Abb. 38. „Der junge Mann mit dem Schlapphut.“
In der Königlichen Galerie zu Kassel.
(Nach einer Photographie von Franz Hanfstängl in München.)
Die berühmtesten Schüler des Franz Hals befinden sich nicht unter den Insassen des von Berck-Heyde gemalten Ateliers. Das waren die großen Genremaler Adrian Brouwer, der schon 1638 im Alter von nur dreiunddreißig Jahren gestorben war, und Adrian von Ostade (geboren 1610, gestorben 1685). Wenn auch Maler verschiedener Richtungen, Bildnismaler, Stilllebenmaler, Landschafter und selbst Architekturmaler, die Unterweisung des Franz Hals aufsuchten und gleichmäßig Nutzen zogen aus der Lehre und dem Beispiel des Meisters der schärfsten Beobachtung und der sichersten Hand, so wirkte seine Lehrthätigkeit doch am fruchtbarsten und nachhaltigsten auf die Genremalerei. Um seiner genremäßig aufgefaßten Darstellungen von charakteristischen Persönlichkeiten aus den hohen und niedrigen Schichten des holländischen Volkes willen könnte man ihn fast als den Vater der in Holland bald so sehr volkstümlich werdenden eigentlichen Sittenbildmalerei bezeichnen. Auf seiner Kunst, den Charakter eines Menschen im Bilde schlagend zu kennzeichnen und das Leben selbst in seinen flüchtigsten Äußerungen mit sicherem Griff zu erfassen und auf die Leinwand festzubannen, auf dieser seiner Kunst fußte, wie das elegante, freilich mitunter sich auch in recht gemischter Gesellschaft bewegende Gesellschaftsstück, so auch die nach der entgegengesetzten Seite sich wendende Schilderung des Bauernlebens in seiner Urwüchsigkeit und Derbheit und seiner tollen Festtagsfreude. Was die Volks- und Bauernstücke von Adrian Brouwer und Adrian von Ostade zu den höchstgeschätzten Erzeugnissen der holländischen Genremalerei gemacht hat, die treffende Charakterzeichnung, das volle, frische Leben, der köstliche unbefangene Humor und nicht minder der feine Ton der Farbengebung, all diese Eigenschaften sind entwickelt und ausgebildet worden in der Schule des Franz Hals.
Der alte Meister sah manchen seiner Schüler zum berühmten Manne werden, und manchen von ihnen sah er vor sich sterben. Er selbst aber arbeitete mit immer gleicher Frische und gleicher Lebendigkeit weiter, wenn er auch anfing, aus der Mode zu kommen, da der Tagesgeschmack sich mehr und mehr einer ins Kleine gehenden und in kleinem Maßstabe schaffenden Kabinettsmalerei zuwendete. Auch in der Bildnismalerei wurden im allgemeinen jetzt solche Maler bevorzugt, welche alles aufs sauberste und sorgfältigste ausarbeiteten, und auf sorgfältige Ausführung ließ der alte Hals sich nicht mehr ein, dem es genügte, wenn er mit möglichst wenigen Strichen ein möglichst lebendiges und sprechendes Abbild einer Persönlichkeit gegeben hatte. Doch fehlte es noch keineswegs an Leuten, welche die künstlerische Überlegenheit des Meisters der Bildniskunst über die Jüngeren würdigten und sich durch die breite und hastige Art seiner Malerei, durch das unverhüllte Zeigen des malerischen Machwerks nicht abhalten ließen, bei ihm ihre Bildnisse zu bestellen und dadurch ihre Erscheinung mit einer Lebendigkeit auf die Nachwelt gebracht zu sehen, wie sie auch den tüchtigsten anderen Bildnismalern kaum jemals erreichbar war. Von Franz Hals in den fünfziger Jahren gemalte Bildnisse sind noch in ziemlicher Anzahl vorhanden. Sie beweisen, daß der Siebzigjährige noch nichts eingebüßt hatte an seinen künstlerischen Fähigkeiten, weder an der Kraft und Schärfe der geistigen Auffassung, noch an der unfehlbaren Sicherheit von Auge und Hand. Es sind fast ausnahmslos Meisterwerke ersten Ranges, die ebenbürtig neben den Werken seiner besten Jahre stehen. Dahin gehört im Berliner Museum das mit der Jahreszahl 1656 bezeichnete Brustbild des Tyman Oosdorp, aus dessen kräftig geformtem Gesicht eine ständige herbe Verdrossenheit spricht ([Abb. 36]). In [ Abbildung 37] ist ein in der Sammlung der Ermitage zu St. Petersburg befindliches Bildnis wiedergegeben, welches, nach dem Schnitt des langen Haares und nach der Form des steifen Filzhutes zu schließen, gegen Ende der fünfziger Jahre oder noch etwas später entstanden ist. Wie überzeugend offenbart sich uns das Wesen dieses augenscheinlich den besten Ständen angehörigen Mannes, der, obgleich er kaum das fünfunddreißigste Lebensjahr überschritten hat, doch schon so müde in das Leben blickt, der es nicht für der Mühe wert gehalten hat, für die Porträtsitzung einen frisch geplätteten Kragen anzulegen, und der so nachlässig schief auf dem Stuhle sitzt, auf dessen durch den überfallenden Mantelkragen verdeckte Rücklehne er sich mit dem ganzen Oberarm aufstützt. Wie wunderbar hat der Maler in breitestem Machwerk dieses weiche Fleisch mit den vor der Zeit welk gewordenen Zügen wiedergegeben, und wie hat er es verstanden, bei einer an die Grenzen der Möglichkeit gehenden Einfachheit in der Behandlung der Nebendinge, doch das Stoffliche der Kleidung zu kennzeichnen; man betrachte die blitzartig hingesetzten Glanzlichter auf dem schweren schwarzen Seidenstoff des Wamses, durch welche mit so unanfechtbarer Richtigkeit die Falten angedeutet werden, in denen der Ärmel der Bewegung des Armes gefolgt ist.
Abb. 39. Die Vorsteher des Altmännerhauses (1664).
Im Rathaus-Museum zu Haarlem.
Man fühlt sich versucht, zu glauben, daß der durchgehende Zug von geistiger und körperlicher Ermüdung, der dieses Bild so auffällig unterscheidet von der Mehrzahl der lebensprühenden Halsschen Bildnisse, ebenso wie die fast noch befremdlichere Grämlichkeit in Miene und Haltung des Tyman Oosdorp, weniger auf Rechnung des Urbilds zu setzen wäre, als daß vielmehr darin sich unwillkürlich und unbewußt die Lebensmüdigkeit des hochbetagten, in traurigen Verhältnissen sich befindenden Künstlers spiegelte. Aber um uns zu überzeugen, daß dem greisen Meister die Freude am Lachen noch keineswegs abhanden gekommen war, brauchen wir bloß einen Blick zu werfen auf ein Bildnis in der Kasseler Gemäldegalerie, dessen Entstehung in die nämliche Zeit, um das Jahr 1660, fällt. Es ist das Bild eines nicht gerade den ersten Kreisen von Haarlem angehörenden Unbekannten, der als „der junge Mann mit dem Schlapphut“ bezeichnet zu werden pflegt ([Abb. 38]). Schlapphüte wurden allerdings beinahe während des ganzen Zeitraumes, innerhalb dessen Franz Hals seine Thätigkeit entfaltete, getragen, und man kann wohl behaupten, daß die Mehrzahl seiner männlichen Bildnisse diese Kopfbedeckung zeigt. Aber in dem Bild, von welchem hier die Rede ist, spielt der Schlapphut eine Rolle, er trägt durch die Art und Weise, wie er aufgesetzt ist, sehr wesentlich mit bei zu dem lustigen Eindruck dieses Porträts. Der junge Mann sitzt, ähnlich wie der in dem eben besprochenen Bild dargestellte Herr, quer auf dem Stuhl, den rechten Ellenbogen auf die Rücklehne aufgestützt. Aber was dort als müde Gleichgültigkeit erscheint, das ist hier ein Überschuß an Lebhaftigkeit. Dieser junge Mann in seiner kecken Laune konnte sich nicht gerade auf den Stuhl setzen, ebensowenig wie er seinen Hut gerade aufsetzen konnte. Schief hängt auch der Mantel auf der linken Schulter. Es ist staunenswürdig, wie in dem Brustbild mit einem Arm die Stellung des ganzen Körpers angedeutet ist: aus der Linie, in welcher der vom Mantel bedeckte linke Oberarm den Körper verläßt, erkennt man, daß die linke Hand hoch aufgestemmt ist auf das Knie des linken, über das rechte geschlagenen Beins. Was die ganze Haltung uns sagt von dem übermütigen und munteren Wesen des Mannes, das leuchtet in gesammelter Fülle aus dem Gesicht desselben. In diesen lustigen Augen, in dem zum Lachen bereiten Mund, da lebt noch mit ganz ungeschwächter Kraft die alte Meisterschaft von Franz Hals, seine Freude an der Wiedergabe vergnügten Daseins, sein gesunder Humor, der in der feinen Überlegenheit, mit welcher er das Komische erfaßt, stets etwas Vornehmes besitzt. — In der Farbe ist das ganze Bild schwärzlich grau, aber das Merkwürdige ist, daß innerhalb dieses grauen Tons das Fleisch seine Leuchtkraft bewahrt und mit voller Körperlichkeit wirkt, und daß die heitere Seelenstimmung gar nicht beeinträchtigt wird durch die schwärzliche Farbenstimmung. Wenn man das Bild für sich allein ansieht, so empfindet man kaum die Dunkelheit seiner Tönung, dieselbe verschwindet gänzlich, wenn man es länger betrachtet. Um so auffallender wird sie fühlbar, wenn man mit diesem Eindruck in den Augen vor die in der Nähe befindlichen Bildnisse hintritt, welche die nämliche Hand vierzig Jahre früher geschaffen hat, und die ganz wie in Licht getaucht erscheinen.
Franz Hals konnte noch völlig der alte sein, wenn es galt, ein lustiges Bild zu schaffen. Aber mochte er auch in der Kunst seinen Humor sprudeln lassen, im Leben war es dem hochbetagten Greis gewiß selten genug zum Lachen zu Mute. Seine Vermögensverhältnisse waren immer weiter zurückgegangen. Die Thatsache, daß ihm im Jahre 1661 von seiner Gilde die fernere Entrichtung der satzungsgemäßen Steuer erlassen wurde, weist darauf hin, daß er sich in dürftiger Lage befand. Wie groß aber seine Dürftigkeit war, erhellt daraus, daß er sich im Jahre 1662 an die Stadtobrigkeit von Haarlem mit einem Bittgesuch um eine jährliche Unterstützung von 50 Gulden und um ein Darlehen von 150 Gulden wendete. Den Wert eines Guldens in damaliger Zeit kann man auf ungefähr 3½ Mark heutigen Geldes schätzen. Die Stadtobrigkeit willfahrte diesem Gesuch und im Anfang des Jahres 1664 erfüllte sie Hals eine weitere Bitte um Beihilfe, indem sie ihm drei Fuhren Torf zur Heizung schenkte und die Zahlung seiner rückständigen Wohnungsmiete übernahm. Außerdem gewährte die Stadt ihm vom 1. Oktober 1663 ab eine jährliche Pension von 200 Gulden auf Lebenszeit. Aus diesen verschiedenen Bewilligungen und insbesondere aus dem letzten Beschluß kann man entnehmen, daß die Stadtväter von Haarlem es als eine Ehrenpflicht empfanden, sich ihres als Künstler so groß dastehenden Mitbürgers in seiner Verarmung anzunehmen.