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GRÖSSERES BILD]

Wenn es auch begreiflicherweise nur selten geschah, daß der Besteller eines Bildnisses gerade solch einem übermütigem Einfall des Malers mit gleicher Laune entgegenkam, so fand Franz Hals doch häufig Gelegenheit, Bildnisse in einer Weise aufzufassen, welcher seine Augenblicksmalerei — wenn dieser nach dem Ähnlichkeitsbeispiel der Momentphotographie gebildete Ausdruck statthaft ist — als die geeignetste Art der Ausführung entsprach. Er erreichte dadurch eine unvergleichliche Lebendigkeit. In anderen Fällen bildete er die Porträts mit dem äußersten Maß von liebevoller Sorgfalt durch. Sind schon auf dem Schützenbild von 1616 die Köpfe durch eine bewunderungswürdige Sorgfältigkeit der Ausführung ausgezeichnet, so ging der Meister hierin bei Einzelbildnissen bisweilen noch weiter. Da konnte er einen so hingebenden Fleiß entfalten, daß er hierdurch den Beschauer fast ebenso sehr fesselt wie andere Male durch seine Keckheit. Betrachten wir zum Beispiel die Bildnisse eines vornehmen Ehepaares, welche sich in der Gemäldegalerie zu Kassel befinden. Dieselben sind, wie man aus der Tracht mit Sicherheit schließen kann — denn im XVII. Jahrhundert wechselten die Kleidermoden schnell und schroff — in der ersten Hälfte der zwanziger Jahre entstanden ([Abb. 4] und [5]). Mit welcher staunenswürdigen Feinheit sind da die Gesichter bis in die letzten Einzelheiten der Formen ausgeführt, ohne daß durch die Sauberkeit der Malerei die Frische der Auffassung und die überzeugende Lebenswahrheit der Persönlichkeiten irgendwie Schaden gelitten hätten. Und mit was für einer fleißigen Genauigkeit sind der feine Batist der großen Halskrausen, die kostbaren Spitzen der Haube und der Manschetten, das künstlich gearbeitete lilafarbene Seidenkleid der Frau und deren mit schwarzem Federpelz besetzter Überrock aus schwarzem Damast, sowie die schwarze Atlaskleidung des Mannes gemalt, ohne daß diese Durchbildung des Einzelnen den malerischen Reiz des Ganzen und die feine Einheitlichkeit der Farbenstimmung auch nur im Geringsten beeinträchtigte. — Von verwandter Art sind die mit der Jahreszahl 1625 bezeichneten Bildnisse des Ehepaares Olycan in der königlichen Gemäldesammlung im Haag ([Abb. 6] und [7]). Es ist lohnend, die beiden Bildnispaare, dieses und das Kasseler, daraufhin miteinander zu vergleichen, wie bei aller Ähnlichkeit der Stellungen, die recht und schlecht diejenigen des Dastehens zum Abgemaltwerden sind, doch die Verschiedenartigkeit der Charaktere auch in den Körperhaltungen zum Ausdruck gebracht ist.

Schon der Umstand, daß der Meister von so vornehmen Persönlichkeiten dazu ausersehen wurde, ihr Bild zu malen, würde hinreichen, um zu beweisen, daß man ihm sein leichtes Leben um seiner Kunst willen, und vielleicht auch um seiner guten Herkunft willen, gern verzieh. Daß er ungeachtet der unerquicklichen Vorkommnisse von 1616 sich eines guten Ansehens erfreute, geht auch aus mancherlei anderweitigen Zeugnissen hervor, so zum Beispiel daraus, daß er von einem der Pflege der Litteratur gewidmeten, sogenannten Rhetoriker-Verein zum Ehrenmitglied ernannt wurde; auch der Umstand spricht dafür, daß er Mitglied der Bürgerwehr von Haarlem war und daß er später sogar in den Vorstand seiner Gilde gewählt wurde.

Abb. 18. Bildnis eines jungen Mannes. Im Königlichen Museum zu Berlin.
(Nach einer Photographie von Franz Hanfstängl in München.)

Abb. 19. Bildnis einer jungen Frau. Im Königlichen Museum zu Berlin.
(Nach einer Photographie von Franz Hanfstängl in München.)

Zwischen dem Malen von ernsten Bildnissen, welche großen Aufwand von Zeit und Mühe erforderten, mochte es dem Meister eine rechte Erholung sein, sich mit dem Schaffen jener leicht und schnell hingemalten genreartigen Darstellungen zu vergnügen. Diese bald aus einem einzelnen Brustbild, bald aus einer Zusammenstellung von zwei oder mehreren Halbfiguren bestehenden, meist in lebensgroßem Maßstab ausgeführten Gemälde bildeten ihm zugleich eine Quelle des Erwerbs, indem dieselben gern gekauft wurden, wenn auch nur zu niedrigen Preisen. Was für liebenswürdige Werke Franz Hals in dieser Gattung von Malerei entstehen lassen konnte, zeigen die singenden Knaben der Kasseler Galerie ([Abb. 8]). Man kann sich nicht satt sehen an diesem frischen blonden Jungen, der im Verein mit einem Genossen so ganz aufgeht in dem Einüben des Liedes, das er zur Laute vortragen will. Mit unfehlbaren Pinselstrichen ist das Spiel der Gesichtsmuskeln beim Singen wiedergegeben — eine Thätigkeit, die für andere ebenso spröde gegen das Festhalten im Bilde zu sein pflegt, wie das Lachen. — Ähnliche Darstellungen singender und musizierender Knaben von der Hand des Meisters befinden sich in verschiedenen Sammlungen; so, um noch einige in Deutschland befindliche zu nennen, der muntere Junge, dem die neue Weise für sein Flötenspiel, welche er singend probiert, so gut gefällt, im Berliner Museum ([Abb. 9]), und der kecke Bursche in der großherzoglichen Galerie zu Schwerin, der, die Flöte absetzend, den Beschauer anlacht, als ob er ihn fragen wollte: „War das nicht lustig?“ ([Abb. 10]). — Ganz besonderen Beifall erzielte, wie die mehrfach vorhandenen Wiederholungen bekunden, ein figurenreicheres Bild, welches einen „Rommelpotspieler“ darstellt, einen verkommenen alten Kerl, der durch die komischen Töne seines brummenden und schnurrenden Instrumentes die Straßenjugend in Entzücken versetzt. — Auch wenn Franz Hals seine Gestalten aus dem fragwürdigen Volk herausgreift, welches Wirtshäuser niedrigster Klasse belebte, weiß er denselben durch den Zauber seiner Kunst und durch die ungekünstelte Frische seines Humors alles Abstoßende zu nehmen: im Gegenteil fesseln auch diese Gestalten den Beschauer ganz unwiderstehlich mit einem nicht zu beschreibenden Reiz. Der Schalksnarr gibt den Ton an in diesem Kreis von Darstellungen. Wie wirbt der Spaßmacher so lockend, in seine Gesellschaft herabzukommen, in dem Amsterdamer Gemälde ([Abb. 11]), wo er mit einem erfolgsgewissen Blick sich umschaut, während er die Weise eines Schelmenliedes auf der Laute anschlägt! Wer empfände, wenn er der übermütigen lachenden Dirne, der sogenannten bohémienne, im Louvre ([Abb. 12]) entgegentritt, in ihrem Anblick nicht einen wirklichen, herzlichen Kunstgenuß? Oder wer könnte ohne Vergnügen den lustigen Zecher in der Galerie zu Kassel ([Abb. 13]) ansehen, einen Mulatten in verschossener roter, gelb ausgeputzter Kleidung, der den Deckel des Weinkrugs aufklappt und mit vom Rausche klein gewordenen Augen, von denen das eine in Feuchtigkeit schwimmt, während das andere funkelt, und mit schwerer, naßglänzender Unterlippe, in einer so unbeschreiblichen Mischung von Glückseligkeit und Stumpfsinn den Beschauer anlacht? Nicht weniger glücklich fühlt sich der vornehmere Zecher, der aus einem Bilde im Reichs-Museum zu Amsterdam uns mit gleichfalls schon glänzendem Gesicht und schwer werdenden Augenlidern entgegenblickt, redselig bemüht, uns von den vorzüglichen Eigenschaften des goldenen Weins in dem Glase, das er vor sich hin hält, zu überzeugen ([Abb. 14]).

Abb. 20. Bildnis eines Kindes mit Amme. Im Königlichen Museum zu Berlin.
(Nach einer Photographie von Franz Hanfstängl in München.)