Seine künstlerische Leistungsfähigkeit bewahrte er sich auch jetzt noch. Zwei Gruppenbilder aus dem Jahre 1664 legen Zeugnis ab von dem Können des Achtzigjährigen. Die beiden Vorstände des Haarlemer Asyls für alte Leute, die Regenten des Altmännerhauses und die Regentinnen des Altfrauenhauses, haben sich von dem armen alten Mann malen lassen.

Abb. 40. Die Vorsteherinnen des Altfrauenhauses (1664).
Im Rathaus-Museum zu Haarlem.
(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach i. E. und Paris.)

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GRÖSSERES BILD]

Eine lange Zeit, fast ein Vierteljahrhundert, war vergangen, seit der Meister sein letztes Regentenstück geschaffen hatte. Aber in dieser Zeit hat derselbe nichts von seiner Fähigkeit, aus einer Anzahl von Bildnissen ein abgerundetes Bild zu gestalten, und von seiner Sicherheit, jede einzelne Persönlichkeit sprechend zu kennzeichnen, eingebüßt. Mit der staunenswürdigsten Frische der Auffassung hat er in den beiden Bildern die vornehmen Leiter der Anstalt, hier die sorgfältig nach der Mode gekleideten Herren, dort die in ihrer Tracht eine gesuchte Einfachheit zur Schau tragenden Damen dargestellt ([Abb. 39] und [40]). Die einen wie die anderen hat er als Leute, denen dieses Amt nicht viel Sorge und Aufregung verursacht, ohne eine besondere Thätigkeit, wie zu einer recht unwichtigen Besprechung versammelt, um einen Tisch herum gruppiert. Jeder dieser Köpfe ist ein unmittelbares Abbild des Lebens selbst, das in seinen sprechenden Zügen noch mit einer ebenso unfehlbaren Sicherheit erlauscht ist, wie nur je in einem Werke aus den jüngeren Jahren des Meisters. Wenn man insbesondere die Köpfe der weiblichen Vorstandsmitglieder eingehend betrachtet, so wird man nicht verkennen, daß in dieser wunderbar feinen Beobachtung des verschiedenartigen, bald grämlichen, bald gelangweilten, hier vom Bewußtsein einer schönen Pflichterfüllung gehobenen, dort sehr würdevoll aufgesetzten Ausdrucks der ehrsamen Damen auch der Humor des Meisters noch leise mitspricht, unwillkürlich vielleicht und ohne Absicht. — In der Farbe weichen die beiden Bilder sehr weit ab von den früheren großen Bildern des Meisters, die mit denselben im Hauptsaal des Haarlemer Rathauses vereinigt sind. In ihnen ist das äußerste Maß dessen erreicht, was sich als etwas stetig Fortschreitendes in seinen Werken der vorhergehenden zwanzig Jahre verfolgen läßt: das Unterordnen der Eigenfarben der Dinge unter einen gemeinsamen grauen Ton, und die Vertiefung dieses Tons bis zum Schwärzlichen. Alles ist gleichsam eingetaucht in eine fast farblose graue Stimmung, die schwarzen Kleider, die eintönige, auf dem Damenbild mit einem nachgedunkelten Landschaftsgemälde geschmückte Wand, die dunkle Tischdecke und das Weißzeug und die Köpfe und Hände. Und dennoch besitzt das Ganze bei aller Spärlichkeit der Farbe eine harmonisch reizvolle Farbenwirkung; und dennoch leuchten diese Gesichter in voller Körperhaftigkeit als die Gesichter lebendiger, von warmem Blut durchströmter Menschen. Das äußerste Maß des Möglichen hat Franz Hals hier auch in Bezug auf seine malerische Behandlungsweise erreicht. Man würde es nicht für denkbar halten, wenn man es nicht sähe, daß es möglich ist, mit so wenigen und so breiten Pinselstrichen alles Nötige in so erschöpfender Weise zum Ausdruck zu bringen.

Ein einziger Umstand macht sich bemerklich, der als eine Schwäche des Alters erscheint: der Meister, der noch mit so unvergleichlicher Frische des Geistes das Wesen der Personen erfaßt, der mit so sicherem Blick die Gesamterscheinung der Gesichter und ihre Einzelformen erkennt, und der mit so jugendkräftiger Handfertigkeit alles hinmalt, ohne auch nur einen Fehlstrich zu thun, dem beginnt das Eine zu mangeln, daß er die Verhältnisse der ganzen Figuren richtig überschaute; der Raumsinn, wenn man so sagen darf, hat nachgelassen. Daher hier und dort ein allzulanger Arm, eine Hand, deren Größe zum Gesicht nicht mehr im Verhältnis steht, Schultern, welche zu schmal sind für die von ihnen getragenen Köpfe, und perspektivische Irrtümer und Schiefheiten, die auf dem Männerbild — das wohl das letztgemalte von den beiden ist — sich sogar bis in einzelne Gesichter hinein erstrecken.

Die beiden Regentenstücke von 1664 sind die letzten Arbeiten des Meisters, deren Entstehungszeit bekannt ist. So schließt die Reihe seiner erhaltenen und der Zeit nach bestimmten Werke, wie sie begonnen hat: Bildnisgruppen von den Vorständen Haarlemer Genossenschaften bezeichnen den Anfang und das Ende der übersehbaren Thätigkeit von Franz Hals. Es ist freilich ein großer Unterschied zwischen den kräftigen, lebensfrohen und thatenbereiten Bürgerschützen von 1616 und den gleichgültig und fade dreinschauenden Pflegern einer wohlgeordneten Wohlthätigkeitsanstalt von 1664. Welch’ ein Stück Geschichte spiegelt sich auch in der Reihe der Halsschen Genossenschaftsbilder im Haarlemer Rathaus! Die Gestalten, welche der Meister uns in ihnen so unübertrefflich lebenswahr vorgeführt hat, sind mehr als die bloßen Abbilder zufälliger Persönlichkeiten, sie sind geschichtliche Charakterbilder, welche lebendig erzählen von dem Entwickelungsgange ihres Vaterlandes im Laufe eines halben Jahrhunderts. Wir sehen die kampfbereiten Söhne jener unbeugsamen Helden, die noch todesmutig ringen mußten um den Besitz der Freiheit; dann die Männer, welche die Jahre des schweren dreißigjährigen Krieges und des glänzenden Aufblühens der holländischen Macht durchlebten, Jahre, in denen die Lust an vollem Lebensgenuß sich mit ebenso unbändiger Kraft geltend machte wie der wilde Kriegsmut; schließlich das verflachende Geschlecht jener Zeit, für welche es bezeichnend ist, daß auf künstlerischem Gebiet der alles gleichmachende „Stil Louis XIV“ zur Herrschaft gelangte und selbst über die so kräftig entwickelte Eigenart der holländischen Kunst das Übergewicht zu bekommen begann. — Franz Hals selbst aber war in seiner Kunst sich immer treu geblieben. Aus seinen letzten wie aus seinen ersten Werken tritt uns mit gleicher Deutlichkeit das Bild eines Künstlers von bestimmt ausgeprägter Besonderheit entgegen, und zwar eines ganzen Künstlers.

Franz Hals starb im Jahre 1666. Am 7. September wurde er in der „Großen Kirche“ bestattet. Der Nachweis über die Kosten des Begräbnisses hat sich erhalten; dieselben betrugen nur 4 Gulden. — Lisbeth Reyniers überlebte ihren Gatten. Sie wird noch einmal erwähnt im Jahre 1675, wo ihr als besondere Gnadenbewilligung eine wöchentliche Zulage von 14 Sous zu dem gewöhnlichen Armengeld zuerkannt wurde.

Wenn auch die zahlreichen Schüler des Meisters dessen Andenken dankbar in Ehren hielten, für das große Publikum war er, dessen Art und Weise schon bei seinen Lebzeiten Jahrzehnte lang nicht mehr dem herrschenden Tagesgeschmack entsprochen hatte, nach seinem Tode bald vergessen. Seine Bilder wurden nicht mehr geschätzt. Unter den fürstlichen Kunstsammlern des XVIII. Jahrhunderts, welche die großen Galerien begründeten, waren nur wenige, welche einen Maler zu würdigen wußten, dessen künstlerische Art und dessen Malweise so von Grund auf verschieden waren von der Charakterlosigkeit und Glätte der Malerei jener Zeit. Erst seit wenigen Jahrzehnten ist die große künstlerische Bedeutung des Franz Hals wieder ihrem ganzen Werte nach zu allgemeiner Würdigung gelangt — ein nicht zu unterschätzendes Zeichen von Hebung des natürlichen Kunstgeschmacks.