Abb. 97. Helene Fourment mit zwei Kindern. Im Louvre zu Paris.
(Nach einer Aufnahme von Ad. Braun & Co., Braun, Clément & Cie. Nchfl., in
Dornach i. Els. und Paris.)

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GRÖSSERES BILD]

Am 30. Mai 1640, um die Mittagszeit, machte eine Herzlähmung dem Leben des großen Meisters ein Ende. Ganz Antwerpen beklagte Rubens’ Tod. Bezeichnende Äußerungen von Zeitgenossen sind in Beileidsbriefen erhalten, welche des Meisters alter Freund Balthasar Moretus empfing und welche im Museum Plantin-Moretus aufbewahrt werden. „Er war der gelehrteste Maler der Welt,“ schrieb der Abt Philipp Chifflet; das hübscheste Wort aber über den Hingang des großen Malers, dessen ruhmreichstes Feld während seines ganzen Lebens doch die kirchliche Kunst gewesen war, fand der Abt von St. Germain, indem er schrieb, derselbe sei gegangen, „im Himmel die lebenden Modelle seiner Malereien zu schauen.“

Das Leichenbegängnis fand am 2. Juni mit großer Prunkentfaltung statt. Die gesamte Geistlichkeit der Stiftskirche St. Jakob und diejenige der Bettelorden begleitete den Leichenzug, an jeder Seite der Bahre schritten sechzig Waisenkinder mit brennenden Fackeln, die städtischen Beamten, die Mitglieder der St. Lukasgilde und zahlreiche Freunde und Verehrer des Verstorbenen aus allen Ständen folgten dem Sarge. Die Jakobskirche war schwarz ausgeschlagen und an mehreren Stellen mit den Rubensschen Wappen geschmückt. Die Leiche wurde vorläufig in der Fourmentschen Familiengruft beigesetzt. Später wurde sie in die eigene Grabkapelle übertragen, welche die Witwe im Chorumgang der Jakobskirche erbauen ließ. Gemäß dem Wunsche des Verstorbenen fand auf dem Altar ein marmornes Standbild der heiligen Jungfrau Aufstellung, welches Fayd’herbe gemeißelt hatte; von der Hand desselben Bildhauers rührt wahrscheinlich der ganze obere Teil des Altars und zwei Engelfiguren, welche denselben schmücken, her. Auf dem Altar prangt das von Rubens für diesen Zweck bestimmte Gemälde. Das Jesuskind sitzt auf dem Schoß der Jungfrau unter einer Laube; vorn kniet anbetend der heilige Bonaventura, hinter Maria steht der heilige Hieronymus mit der aufgeschlagenen Bibel, von der anderen Seite nahen der heil. Georg und drei heilige Frauen, in der Luft schweben vier Engel mit Kränzen und Palmzweigen. Das Ganze ist ein Bild, welches sich in Bezug auf Farbenzauber den besten Meisterwerken des Meisters anreiht. Die Überlieferung erzählt, Rubens habe in diesem Gemälde seine Familie abgebildet: in Hieronymus sei sein Vater, in Georg er selbst, in den drei Frauen seine beiden Gattinnen nebst Fräulein Lunden dargestellt; die Ähnlichkeiten mag man finden — sie kehren überall in Rubens’ Gemälden wieder —, sicherlich aber hat die Überlieferung vollständig unrecht, wenn sie annimmt, daß der Meister gerade bei diesem Bilde, über dessen Entstehungszeit übrigens die Meinungen geteilt sind, mit besonderer Absicht die Bildnisse angebracht habe. — Die Grabschrift wurde von des Meisters Freund Gevaerts verfaßt, aber erst im vorigen Jahrhundert in Stein gemeißelt; sie preist unter Rubens’ wunderbaren Begabungen insbesondere die Kunde der alten Geschichte und die Trefflichkeit in allen guten und schönen Künsten, sie nennt ihn den Apelles nicht nur seines Jahrhunderts, sondern aller Zeiten, hebt hervor, daß er die Freundschaft von Königen und Fürsten genoß, erwähnt die Würden, durch welche er von Philipp IV ausgezeichnet wurde, und rühmt die Verdienste, die er als Gesandter sich um das Zustandekommen des Friedens erwarb.

Rubens’ wertvollstes Vermächtnis war seine Kunstsammlung, die ein vollständiges Museum war. Das Verzeichnis derselben zum Zwecke des Verkaufs wurde in englischer und französischer Sprache gedruckt. Dasselbe führt außer sonstigen Kunstgegenständen 319 Gemälde auf, zuerst italienische Bilder, darunter 9 von Tizian, 5 von Paul Veronese, 6 von Tintoretto, einzelne von Pietro Perugino, Palma Vecchio, Ribeira, Elzheimer; dann 43 Kopien nach Tizian und anderen Meistern, welche Rubens in Italien und Spanien gemalt hatte; darauf 94 Originalgemälde von Rubens; ferner einige fünfzig Bilder älterer Meister, darunter eins von Dürer und mehrere von Johann van Eyck, Lukas van Leyden, Holbein; zum Schluß eine Anzahl neuerer Bilder, darunter 8 von van Dyck, 17 von Adrian Brouwer, mehrere, welche Breughel und Saftleven gemeinschaftlich mit Rubens gemalt haben, und auch noch einige Skizzen von der Hand des Meisters. — Der Verkauf der Sammlung brachte einen Ertrag von 280000 Gulden, ungefähr 1000000 Mark heutigen Wertes. Der König von Spanien kaufte am meisten, 32 Stück, darunter 10 Bilder von Rubens, welche teilweise zu den vorzüglichsten Schätzen des Madrider Museums gehören. Weitere Hauptkäufer waren der Deutsche Kaiser, der König von Polen, der Kurfürst von der Pfalz und der Kardinal Richelieu.

Abb. 98. Kreuzigung Petri. In der Peterskirche zu Köln.

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Die Handzeichnungen des Meisters wurden ebenfalls verkauft, nachdem der jüngste seiner Söhne achtzehn Jahr alt geworden war, ohne daß einer derselben die Malerei als Beruf gewählt oder eine von den Töchtern einen Maler geheiratet hatte. Rubens’ ältester Sohn Albert, des Vaters Nachfolger im Amte des Sekretärs des königlichen geheimen Rats, zeichnete sich durch Gelehrsamkeit in der Altertumskunde aus. Von Nikolaus erfahren wir nur, daß er im Alter von 37 Jahren starb; Franz wurde Ratsherr des Hofes von Brabant, und Peter Paul wurde Geistlicher. Von den Töchtern hat nur eine, Klara Johanna, geheiratet; sie vermählte sich mit Philipp von Parys, und in den Sprossen dieses Geschlechts lebt heute allein noch die Nachkommenschaft des Meisters. Isabella Helene starb im Alter von 17 Jahren, und die nachgeborene Konstantia Albertina ging ins Kloster.