Um diese Zeit stand überhaupt der nicht mehr junge Meister auf der Höhe seiner Schaffenskraft. Zahlreiche Bestellungen von Einzelbildnissen, namentlich von seiten der höheren Stande, nicht bloß Haarlems, sondern auch anderer holländischer Städte, hielten ihn in beständiger Thätigkeit. Wohl die Mehrzahl der vielen trefflichen Bildnisse, die von seiner Hand auf uns gekommen sind, gehören dem Ende des dritten und dem vierten Jahrzehnt des XVII. Jahrhunderts an. Das Berliner Museum enthält mehrere vorzügliche Beispiele. Da sind zwei mit der Jahreszahl 1627 bezeichnete, als Gegenstücke gemalte Bildnisse, die ebenso wie das köstlich ausdrucksvolle Bildchen eines verwachsenen jungen Herrn von 1629 in kleinem Maßstabe ausgeführt sind und die in ihrer Nebeneinanderstellung ganz besonders dadurch fesseln, daß man sieht, wie in ihnen nicht die Auffassung allein, sondern selbst die malerische Behandlung den verschiedenartigen Charakteren der dargestellten Persönlichkeiten — hier eines trocken docierenden alten, dort eines wortreich redenden jungen Gelehrten — angepaßt ist. Dann aus derselben Zeit die so prächtig lebensfrisch aufgefaßten und in breiter, lustiger Behandlung gemalten Brustbilder eines Ehepaares ([Abb. 18] und [19]). Ferner ein etwa der Mitte der dreißiger Jahre angehöriges ganz hervorragendes Meisterwerk, das aus dem Schlosse Ilpenstein in Nordholland stammt. Es ist das Bild eines kleinen Kindes, das, nach der Mode der Zeit in steifen Putz wie eine große Dame gekleidet, auf dem Arm seiner Wärterin sitzt; aus Spitzen und Goldbrokat blickt das feine, frische Gesichtchen mit bezauberndem frohem Kindeslächeln hervor, und die bäuerische Amme scheint ganz glückselig darüber zu sein, einen so schönen Pflegling dem Beschauer zeigen zu können ([Abb. 20]). — Im Louvre befinden sich jetzt die Bildnisse aus der Familie van Beresteyn, welche bis vor einigen Jahren in dem Hause einer wohlthätigen Stiftung dieser Familie zu Haarlem aufbewahrt wurden. Wenn man vor die mit der Jahreszahl 1629 bezeichneten Kniestücke des Nikolas van Beresteyn und seiner Gattin hintritt, so wird man überrascht durch die Kraft der Farbenwirkung, die viel weniger, als es sonst bei Hals der Fall zu sein pflegt, die Eigenfarben der Dinge dem Gesamtton unterordnet. Namentlich fällt dies auf bei dem Mann mit seiner tiefschwarzen Kleidung und schneeweißen Krause. Aber der malerische Reiz ist darum keineswegs geringer als bei den tonigen Bildern. Auch das mutmaßlich etwas später entstandene große Familiengemälde, das uns einen Herrn und eine Frau van Beresteyn mit sechs Kindern und zwei Wärterinnen im Garten zeigt, ist sehr kräftig gehalten und dabei infolge der Buntheit der Kleidungen der Kinder und Dienerinnen sehr farbenreich. Es ist dem Meister hier noch vollkommener als bei den Schützenstücken dieser Zeit gelungen, in der gedrängten Zusammenstellung der Figuren den Schein des Zufälligen, Natürlichen zu wahren. In Form und Farbe fügt sich das Ganze wunderbar als Bild zusammen. Und es ist eine entzückende Schilderung von Familienglück. Welch frohes Behagen erfüllt das Elternpaar, welches köstliche Leben sprüht in jedem einzelnen Wesen der lieblichen Kinderschar! Auch die Kinderfrauen, von denen die eine zwei ihrer Pfleglinge liebevoll in den Armen hält, während die andere mit den Fingern schnalzt, um einen besonders lebhaften Jungen zu unterhalten und an die Stelle zu fesseln, nehmen teil an dem sonnigen Glück der Familie ([Abb. 21]). — Von ähnlicher Art wie die Beresteynschen Kniestücke sind die im Jahre 1631 gemalten Bildnisse des Ehepaars Nierop in Haarlem ([Abb. 22] und [23]). — Eines der ausgezeichnetsten Halsschen Porträts, aus dieser nämlichen Zeit, enthält die fürstlich Liechtensteinsche Gemäldesammlung in Wien in dem ebenfalls sehr farbigen, in ganzer Figur lebensgroß ausgeführten, vornehmen Bildnis eines Herrn van Heythuysen, eines Haarlemer Bürgers, der sich in ähnlicher Weise wie die Beresteyn um seine Vaterstadt verdient gemacht hatte. Solche Bildnisse aus der Blütezeit des Franz Hals stehen in ihrer wunderbaren Lebensfülle und dem Zauber ihrer Farbenharmonie völlig ebenbürtig neben den schönsten Werken der höchstgefeierten Bildnismaler. — Mit der Jahreszahl 1638 sind die prächtigen Porträts, Halbfiguren, eines Ehepaars bezeichnet, welche das Städelsche Institut zu Frankfurt am Main besitzt ([Abb. 25] und [26]). Von 1639 ist das wunderbar vollendete Kniestück einer alten Dame im Museum van der Hoop zu Amsterdam ([Abb. 27]). Um die nämliche Zeit müssen die kleinen Brustbilder von zwei vornehmen Herren entstanden sein, die sich in der Dresdener Galerie befinden, und von denen namentlich das eine uns wieder mit so sprudelnder Lebenskraft die Erscheinung eines selbstbewußten und etwas eitlen Junkers vor Augen führt ([Abb. 28]). Ein Juwel von des Meisters Augenblicksmalerei ist aus dieser Zeit das im Brüsseler Museum befindliche kleine Bildnis in ganzer Figur von jenem schon genannten Wilhelm van Heythuysen. Im Gegensatz zu dem stattlichen, zu würdevoller Geltendmachung bestimmten großen Gemälde in Wien, ist dieser Herr hier so aufgefaßt, wie er gerade einmal im Gespräch dem Maler gegenübergesessen hat: in Mantel und Reitstiefeln, in bequemer Stellung auf dem Stuhl sich schaukelnd und mit der Reitgerte spielend ([Abb. 29]).

Abb. 27. Bildnis einer Dame aus der Familie van der Meer.
Von 1639. Im Museum van der Hoop in Amsterdam.
(Nach einer Photographie von Franz Hanfstängl in München.)

Abb. 28. Bildnis eines unbekannten Herrn.
In der Königlichen Gemälde-Galerie zu Dresden.
(Nach einer Aufnahme von F. & O. Brockmann’s Nachf. [R. Tamme] in Dresden.)

Abb. 29. Wilhelm van Heythuysen.
Im Königlichen Museum zu Brüssel.

Wie der Ruhm von Franz Hals sich über Haarlem hinaus verbreitete, das wird am sprechendsten durch den Umstand bekundet, daß auch eine Amsterdamer Schützengilde ihn auserwählte zur Anfertigung eines Gruppenbildes ihrer Offiziere, obgleich es doch damals in der aufblühenden Hauptstadt der vereinigten Provinzen nicht an tüchtigen Bildnismalern fehlte. Das betreffende Dulenstück, welches im Stadthaus zu Amsterdam aufbewahrt wird, wurde im Jahre 1637 ausgeführt. Es zeigt die Bürgerwehr-Offiziere, dreizehn an der Zahl, in einer Art von Aufmarsch, aber in zwanglosen Haltungen dastehend. Fast alle sind in Schwarz gekleidet; denn das Schwarz fing damals an, für die vornehmste Kleiderfarbe zu gelten, und verdrängte allmählich die frühere heitere Buntheit aus der Modetracht der besseren Stände. Dieser Umstand hat aber den Maler nicht verhindert, in diesem trefflich ausgeführten Gemälde wieder ein Meisterwerk der Farbenwirkung zu schaffen.

Zwei Jahre später trat an Franz Hals zum drittenmal die Aufgabe heran, die Offiziere der Haarlemer St. Georgs-Schützen, denen er selbst angehörte, zu malen. Auch in diesem Bilde, welches sein figurenreichstes ist — die Zahl der Abgebildeten beträgt neunzehn —, wählte der Meister die Anordnung eines Aufmarsches ([Abb. 30]). Ober- und Unteroffiziere sind in zwei Gliedern angetreten; eine dritte Reihe kommt von einer mit Bäumen bepflanzten Anhöhe herab, um sich erst zu ordnen und ihre Plätze einzunehmen. Im ersten Gliede steht im Gespräch mit dem stattlichen Fähnrich, welcher rechter Flügelmann ist, der Oberst Johann van Los, mit zweifacher Schärpe umgürtet, die beiden Hände vor sich auf den Knopf seines Stockes gelegt. Ihm zur Linken wendet der Schatzmeister Michel de Waal sich nach dem nächsten der drei mit Partisanen bewehrten Hauptleute um, welche weiterhin im ersten Gliede sich anreihen. Ruhig und schweigend stehen im zweiten Gliede mehrere Lieutenants, welche Partisanen wie die Hauptleute tragen, zwischen den an ihren Hellebarden kenntlichen Sergeanten. In beiden Gliedern bilden Fähnriche den linken Flügel. In dem noch ungeordneten dritten Gliede erblicken wir zwischen dem Fahnenträger und einem ganz oben in der Ecke erscheinenden Sergeanten den Kopf des Malers selbst. Auch Franz Hals blickt hier ganz ernst, wie alle übrigen Personen dieses prächtigen Bildes.

Eine heitere Stimmung würde jetzt ganz unangemessen gewesen sein in einem zu öffentlicher Aufstellung bestimmten Bilde holländischer Wehrleute. Das Jahr 1639 war ein ernstes Kriegsjahr, aber ein sehr ruhmreiches für die freien Niederlande. Zweimal nacheinander schlug der Admiral Tromp eine stolze spanische Flotte, und ganz Europa mußte die junge holländische Seemacht als die erste der Welt anerkennen.