Für Andere haben die bekannten Verse Goethe's, nach welchen, wer Wissenschaft und Kunst besitzt, keiner Religion bedarf, wer jene beiden nicht besitzt, Religion haben müsse, etwas Bestechendes. Diesem berühmten Ausspruche zufolge ist also die Beschäftigung mit Kunst oder Wissenschaft in ihrer Allgemeinheit ein volles Aequivalent für die Religion. Eine tiefere Erwägung jedoch ergiebt, daß keine jener beiden Sphären in ihrer Allgemeinheit diese Leistung zu vollbringen vermag. Was die Wissenschaft betrifft, so kommen für unser Problem vielmehr nur jene ihrer Ergebnisse in Betracht, welche sich auf die höchsten Weltfragen beziehen, während die Kunst und zwar hauptsächlich die Poesie hier nur insofern eine Rolle spielt, als sie jenen höchsten Gedanken einen idealen Ausdruck verleiht. Im Begriffe der Kunst liegt in seiner Allgemeinheit ja nur eine formale Bestimmung, während die Art des Inhaltes völlig dahingestellt bleibt; unser Problem erfordert aber einen sehr bestimmten, höchsten Gedankengehalt.
Es fehlt nun nicht an Versuchen, eine neue Welt- und Lebensanschauung an Stelle der Religion zu setzen, Versuche, welche sich hauptsächlich an die Namen Comte, Feuerbach, Dühring, Duboc, Nietzsche und Salter knüpfen, welch' letzterer allerdings vornehmlich Ethiker ist, und zwar einer der ausgezeichnetsten Ethiker, die wir kennen. Wir haben die Ausführungen jener Philosophen in unserer Schrift »Moderne Versuche eines Religionsersatzes« einer kritischen Würdigung unterzogen. Wie viel Bedeutendes und Beherzigenswerthes wir bei jenen Denkern auch fanden, so konnten wir doch keinem unsere volle Beistimmung geben. Wir würden die negative Seite des in jener Schrift gewonnenen Ergebnisses heute noch schärfer betonen als damals, weil wir unsere eigene Stellung zu dem Problem in mancher Beziehung einer Correctur zu unterwerfen hatten. Doch kann es nicht unsere Absicht sein, unsere Kritik jener Versuche hier einer Revision zu unterziehen. Diese wird sich durch nähere Darlegung unserer eigenen Anschauungen über den Inhalt dessen, was wir im Gegensatze zur Religion als neue Lehre bezeichnen möchten, von selbst ergeben. Wir wiederholen jedoch, daß wir keineswegs der Meinung sind, etwas absolut Richtiges oder Allgemeingültiges zu sagen, wir geben vielmehr nur unserer persönlichen Anschauung Ausdruck, hoffen jedoch in Anderen verwandte Saiten zu berühren.
Wie also vermögen wir durch Erkenntniß geleitet – sei dieselbe nun positiv oder negativ – zu einer Idee des Weltgrundes und eines höchsten Zieles zu gelangen, welche, indem sie unser Leben und Streben mit etwas uns Ueberragendem verbindet, als Grundlage erhebender und begeisternder Gefühle zu dienen vermag? Diese Gefühle aber werden keine anderen sein, als die der tiefsten Ehrfurcht vor dem Weltgrunde, der höchsten Hoffnung auf ein Welt- oder doch Menschenziel.
Durch welche Erkenntniß aber wird zunächst der Weltgrund für uns zum Gegenstande der tiefsten Ehrfurcht? Allein durch die Erkenntniß, daß eine Charakterisirung desselben oder der letzten und höchsten Dinge unserer Beurtheilung sich entzieht, daß die Welt für unsere geistige Organisation ein unlösbares Räthsel, ein unergründliches Mysterium ist.
Unsere Erfahrung, so lehrt die kritische Philosophie und eine ihre Lehre bekräftigende Naturforschung, erschöpft den Weltinhalt nicht. Unsere Vorstellungen decken sich nicht mit dem realen Sein, die Armuth und Beschränktheit unserer Sinne, die Unzulänglichkeit unseres Verstandes vermag uns nur ein völlig subjektives und unvollkommenes Bild der Welt zu bieten, und jeder Schluß, der von unserer Vorstellungswelt auf das reale Sein gezogen wird, erweist sich als trügerisch, denn es liegt, so wie wir beschaffen sind, nicht in unserer Macht, die Schranken zu durchbrechen, welche uns von der Erkenntniß der Welt trennen. – Ebensowenig wie die Außenwelt, erkennen wir uns selbst, denn auch die psychischen Phänomene sind eben nur Phänomene. Doch was ist ihr tiefstes Wesen? was sind sie selbst? Wir können keine Antwort finden. Ein Räthsel ist die Welt, ein Räthsel sind wir selbst, ein Räthsel ist das Leben, ein Räthsel der Tod. Lassen wir voreilige Metaphysiker in dem Glauben, die Weltformel gefunden und der Weisheit letzten Schluß gezogen zu haben. Unserer Weisheit letzter Schluß sei der, daß die letzten Dinge unergründlich für uns sind, daß wir von Räthseln umgeben inmitten eines Mysteriums leben, wir selbst ein Mysterium. Durch diese Einsicht aber beweisen wir den höchsten Fragen gegenüber eine tiefere Ehrfurcht, nicht nur als die Metaphysiker, sondern auch als die Religiösen, welche den Weltgrund als etwas ihnen Bekanntes erfassen.
Wir leugnen nun nicht, daß das Bewußtsein, eine Ergründung des Weltwesens sei uns versagt, auch ein Gefühl in uns erwecken kann, welches wahre Ehrfurcht ausschließt, nämlich das eines dumpfen Schmerzes, ein Gefühl, als wären wir in einen Kerker gebannt, von dem aus wir uns vergebens nach dem Lichte sehnen, an dessen ehernen Wänden all unsere Versuche scheitern, der Wahrheit näher zu kommen. Auch dieses Gefühl ist berechtigt, und in manchen Gemüthern mag es das vorherrschende sein. Andere aber wird es nur flüchtig berühren, während die edlere Empfindung des ehrfurchtvollen Erfassens des Weltgeheimnisses ihnen homogener ist. Es mögen ja, namentlich in unseren Tagen, nur Wenige dieser Vertiefung fähig sein; unsere Zeit ist arm an Ehrfurchtsmenschen und das schöne Selbstbekenntniß Goethe's: »Mein Gemüth war von Natur zur Ehrerbietung geneigt und es gehörte eine große Erschütterung dazu, um meinen Glauben an irgend ein Ehrwürdiges wanken zu machen«, dürfte nur von Wenigen in seiner Tiefe erfaßt werden können. Einzelne aber werden der ehrfurchtsvollen Versenkung in das Weltproblem dennoch fähig sein, und der wahrhaft philosophische Geist, welcher zugleich die Kraft der Phantasie besitzt, gewonnene Denkergebnisse in das lebendige Gefühl aufzunehmen, wird immer wieder von diesem Gefühle erfaßt werden. Denn immer wieder wird das Verlangen sich bei ihm regen, von dem Gegebenen, in welchem der gemeine Sinn befangen bleibt, zu dem Gedanken des Mysteriums sich zu erheben, oder die Dinge im Zusammenhange damit zu betrachten, wodurch ihre Bedeutung eine wunderbare Vertiefung erfährt. In den Momenten der höchsten Steigerung aber wird dieser Affekt der Ehrfurcht in der Form eines inneren Erbebens auftreten, indem der Geist, die gegebene Welt der Erscheinungen verlassend, hinabtaucht in die Räthsel des Daseins. Und dieser Affekt hat eine kathartische Wirkung, denn er bedeutet die Abwendung von der Unzulänglichkeit, Beschränktheit und Vergänglichkeit der gegebenen Welt, von den Dissonanzen und der dualistischen Zerrissenheit des Lebens, so weit wir dasselbe erkennen und begreifen. Richten wir das Auge ausschließlich auf das Gegebene, so gelangen wir leicht zu einer pessimistischen Verurtheilung des Seins überhaupt. Davor kann nur das Bewußtsein uns schützen, daß der tiefste Sinn des Seins und seine eigentliche Bedeutung uns verschlossen ist und keinerlei Beurtheilung desselben uns zusteht.
Wir verwahren uns gegen eine Verwechselung des Gedankens, die Welt als Mysterium zu verehren, mit dem, in die Unermeßlichkeit des Weltalls und die Unübersehbarkeit des Weltprozesses sich zu versenken. Bleiben wir hierbei doch innerhalb der Welt der Erscheinungen, während wir durch die Erfassung des Weltgrundes als eines undurchdringlichen Geheimnisses über die Phänomenalität uns erheben. Wenn wir ferner innerhalb der Erscheinungswelt verharren, so ist die Gesammtheit der Dinge, trotz ihrer Unfaßbarkeit doch um nichts wunderbarer, als ein scheinbar verschwindendes Einzelding, die kosmische Harmonie um nichts wunderbarer, als die Harmonie der Theile eines Kunstwerkes, und es ist immer das Zeichen eines gröberen Sinnes, durch bloße Quantitätsverhältnisse sich blenden zu lassen.
Geziemt es dem Menschen, seiner geistigen Organisation gemäß, das Weltgeheimniß ehrfurchtsvoll zu erfassen, so wäre es doch der vollkommenere Zustand, wenn eine Erkenntniß der letzten Dinge für ihn erreichbar wäre, wenn sein Denken mit dem Sein sich zu decken, sein Verstand den Weltinhalt zu erfassen, die Kraft zu begreifen vermöchte, welche in der geistigen wie in der materiellen Welt sich offenbart.
Wäre es aber undenkbar, daß latente Kräfte im Menschen schlummern, deren Erwachen und schrittweise Entwickelung – wenn auch nimmermehr den Menschen der Gegenwart oder einer nahen Zukunft, so doch den einer ferneren Zukunft – auf jene höhere Stufe emporzuheben vermöchten? Sollte in der Menschheit nicht die Fähigkeit liegen, aus ihrem Zustande der Unvollkommenheit, der Halbheit, aus dem Dualismus, in welchem selbst ihre edelsten Geister befangen bleiben, einst herauszutreten? Sollte es nicht im Bereiche der Möglichkeit liegen, daß nicht nur die idealen Kräfte, welche die Menschheit bisher gezeigt hat, einer gewaltigen Steigerung fähig wären, sondern daß auch neue, unbekannte Potenzen dereinst in ihr zu Tage treten, welche schließlich eine Verwandlung des Weltbildes und mit dieser höchst wahrscheinlich den Wegfall von tausend Unvollkommenheiten der Natur herbeiführen würden, welche der menschliche Wille nie würde überwinden können, die aber zuletzt doch nur in unserer mangelhaften subjektiven Vorstellungsweise begründet sind? Denn eben durch die reichere und vollkommenere Gestaltung des Weltbildes in dem höher organisirten vorstellenden Geiste würde die Erkenntniß des Weltinhaltes vermittelt werden. Bietet die Wissenschaft nun irgend welche Stütze für die Annahme, die Menschheit könnte berufen sein, zunächst auf dem Wege bewußter Vervollkommnung, später aber durch das Erwachen neuer geistiger Kräfte, einem Ziele entgegenzugehen – unter welchem kein Millenium, kein Zukunftsparadies, und was der kindlichen Träumereien mehr sind, zu denken ist – einem Ziele, welches den Sieg bedeutet, den Sieg der höheren Seite der Natur über die niedere, ja eine Durchbrechung der Schranken, in welche die menschliche Erkenntnißkraft jetzt noch gebannt ist, durch die Entwickelung höherer geistiger Organe, wenn auch dieses Ziel an sich noch kein letztes wäre?
Es giebt mattherzige Naturen, für welche der Gedanke des Fortschrittes, wenn sie sich schon nicht skeptisch zu demselben verhalten, doch nichts Anregendes, nichts Erwärmendes hat; es giebt wieder andere, welche lebhaft an demselben festhalten, jedoch mit gewissen Verbesserungen der menschlichen Gesellschaft, insbesondere mit einer Versittlichung derselben sich zufrieden geben würden; endlich aber können wir uns auch so beschaffene Geister vorstellen, welche der Menschheit und ihrer Entwickelung nur dann Werth beimessen würden, wenn es irgend welche Anzeichen gäbe, daß dieselbe zum Siege, zur höchsten Erkenntniß, d. h. zum Uebergange in eine höhere Ordnung – von dessen Bewerkstelligung wir uns freilich keine Vorstellung bilden können – berufen sei. Und ist der Gedanke eines Zieles, eines Abschlusses und, wenn auch nur eines vorläufigen, nicht ein Bedürfniß des menschlichen Geistes? Ist es nicht ein Bedürfniß desselben ein über alles Gegebene hinausreichendes Ziel über sich zu sehen? So lange wir den Menschen als ein Wesen betrachten, welches niemals höhere Kräfte, als die von ihm bisher bekundeten, offenbaren wird, so giebt es in der That kein Ziel für ihn; ein solches stellt erst dann sich ein, wenn wir die Möglichkeit einer Erhebung der Menschheit zu einer höheren Organisationsstufe ins Auge fassen, wenn auch dieses Ziel an und für sich noch kein letztes und höchstes wäre. Für den Menschen aber müßte es ein Gegenstand der höchsten Hoffnung, des höchsten Vertrauens sein.