Die Zahl der Porträts ohne Jahresangabe ist größer als die Zahl der datierten. Seine Namensunterschrift hat Holbein nur ausnahmsweise auf die Bilder gesetzt. Er hatte, wie Michelangelo, das Selbstbewußtsein, daß seine Gemälde die Beglaubigung seiner Urheberschaft in sich selbst trügen. Daher ist es wohl erklärlich, daß gar manches Bild später auf seinen Namen getauft worden ist, das mit seiner Kunst nichts gemein hat. Wie viele von Holbein in England gemalte Bildnisse noch vorhanden sind, ist wohl überhaupt noch nicht festgestellt. Sie sind zu einem großen Teil in englischem Privatbesitz zerstreut. — Wenn es nirgendwo Gelegenheit gibt, eine größere Anzahl Holbeinscher Bildnisgemälde nebeneinander zu sehen, so findet sich dafür ein ganzer Schatz von seinen herrlichen Bildniszeichnungen in der Bibliothek der Königin von England im Windsorschlosse vereinigt. Diese in ihrer Art ganz einzige, unschätzbare Sammlung enthält über achtzig Blätter, lauter Meisterwerke. In diesen ersten Aufnahmen nach dem Leben, die bald in wenig mehr als Umrissen alles Notwendige zu sagen wissen, bald ganz malerisch ausgearbeitet sind, treten uns die Persönlichkeiten, unbenannte und benannte — viele, die in der englischen Geschichte eine Rolle gespielt haben —, fast ebenso sprechend und lebensvoll vor Augen, wie in ausgeführten Gemälden. Ja, es liegt in dieser ersten Niederschrift von Künstlerhand, die, das Wesentliche schnell erfassend, gleich alles vermerkte, was im Gemälde ausgedrückt werden sollte, ein ganz besonderer Reiz. Daß mit so Wenigem so Vollkommenes gegeben wird, ist das Wunderbare an diesen Zeichnungen, die, ohne etwas an und für sich Fertiges sein zu wollen, doch ganze fertige Kunstwerke sind ([Abb. 139]–[144]).
Abb. 141. Sir John Gage. Zeichnung in schwarzer und farbiger Kreide, im königl. Schloß zu Windsor.
(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach i. E. und Paris.)
In der nämlichen Sammlung befindet sich ein einzigartiges Werk Holbeins, eine figurenreiche Komposition in Miniaturausführung; getuschte Silberstiftzeichnung, mit Gold und einigen wenigen Farben reizvoll belebt. Der Gegenstand der Darstellung ist der Besuch der Königin von Saba bei König Salomo. Bemerkenswert ist die reife Schönheit der Renaissancearchitektur auf diesem Blatt, die von Holbeins jugendlichen Architekturphantasien weit verschieden ist ([Abb. 145]).
Im Jahre 1542 erschien eine Holzzeichnung Holbeins, die vielleicht das letzte war, was er für den Buchdruck machte. Es ist ein Bildnis in Medaillenform von Sir Thomas Wyat und schmückt die Rückseite des Titels einer Schrift, die als „Nänia“ (Totenklage) das Andenken dieses im Jahre 1541 im blühendsten Alter gestorbenen Lieblings des Königs feiert. Mit der denkbar größten Einfachheit des Striches, der auch die minder geübte Hand eines englischen Formschneiders folgen konnte, hat Holbein hier ein sprechendes Porträt gezeichnet.
Abb. 142. Elisabeth, Gemahlin von Sir Henry Parker.
Zeichnung in schwarzer und farbiger Kreide. In der Bibliothek des königl. Schlosses zu Windsor.
(Nach einer Photographie von Franz Hanfstängl in München.)
Abb. 143. Reskymeer, ein Edelmann aus Cornwall.
Zeichnung in schwarzer und farbiger Kreide. Im königl. Schloß zu Windsor.