lebendigmachung der Erkenntniß durch das Gefühl. Diese Versöhnung zwischen Wissen und Empfinden herbeizuführen, ist, wie wir bereits hervorhoben, die Aufgabe einer neuen Weltanschauung.
Fußnoten
[3] In zutreffenden Worten hat neuestens J. J. Borelius (Professor an der Universität Lund) in seiner auch in deutscher Übersetzung erschienenen Abhandlung »Blicke auf den gegenwärtigen Standpunkt der Philosophie in Deutschland etc.« (Berlin, Fischer p. 22 ff.) Langes Anschauung über Religion, wenn auch von einem anderen Lager ausgehend, kritisirt, indem er sagt: »Eure Religion, welche ausdrücklich als illusorisch erklärt wird, (ist) keine Religion; kann auch ein ernstes Streben nach dem Idealen neben der Einsicht bestehen, daß alle unsere Versuche das Ideale aufzufassen und zu begreifen unvollkommen sind, so wird dabei doch die Überzeugung vorausgesetzt, daß dieses Ideale nicht bloße Dichtung, sondern etwas an sich Substantielles und Wirkliches ist. Eine Anerkennung dieser Ansicht liegt in der That in Langes Annahme des Ideals als eines bildlichen Repräsentanten der vollen Wahrheit, aber da er dessen ungeachtet das Ideal ausschließlich auf die Dichtung verweist, übersieht er dabei, daß das Urbild selbst nur soweit ein Abbild ist, als es eine Übereinstimmung mit dem Abgebildeten enthält. Ist das Ideale aber als reine Illusion erkannt, so kann man nicht länger daran glauben; es kann dann nicht einmal als Bild einer höheren Wahrheit gelten, sondern nur als Dichtung, als bewußter Selbstbetrug.« Und nun eine Wendung gegen Vaihinger: »So hat auch Langes erklärter Anhänger Vaihinger seine Ansicht verstanden, welche er in Kürze wie folgt zusammenfaßt: »Eine Religion ohne die Grundlage des Glaubens, eine Metaphysik ohne den Anspruch auf Wissen, das sind Ideen, scheinbar paradox und doch thatsächlich die einzigen, die wissenschaftlich haltbar sind!« Es läßt sich aus mehreren Gründen bezweifeln, daß Lange selbst, wenn er noch lebte, sich mit dieser Formulirung seiner Ansicht zufrieden gegeben hätte, jedenfalls drückt sie aber das logische Resultat seiner Ansicht aus. Aber dieses Resultat ist in Wahrheit eine deductio in absurdum. In gewissen Formen des Wahnsinns kommt es vor, daß der Kranke, ohne das Bewußtsein seines persönlichen Ichs verloren zu haben, sich gleichzeitig einbildet, ein ganz anderer zu sein. Es ist schwer ein treffenderes Bild eines Menschen zu finden, der im vollen Ernst Vaihingers philosophischen Standpunkt realisiren würde.«
[4] Mit einem Vorworte von Julius Baumann (Leipzig 1886).
[5] Der Verfasser geht so weit, schließlich auch noch Vorschläge für einen neuen Cultus zu machen, der aus diesem »Glauben« (sic!) erwachsen soll. Man erbaue sich an den folgenden Ausführungen: