[6] Und nach Schleiermacher unter anderen auch D. Fr. Strauß in »Der alte und der neue Glaube«, wo er sagt: »Die Religion ist uns nicht mehr, was sie unseren Vätern war, daraus folgt aber nicht, daß sie in uns erloschen ist. Geblieben ist uns in jedem Falle der Grundbestandtheil aller Religion, das Gefühl der unbedingten Abhängigkeit.« Zu dieser Bezeichnung des Grundzuges der Religion muß eben eine nähere Bestimmung der Macht, von welcher der Mensch sich abhängig fühlt, hinzutreten.

[7] Wir geben die für diese Anschauung charakteristischste Stelle aus »Die Grundlagen der Philosophie« (deutsch von B. Vetter, Stuttgart 1875) hier wieder. S. 14: »Jeder hat von dem Könige gehört, der wünschte, daß er bei der Erschaffung der Welt zugegen gewesen wäre, um gute Rathschläge ertheilen zu können. Er war aber bescheiden im Vergleich mit jenen, die da vorgeben, nicht allein die Beziehungen zwischen Schöpfer und Geschaffenen zu verstehen, sondern auch, wie der Schöpfer beschaffen sei. Und doch ist diese transcendentale Frechheit, die sich brüstet, die Geheimnisse einer Macht zu durchschauen, welche sich uns in allem Seienden offenbart, ja sogar dieser Macht über die Achsel sehen und die Bedingungen ihrer Thätigkeit beobachten zu können – sie ist es denn, deren Paß auf »Frömmigkeit« lautet. Dürfen wir nicht ohne weiteres behaupten, daß eine aufrichtige Anerkennung der Wahrheit, daß unsere eigene und alle andere Existenz ein durchaus und für immer jenseits unsers Verständnisses liegendes Mysterium ist ein besser Theil wahrer Religion enthält, als alles, was in dogmatischer Theologie geschrieben worden ist?«

[8] Von dem Spencer'schen Gedanken der Versöhnung zwischen Wissenschaft und Religion zeigt sich der amerikanische Prediger M. J. Savage in seinem, auch in deutscher Übersetzung erschienenen Werke: »Die Religion im Lichte der Darwin'schen Lehre« (Leipzig 1886) beeinflußt. Nach Savage ist die Welt eine stufenweise Entwickelung Gottes; seine Lehre wird also am besten als Panentheismus bezeichnet werden. Von der Evolutionslehre heißt es »sie gehe auf das reine Wort Jesu zurück und erfülle es kräftig mit der ganzen Erkenntniß und Macht der modernen Wissenschaft. Indem sie jedes Gesetz der Natur, des Geistes und der Religion nur als einen Ausfluß des lebendigen, liebenden und gerechten Gottes auffaßt, identificirt sie Moral und Religion durchaus, oder macht vielmehr die Moral zu einem Zweige der Religion, welche größer ist und umfassender.« Das Buch ist voll naiver Wunderlichkeiten, wie wenn der Verfasser auf die Frage, wie lange es währen wird, bis die Welt ihren Höhepunkt erreicht hat, antwortet: »Tausende von Jahren, denn Gott hat keine Eile, ihm bleibt die Ewigkeit für sein Wirken« etc. Wohlthuend aber wirkt das Vertrauen des Verfassers, daß der Menschheit eine große Zukunft bevorsteht.

[9] So faßt auch Wundt in der »Ethik« (Stuttgart 1886) p. 41 den Begriff Religion zu weit, wenn er darunter »diejenigen Vorstellungen und Gefühle, die auf ein ideales, den Wünschen und Forderungen vollkommen entsprechendes Dasein sich beziehen« versteht.

[10] Wir selbst haben auf die Nothwendigkeit einer genauen Unterscheidung und Abgrenzung der Gebiete der Religion und einer höheren Weltanschauung bereits hingewiesen in unserer Schrift »Moderne Versuche eines Religionsersatzes« (Heidelberg, Weiß 1886).


IV.

Die neue Lehre oder Weltanschauung nun wird, wie wir bereits hervorhoben, auf ein effektives Erfassen des Weltproblems und eines höchsten Zieles, wie eine kritische Philosophie und echte Wissenschaft sie uns betrachten lehrt, gerichtet sein müssen, ein Erfassen, aus dem dann von selbst Pflichten und Antriebe für den handelnden Menschen sich ergeben werden.

Aus dieser Bestimmung geht hervor, daß die neue Lehre nicht im Begriffe der Moral aufgehen kann, in welcher so Manche ein Aequivalent für die Religion erblicken, während wir eine Erhöhung und Vervollkommnung der Moral vielmehr nur als eine der Wirkungen betrachten, welche die neue Weltanschauung hervorbringen muß.