So hat Menzel auch in den folgenden Jahren mit unverwüstlicher Kraft immer weitergeschaffen. Überall ist das Skizzenbuch sein treuer Begleiter geblieben. Jüngstgeschautes und im Gewahrsam des erstaunlichen Gedächtnisses Aufgehobenes hat er in Bildern, mit Öl- oder mit Wasserfarben gemalt, niedergelegt, und auch freie Erfindungen hat er dazwischen wieder gestaltet. Sein Schaffensvermögen und seine Schaffenslust erscheinen unerschöpflich. Nichts in seinen spätesten Arbeiten erinnert an seine hohen Jahre. Einen wichtigen Bestandteil von Menzels Lebenswerk bilden seine nach der Natur gezeichneten Studien. Seine Studienblätter sind Kunstwerke; auch solche, bei denen er selbst durch unwilliges Durchstreichen sich für nicht befriedigt erklärt oder in denen er eine einzelne Stelle mit solchen Strichen durchfahren hat, um sie als ungenau zu bezeichnen (s. [Abb. 128] und [129], [101] und [120]). Ein Fleiß und eine Gewissenhaftigkeit ohnegleichen haben ihn nie verlassen, und namentlich im Anblick von manchen bildnismäßig ausgeführten Studienköpfen aus den letzten Jahren (s. [Abb. 136)] möchte man fast sagen, daß sein Können immer noch gewachsen sei. Es ist, als ob das stete Schöpfen aus dem Quell der ewig jungen Natur ihn selber dauernd jung erhalten habe.
Abb. 139. Studie (Bleistiftzeichnung) von 1892.
Dem im achtzigsten Lebensjahre mit straffer Rüstigkeit und ungetrübter Arbeitsfreude wirkenden Künstler hat Seine Majestät Kaiser Wilhelm II im Frühjahr 1895 ein einzigartiges Fest bereitet, um den Schilderer des Zeitalters Friedrichs des Großen, den Schöpfer unserer Vorstellungen von dieser Zeit, zu ehren. Der Schauplatz des Festes war Sanssouci. Alle Geladenen trugen die Kleidung jener Zeit, in so gewissenhafter Durchführung, als ob Menzel jedes Kostüm vorgezeichnet hätte. Nur Menzel, vor dem die ihm zugedachte Überraschung streng geheim gehalten worden war, kam im heutigen Frack. Da trat vor dem Ahnungslosen eine Wache Fridericianischer Grenadiere ins Gewehr; Kommandos und Bewegungen waren genau nach den Reglements von damals einstudiert. So leitete das Fest sich ein, dessen Höhepunkt eine Musikaufführung im Konzertsaal des Schlosses war, und das dem Künstler die Gestalten und Vorgänge leibhaftig vor Augen führte, mit denen vor einem halben Jahrhundert seine Einbildungskraft diese Räume bevölkert hatte. Es ist erwähnenswert, daß dieses Fest dem Meister die erste Gelegenheit gab, den Saal in jener Kerzenbeleuchtung zu sehen, die er damals aus seinem Vorstellungsvermögen heraus so prächtig gemalt hatte.
Abb. 140. Studienkopf (Bleistiftzeichnung) von 1893.
Im Besitz der Kunsthandlung Fritz Gurlitt in Berlin.
Zu seinem achtzigsten Geburtstage, der unter allseitiger Teilnahme noch glänzender als der siebzigste gefeiert wurde, empfing Menzel eine Fülle von hohen Ehrungen. Kaiser Wilhelm II ernannte ihn zum Wirklichen Geheimen Rat mit dem Prädikat „Excellenz“; außerdem verehrte er ihm seine von Schott modellierte Bronzebüste, und er bereitete dem Gefeierten eine besondere Herzensfreude dadurch, daß er zu der in den Räumen der Berliner Akademie veranstalteten Festhandlung eine Abteilung Fridericianischer Riesengrenadiere sandte. Die Stadt Berlin ernannte Menzel zum Ehrenbürger. Die Akademie zu Paris, das Institut de France, ernannte ihn zu ihrem Mitglied; dasselbe that die königliche Akademie der Künste zu London. Bewunderungswürdig war die Rüstigkeit, mit welcher der Gefeierte an diesem Ehrentage vom frühen Morgen bis tief in die Nacht hinein all den mannigfaltigen festlichen Veranstaltungen seine vollste Aufmerksamkeit schenkte.
Gegen Ende des Jahres 1895 schwebte Menzels Leben infolge eines schweren Sturzes über eine Treppe in Gefahr. Aber seine zähe Natur überwand schnell und vollständig die Folgen dieses Unfalls. Im neunten Jahrzehnt seines Lebens fuhr Menzel fort, mit der Frische eines Jünglings zu arbeiten. Jedes neue Werk, das unter seinen Händen entstand, war ein neuer Beweis seiner nicht alternden Künstlerschaft.