Abb. 33. Die Vorsteher des St. Elisabeth-Krankenhauses (1641).
Im Rathaus-Museum zu Haarlem.
(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach i. E. und Paris.)
Abb. 34. Hille Bobbe. Im Königlichen Museum zu Berlin.
(Nach einer Photographie von Franz Hanfstängl in München.)
Abb. 35. Hille Bobbe und der Raucher. In der Königlichen Gemälde-Galerie zu Dresden.
(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach i. E. und Paris.)
In der Reihe der von Franz Hals gemalten großen Gruppenbildnisse, welche die Sammlung des Haarlemer Rathauses schmücken, folgt der Zeit nach auf das Schützenstück von 1639 ein Genossenschaftsbild ganz anderer Art. In diesem Bilde, welches im Jahre 1641 entstanden ist, sehen wir eine Anzahl von Bürgern vereinigt, welche sich nicht zu gemeinsamer Übung der Wehrhaftigkeit, sondern zu Zwecken der Wohlthätigkeit zusammengefunden haben. Es sind die Vorsteher des St. Elisabeth-Hospitals zu Haarlem ([Abb. 33]). Die fünf „Regenten“ des Krankenhauses haben sich in einem schmucklosen Zimmer um einen kleinen Tisch, auf dem sich Schreibgerät befindet, versammelt. Alle haben ihre Hüte auf; denn die Bürger der freien Niederlande legten Wert darauf, daß bei öffentlichen Zusammenkünften jeder seinen Kopf bedeckt hielt, zum Zeichen der Gleichberechtigung. An den nachdenklichen Mienen der ernsten Männer erkennen wir, daß es eine wichtige und schwierige Angelegenheit ist, welche sie in Anspruch nimmt. Einer der Herren, der in der Mitte des Bildes sich dem Beschauer gegenüber befindet — vermutlich der Vorsitzende — hat eben seinen Bericht beendet; seine Rechte ruht noch auf einem Büchlein, aus dem er seine Nachweise vorgelesen hat; die Finger seiner Linken spielen mechanisch mit einer Quaste der Kragenschnur oder mit einem Rockknopf. Auf seine Worte ist ein Augenblick allgemeinen Schweigens gefolgt. Mit geschlossenen Lippen und geschlossenen Händen erwägt der Schatzmeister — für diesen müssen wir ihn nach den vor ihm ausgebreitet liegenden Geldstücken halten — das eben Gehörte. Auch der bejahrte Herr, der dem Vortragenden gegenübersitzt, hat noch keine Antwort gefunden auf die Frage, welche in dessen Zügen liegt; er wendet den Kopf und sieht ins Weite, seine Hand liegt ausgestreckt am Rande des Tisches, gleich wird er anfangen mit den Fingern zu trommeln. Wer zuerst das Wort ergreifen wird, darüber können wir keinen Augenblick im Zweifel sein. Es ist der jüngere Mann mit dem vollen, freundlichen Gesicht, der in Zügen und Haltung Lebhaftigkeit und Freimütigkeit erkennen läßt, und der ein gewisses heiteres Wesen auch in seiner Kleidung nicht verbirgt; seine Lippen scheinen sich schon zu schnell fertigem Wort zu öffnen. Dagegen wird das jüngste Mitglied nur leise seine bescheidene Bemerkung dem Vorsitzenden zuflüstern, sobald dieser, durch eine schüchterne Berührung seines Ärmels auf den hinter ihn getretenen jungen Mann aufmerksam gemacht, sich nach demselben umwenden wird. — Die abgerundete Zusammenfassung der Bildnisse zu einer Art von Genrebild, so daß die dargestellten Personen nicht, um sich dem Beschauer zu zeigen, sondern um ihrer gegenseitigen Beziehungen willen da zu sein scheinen, ist hier dem Meister in der denkbar vollkommensten Weise gelungen. In der malerischen Wirkung und der Farbenstimmung ist dieses Bild wesentlich verschieden von den früheren Gruppenbildern. Die schwarzen Kleider der Männer, die Tischdecke, deren Grün so dunkel ist, daß es kaum noch als Farbe wirkt, die dunkelgraue Wand des Zimmers, deren Kahlheit nur von einer Landkarte ohne bestimmte Farbe unterbrochen wird, alles das bildet eine zusammenhängende Dunkelheit, aus der die Gesichter und Hände mit den weißen Kragen und Manschetten hervorleuchten in einem warmen, scharfen, beinahe sonnenscheinähnlichen Licht. Es ist nicht zu verkennen, daß Hals, so fest und ausgeprägt seine eigene Art und Weise auch war, in dieser Zeit einer Einwirkung nicht hat widerstehen können, die von den Werken Rembrandts ausging. Rembrandt hatte ja schon im Jahre 1632, als ein noch junger Maler, durch das genremäßig angeordnete Gruppenbild der Regenten der Chirurgengilde von Amsterdam das größte Aufsehen erregt, und um das Jahr 1640 stand er auf der Höhe der Schaffenskraft und der Berühmtheit.
Unter der geringen Zahl von Handzeichnungen, welche mit einiger Wahrscheinlichkeit dem Franz Hals zugeschrieben werden, befindet sich eine — in der Albertina zu Wien —, welche dem Regentenstück von 1641 bis ins einzelne genau entspricht ([Abb. 32]). Wenn dies wirklich der Entwurf des Meisters zu dem Gemälde ist, so wird dadurch nur bestätigt, was man auch sonst als wahrscheinlich annehmen müßte, daß Franz Hals seinen Bildern keine langen Überlegungen und Vorarbeiten vorausgehen ließ, sondern daß er mit der nämlichen Schnelligkeit, mit welcher er die Erscheinung einer Einzelperson auffaßte, sich auch über die Anordnung eines Gruppenbildes gleich im klaren war. Jedenfalls übertrifft das ausgeführte Gemälde den flüchtigen Entwurf sehr weit in Bezug auf Leben und Ausdruck; bei vielleicht den meisten Malern pflegt das Gegenteil der Fall zu sein.