Der Entstehungszeit nach liegt dieses Bild zwei Dulenstücken im Haarlemer Rathaus nahe, welche beide die Jahreszahl 1627 tragen und von denen das eine die Offiziere der St. Georgs-Schützen, das andere diejenigen der St. Adrians-Schützen darstellt. Vergleicht man diese beiden großen Porträtgruppen mit dem um elf Jahre älteren Bilde der nämlichen Gattung, so gewahrt man neben der volleren Farbenpracht ein großes Fortschreiten des Meisters hinsichtlich der dort schon so glücklich angestrebten Zwanglosigkeit der Gruppierung. Auch in der gesamten Auffassung besteht ein bemerkenswerter Unterschied zwischen dem Dulenstück von 1616 und den beiden von 1627. Dort zeigte sich gemessener Ernst mit der Heiterkeit des Festmahls gepaart. Hier herrscht eine ungebundene Fröhlichkeit auf den meisten Gesichtern. Man ist nicht mehr beim ersten Glas, man trinkt, lacht und plaudert, alles ist in Bewegung. Die sprühende Lustigkeit, die in anderweitigen Werken des Meisters lebt und die gerade um diese Zeit ihren Höhepunkt erreicht, hat sich auch der wackeren Vaterlandsverteidiger, soweit wie deren Würde das zuläßt, bemächtigt ([Abb. 16] und [17]).
Eine völlig andere Auffassung zeigt das der Zeit nach folgende Dulenstück: die Offiziere der St. Adrians-Schützen im Jahre 1633 ([Abb. 24]). Hier spiegelt sich die ernster gewordene Zeit; immer mehr wurde ja der niederländische Freistaat in die Wirrnisse des dreißigjährigen Krieges hineingezogen. Wir sehen die Bürgerwehr-Offiziere nicht in fröhlicher Tafelrunde vereinigt, sondern dieselben haben sich mit ernsten Mienen im Garten des Schützenhauses versammelt. Eine Anzahl von Hauptleuten, Lieutenants, Fähnrichen und Sergeanten umgiebt stehend den Oberst, der in gemessener Würde dasitzt, die Rechte auf seinen Stock gestützt. Andere sind miteinander in einem leise geführten Gespräch begriffen, ein Buch wird aufgeschlagen, das wohl Auskunft geben soll über eine aufgeworfene Frage. Doch tritt das Genremäßige, die Darstellung eines Vorgangs, der die Figuren zu einander in Beziehungen setzt, hier in den Hintergrund; die Mehrzahl der Abgebildeten wendet sich in ruhiger Haltung dem Beschauer zu. Aber auch diese unthätigen Personen sind mit außerordentlichem Geschmack zusammengruppiert. Die bewegten und die unbewegten Gestalten vereinigen sich zu einem Bilde von höchstem Reiz der malerischen Gesamterscheinung. Mit der künstlerischen Wirkung von hell und dunkel geht die prächtige Farbenwirkung Hand in Hand, bei welcher der landschaftliche Hintergrund — tiefschattige Bäume, die Gebäude des Schützenhauses mit roten Ziegeldächern, ein Stückchen Abendhimmel — bedeutsam mitspricht. Unübertrefflich ist bei diesem Bilde auch die Sorgfalt der Ausführung, die namentlich bei den Köpfen mit der größten Liebe auf die feinsten Einzelheiten eingeht. Mit Recht gilt das Dulenstück von 1633 als das vorzüglichste Meisterwerk von Franz Hals.
Abb. 24. Die Offiziere der St. Adrians-Schützen (1633). Im Rathaus-Museum zu Haarlem.
(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach i. E. und Paris.)
Abb. 25. Bildnis eines unbekannten Herrn. Von 1638.
Im Städelschen Institut zu Frankfurt am Main.
Abb. 26. Bildnis einer unbekannten Dame. Von 1638.
Im Städelschen Institut zu Frankfurt am Main.