»Ein Hauptbedürfniß des Gemüthes ist zeitweilige Befreiung von dem Drucke der Irdischkeit, gerade dies treibt den Gedanken eines überweltlichen Gottes und der seligen Unsterblichkeit hervor und den Cultus, der aus diesem Glauben erwächst. Ich kann mir denken, daß man einer solchen Religion in derselben Weise sich hingebe, wie man sich der Betrachtung von Kunstwerken, dem edlen Naturgenuß, der Poesie hingiebt. Die Cultusstätten müßten von der Art sein, daß sie die Vorstellung eines seligen geistigen Lebens unterstützten, also Alles, was den Geist hemmt, muß zurücktreten, was ihn weckt und beflügelt, hervortreten, und zwar den Geist als Hoffnung und Phantasie. Vom Protestantismus wäre dabei zu nehmen Lied, Gebet, begeisterte und zugleich beschwichtigende Rede; vom Katholicismus die Kunst, was sowohl den Bau als die Ausschmückung betrifft. Die ausschmückende Kunst hätte die großen Erscheinungen der Natur und Geschichte darzustellen, welche eine erhebende oder sittlich-weckende Kraft haben. Grundton des Gottesdienstes müßte sein: Im Leben seid Ihr mit Gutem und Ueblem ausgestattet, je mehr Ihr lernt das Uebel mit dem Guten überwinden, desto mehr erwacht in Euch die Hoffnung in einem höheren und reineren geistigen Zustand zusammengehalten durch Einen großen Friedensgeist ewig zu leben nach dieser Erde. An dieser Hoffnung und ihrem stärkenden Frieden sammelt Ihr Euch und genießet in dem religiösen Verein einen Vorschmack des Gehofften.« Ein Schatz für Predigt, Gebet und Lied müßten die hier einschlagenden Worte aller Religionsstifter und großen Männer aus allen Völkern und Zeiten sein. Kurzum, der Gottesdienst müßte ein Weltbild geben und zugleich, den Menschen in der Welt haltend, ihn mit Hoffnung darüber hinaus erfüllen, aber nicht durch Kontrast, wie bisher in den großen Religionen (die Welt ein Jammerthal, der Himmel Erlösung), sondern aus den Anfängen befriedigenden geistigen Seins auf Erden müßten Glauben und Hoffnung eines seligen Seins mit einem geistigen Mittelpunkte anwachsen.« – Doch genug.
III.
Bevor wir an unser Problem herantreten, müssen wir die Anschauung widerlegen, als handle es sich bei der neuen Weltbetrachtung oder Lehre um die Aufstellung einer neuen vollkommeneren Religion.
Woraus entspringt diese irrige Anschauung? Ganz offenbar aus einer willkürlichen, dem eigentlichen Wesen der Religion widersprechenden Auffassung derselben. Wenn wir der bekannten Formen der Religion uns erinnern, so liegt allen nicht nur das Gefühl der Abhängigkeit – welches Schleiermacher ohne nähere Bestimmung als Grundgefühl der Religion bezeichnet[6] –, sondern das Gefühl der Abhängigkeit des Menschen von einer animistisch und persönlich gedachten Weltmacht, zu Grunde. Ob die oberste Weltmacht nun mit gröberen oder feineren menschlichen Attributen ausgestattet wird, so wird sie doch immer in der Form solcher gedacht werden. Folgt daraus nicht, daß eine Weltanschauung, welche sich jeder Characterisirung der letzten Dinge enthält, weil echte Philosophie die Bestimmbarkeit derselben leugnet, über die Religion hinausgeht und demnach als überreligiös bezeichnet werden muß? Dennoch nennt August Comte seine neue Lehre, in welcher der Gottesbegriff keine Stelle findet und die an Stelle des Gottes- einen Menschheitscultus setzt, Religion, und Herbert Spencer verwechselt ganz offenbar Religion mit Philosophie (wie dies auch schon Schiller in dem bekannten Distichon gethan hat), indem er jeden Versuch den Weltgrund zu charakterisiren als irreligiös bezeichnet, als religiös hingegen die Erkenntniß, daß wir von einem unergründbaren Mysterium umgeben sind.[7] Die Konsequenz dieser seltsamen Anschauung ist jedoch die, daß sämmtliche historische Formen der Religion gar keine Religionen sind, da sie insgesammt eine Charakterisirung des Weltgrundes unternehmen, ein Wagniß, welches Spencer eben als irreligiös betrachtet. Hand in Hand mit dieser falschen Auffassung des Wesens der Religion geht bei Spencer die auf irrigen Voraussetzungen beruhende Bemühung, Wissenschaft und Religion mit einander zu versöhnen. Mit Recht zwar weist Spencer darauf hin, daß die Wissenschaft ursprünglich vielfach zur Klärung, Läuterung und Erweiterung der religiösen Begriffe beigetragen hat. Aber er übersieht, daß die Wissenschaft eine trügerische Genossin der Religion ist, indem sie diese mit denselben Waffen, mit welchen sie zu ihrer Läuterung und Klärung beigewirkt hat, schließlich zerstört und vernichtet.[8] Verwechselt nun Spencer Religion mit Philosophie, so verwechselt W. M. Salter, der amerikanische Morallehrer, der auch in Deutschland mehr und mehr zur Anerkennung gelangt, Religion mit Moral, indem er von der »Religion der Moral« spricht. Auch hier wird also für einen überreligiösen Standpunkt das Wort »Religion« beibehalten und so ließe sich noch manche unberechtigte Uebertragung dieses Wortes auf eine Sphäre, welche weit über diejenige hinausreicht, die es ursprünglich bezeichnete, hervorheben[9].
Da gebührt unter allen, welche sich mit der Frage eines höheren Ersatzes der Religion beschäftigt haben, Eugen Dühring das Verdienst, die Sphäre der Religion und die einer auf Erkenntniß gegründeten Weltanschauung streng auseinander gehalten zu haben. Vermögen wir auch Dühring's Versuch, das in Frage stehende Problem zu lösen, nicht für einen befriedigenden zu bezeichnen, so müssen wir um so mehr seiner scharfen Sonderung dessen, was gesondert werden muß, beistimmen[10].
Wer den überreligiösen Standpunkt deßhalb immer noch mit Religion bezeichnet, der beweist nur, daß er entweder die alte Lehre nicht genügend überwunden, oder daß er zwischen den verschiedenen Geistesgebieten nicht genügend unterscheidet, oder daß er endlich von falschen Rücksichten geleitet, das Neue mit dem Alten zu verbinden strebt, ohne daß eine solche Verbindung möglich ist.