Daß Heinrich VIII. seinem Maler den ihm von den Geschichtschreibern hinsichtlich dieses Bildnisses aufgebürdeten Vorwurf nicht machte, geht schon aus den Gnadenbezeugungen hervor, die er ihm gerade in der nächsten Zeit erwies. Holbein bekam im Jahre 1540 doppeltes Gehalt ausbezahlt. Daß er unter diesen Umständen darauf verzichtete, zur verabredeten Zeit nach Basel zurückzukehren, ist leicht zu begreifen.
Seinen Verstand in Bausachen, auf den man in Basel besonders rechnete, zu bewähren, fand Holbein auch in London Gelegenheit. Wenigstens gilt die zur Zeit der Königin Anna von Cleve ausgeführte schmuckreiche Decke der Kapelle des St. James-Palastes als ein Werk seiner Erfindung.
Abb. 136. Bildnis eines Unbekannten, von 1541. In der kaiserl. Gemäldegalerie zu Wien.
(Nach einer Photographie von J. Löwy in Wien.)
Abb. 137. Simon George aus Cornwall. Ölgemälde im Städelschen Museum zu Frankfurt a. M.
(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach i. E. und Paris.)
Die Königin Anna wurde verstoßen, Cromwell, der mächtige, zielbewußte Lenker des englischen Staatswesens, wurde enthauptet, die katholische Katharina Howard wurde zur Königin erhoben und ihr Oheim Thomas Howard, Herzog von Norfolk, einst ein Freund und Gesinnungsgenosse von Thomas Morus, übernahm die Leitung der Staatsgeschäfte: alles wechselte wieder einmal am englischen Hofe; aber Holbeins Gunststellung blieb unverändert.
Von der Königin Katharina Howard ist kein anderes Bildnis von Holbeins Hand bekannt, als ein Miniaturbildchen — wie er deren auch eines von Anna von Cleve als Gegenstück zu einem ebensolchen des Königs gemalt hatte —; das Bildchen befindet sich in der Bibliothek des Windsorschlosses ([Abb. 132]).
Ein großes Prachtbild, in der Gemäldesammlung des nämlichen Schlosses, führt uns den Herzog von Norfolk auf der Höhe seiner Macht vor Augen ([Abb. 133]). Der Herzog war 66 Jahre alt, als er sich von Holbein malen ließ. Er zeigt uns ein hageres, verschlossenes Gesicht, glatt rasiert nach der Mode der alten Zeit; über dem breit umgelegten Hermelinpelz, mit dem sein Mantel gefüttert ist, trägt er die goldene Kette des Hosenbandordens; in den feinen, fleischlosen Händen hält er den weißen Stab des Lordkämmerers und den goldenen Stab des Großmarschalls von England.