Kaum hatte der Wirt geendet, so erschien wirklich ein stattlicher Ritter ohne alle Begleitung. (20) Im Vorbeireiten grüßte er Gawain und die mit ihm waren, und Gawain wünschte ihm Ehre und Ruhm. Weinend antwortete der Ritter: "Gott könnte deinen Wunsch erfüllen, aber er tut es nicht, denn wie große Ehre ich auch gewinne, nachher habe ich um so größere Schande; und das ist nicht wunderbar, denn von hier geht keiner ohne Schande weg." Damit ritt der Ritter auf einen der zehn los, warf ihn nicht nur aus dem Sattel, sondern brachte auch sein Pferd zu Falle.
Hierauf tat er jedem der übrigen neun Ritter ein gleiches, ohne auch nur einen einzigen beim ersten Angriff mit der Lanze zu verfehlen.
Gawain pries die Gewandtheit und Tapferkeit des Ritters und sagte, einem solchen Manne könnte es nie an Ehre fehlen. Bald kamen die zehn Ritter, umringten ihren Besieger, töteten sein Pferd, fesselten ihn, banden ihn an den Schweif eines Pferdes und schleiften ihn mit sich fort. Gawain war empört, als er dieses sah, und wollte dem Mißhandelten zu Hilfe eilen, aber sein Wirt hielt ihn zurück und sagte: "Du setzest dein Leben aufs Spiel ohne jede Möglichkeit, dem Ritter zu helfen, bleibe hier und erwarte was noch weiter geschehen wird."
Nur ungern folgte Gawain dem Rate seines Wirtes, aber er setzte sich wieder neben seine Jungfrau. Bald sahen sie einen anderen schönen und wohlbewaffneten Ritter von der einen Seite her auf der Ebene erscheinen, während von der anderen (21) ein häßlicher Zwerg auf stattlichem Roß und wohlbewaffnet heranritt, ein Knappe zu Fuß folgte ihm und trug seinen Helm. Der Zwerg fragte den Ritter, ohne ihn eines Grußes zu würdigen, ob er die Jungfrau gesehen hätte. Der Ritter antwortete, er hätte sie nicht gesehen, sie werde aber bald kommen. Und tatsächlich erschien auch nach kurzer Zeit eine schöne Jungfrau auf weißem Pferde mit kostbarem weißen Sattelzeug, von zwei alten Damen begleitet. Sobald er ihrer ansichtig wurde, ergriff der Zwerg den Zügel ihres Pferdes und forderte sie auf, ihm zu folgen. Der Ritter trat ihm aber entgegen, gebot ihm zu fliehen und beanspruchte die Jungfrau für sich. "Nicht ohne Kampf überlasse ich sie dir", erklärte der Zwerg, "denn ich habe so viel Recht auf sie wie du". "Ich kann mich nicht erniedrigen, mit einem wie du einer bist zu kämpfen, die Jungfrau aber nehme ich mit", erwiderte der Ritter. "Ich verlange nur was recht und billig ist", sagte der Zwerg, "du kannst mir nicht solches Unrecht tun wollen, doch laß uns jenen Ritter (auf Gawain deutend) zu unserem Schiedsrichter machen". Beide riefen Gawain und sagten zu ihm: "Herr Ritter, wir haben diese Jungfrau gestern zusammen erobert, jeder von uns begehrt sie, doch kann sie nur einem gehören, entscheidet wem". "Ich bin noch jung", sagte Gawain, "und kenne die Sitten dieses Landes nicht und könnte leicht eine Entscheidung (22) treffen, die euch nicht gefiele, daher mische ich mich sehr ungern in euren Streit". "Wir verpflichten uns mit deiner Entscheidung zufrieden zu sein, wie sie auch immer ausfallen möge," erklärten beide. Nachdem Gawain beide hatte schwören lassen, dieses Versprechen zu halten, sagte er zu ihnen: "Sagt mir vor allen Dingen, ob ihr die Jungfrau liebt und ob euch daran gelegen ist, daß meine Entscheidung ihr gefällt?" Beide erklärten, daß letzteres eine unerläßliche Bedingung sein solle. Dann fragte Gawain die Jungfrau, ob sie gleichfalls gewillt sei, bei seiner Entscheidung zu beharren, und als sie das bejahte, sagte er: "In diesem Falle wird niemand meinen Richterspruch tadeln, wenn ich erkläre, daß du zu demjenigen der beiden Bewerber gehen magst, den du am meisten liebst." Die Jungfrau dankte Gawain und ging dann, zu aller Verwunderung, zu dem Zwerge und begrüßte ihn als ihren Freund und Beschützer; und zu dem Ritter sagte sie: "Du hast mich verloren; ich hätte nie geglaubt, daß in so schöner Hülle so viel Schlechtigkeit stecken könnte;" damit ritt sie mit dem Zwerg, der jubelte, und mit ihren beiden Begleiterinnen davon. Der Ritter blieb traurig zurück und gestand Gawain, daß er die Jungfrau über alles liebte. Gawain konnte nicht verstehen, was die Jungfrau bestimmt haben konnte, eine so seltsame Wahl zu treffen. Weinend verabschiedete sich der Ritter von Gawain, und war ihm bald aus den Augen verschwunden. "Du hast mir wahrlich ein Wunder gezeigt", sagte Gawain, sich zu seinem Wirte wendend; "glaubst du, (23) daß wir heute hier noch mehr zu sehen bekommen werden?" "Sicherlich", erwiderte der Wirt, "wenn wir noch hier bleiben".
Alle vier, d.h. der Wirt, Gawain, seine Jungfrau und sein Knappe blieben bei dem Kreuze. Bald sahen sie zwei wohlbewaffnete Ritter in die Ebene reiten und auf sich zukommen. Einer derselben forderte Gawain, ihn beim Namen nennend, mit lauter Stimme zum Kampfe heraus. Gawain konnte sich nicht erklären, woher der Fremdling seinen Namen wußte, machte sich aber sogleich kampfbereit. Mit solchem Ungestüm ritten beide Gegner aufeinander los, daß beide zu Boden stürzten und die Pferde ihnen auf die Körper fielen. Als der andere Ritter das sah, sagte er zu Gawain's Jungfrau (der 15jährigen): "Wenn du Gawain verlassen willst, will ich dein Ritter sein und dich lieben und in Ehren halten." "Gern", antwortete die Jungfrau, "denn Gawain ist nicht ein so guter Ritter als ich glaubte". Damit wandte sich die Jungfrau an den Knappen, der Gawain von Camelot her gefolgt war, und sagte zu ihm: "Auch du solltest den schlechten Ritter verlassen, in dessen Dienste du nur Schande haben kannst; hast du nicht heute gesehen, wie er sich zurückhalten ließ, dem Ritter zu Hilfe zu eilen, den die zehn hinter sich herschleiften." Der Knappe zögerte nicht und folgte der Jungfrau. Als Gawain's Wirt das sah, bestieg auch er sein Pferd und ritt nach Hause.
So blieben die beiden Kämpfer allein auf der Ebene zurück. Sie erhoben sich bald, zogen ihre Schwerter und setzten den Kampf fort, bis beide von der Anstrengung und dem Blutverlust, den sie erlitten, so erschöpft waren, daß sie der Ruhe bedurften. Während sie sich ruhten, fragte der Ritter Gawain, was er eigentlich von ihm wollte. "Ich möchte von dir wissen", sagte Gawain, "weshalb du mich hier ohne jeden Grund angriffst". "Ich tat, was ich tun mußte, und du gleichfalls, dabei wollen wir es bewenden lassen", sagte der Ritter, "denn wir haben einander gezeigt, was wir zu tun vermögen, (24) und ich habe in dir zehnmal so viel Tapferkeit gefunden, als ich zu finden vermutete, darum erlasse ich dir den weiteren Kampf". "Das genügt mir keineswegs", erklärte Gawain, "du hast die Wahl, entweder erklärst du dich für besiegt oder ich töte dich". Da der Ritter fühlte, daß er zu schwach war, weiteren Widerstand zu leisten, ergab er sich. Gawain wollte nun von ihm eine Erklärung haben, weshalb er gesagt hatte, daß er getan hätte, was er mußte. "Gern", antwortete der Ritter, "will ich dir das erklären. Ich habe hier in diesem Walde ein Schloß, das ich von dem König von Norgales als Lehen halte; ich muß mit jedem Ritter, der hierher kommt, kämpfen, und wenn ich verhindert bin, muß einer meiner Ritter mich vertreten. Wenn mehrere Ritter kommen, so greife ich sie mit mehreren meiner Ritter an, jedoch kämpft immer nur einer gegen einen. Du siehst also, daß es meine Pflicht war, dich anzugreifen, ich tat sie; und du tatest die deinige, denn du verteidigtest dich, und zwar so gut, daß du mich besiegtest, mich, der ich bisher immer meine Gegner besiegt hatte. Nun sei aus Höflichkeit mein Gast und mache mir eine Freude, die ich höher schätze als ein wertvolles Geschenk." "Wenn meine Begleiterin nichts dagegen hat, bin ich bereit, deine Einladung anzunehmen", sagte Gawain, sah sich um und bemerkte nun erst, daß seine Jungfrau, sein Wirt und sein Knappe verschwunden waren. Der Ritter erzählte nun Gawain, daß die Jungfrau seinem Ritter aus freiem Willen gefolgt wäre, und daß sie den Knappen veranlaßte, mit ihr zu gehen. Gawain bekreuzte sich und meinte: "Hier gibt es wahrlich nichts als Wunder und Abenteuer." "Das ist nicht wunderbar", erklärte der Ritter, "denn wir sind hier auf der Plaine Aventureuse ". "Von der habe ich oft reden hören", sagte Gawain, "aber ich wußte nicht wo sie war; ich bin begierig zu wissen, was meine Jungfrau veranlaßt haben kann, mich zu verlassen, denn ich bin mir nicht bewußt, ihr irgendwelchen Grund zu dieser Handlungsweise gegeben zu haben". "Darum solltest du dich nicht grämen", tröstete der Ritter, "denn das ist so der Weiber Art, die folgen immer ihren Launen". Gawain schwieg, (25) denn er war nicht sicher, ob er nicht doch vielleicht etwas getan hätte, was das Verhalten der Jungfrau rechtfertigen könnte. Beide bestiegen dann ihre Pferde und erreichten bald des Ritters Schloß am Fuße eines Hügels und stiegen daselbst ab.
Gawain wurde von dem Ritter aufs beste bewirtet, ja er hätte nicht mehr geehrt werden können, wenn er König Artus selbst gewesen wäre. Nach dem Abendessen bat Gawain seinen Wirt, ihm zu erklären, was er auf der Plaine Aventureuse gesehen hatte, und erzählte ihm zuerst von dem tapferen Ritter, den zehn andere so gemißhandelt hatten. "Ja gewiß", sagte der Wirt, "das kann ich dir erklären, es ist eine traurige Geschichte und ich beklage keinen Ritter mehr als diesen. Er ist der beste dieses Landes, und alles was du gesehen hast, duldet er um eines Weibes willen, die er über alle Maßen liebt, die aber zu stolz ist, seine Liebe zu erwidern, weil er ihr nicht ebenbürtig ist. Es ist noch nicht lange her, so fand hier in der Nähe ein großes Turnier statt, zu dem von nah und fern viele Ritter und Damen kamen. Unter diesen befand sich jene Dame, Arcade mit Namen, und jener unglückliche Ritter, der Pellias heißt. Der Sieger in dem Turnier sollte das beste Schwert des Landes erhalten und außerdem berechtigt sein, einen goldenen Kranz derjenigen der anwesenden Damen zu überreichen, die ihm als die Schönste erschien."
"Pellias zeichnete sich vor allen andern Rittern aus; das Schwert wurde ihm einstimmig zuerkannt. Da nahm er den goldenen Kranz und überreichte ihn der Arcade, indem er sagte: 'Nimm ihn, er gehört dir, denn deine Schönheit überstrahlt die aller derer, die hier sind. Wenn einer bereit ist, das zu bestreiten, so bin ich bereit, (26) ihn noch heute zu besiegen oder zu töten, oder nie mehr in meinem Leben einen Schild um den Hals zu hängen.' Da die große Stärke und Tapferkeit des Pellias allen bekannt waren, wagte niemand ihm zu widersprechen, obgleich es vielen klar war, daß verschiedene andere Damen gegenwärtig waren, die Arcade an Schönheit übertrafen."
"Arcade kehrte hocherfreut über diese Auszeichnung in ihr Land zurück und war nur zu gern bereit zu glauben, daß Pellias recht hatte. Eines Tages kam Pellias zu ihr und bat sie um ihre Liebe; da wies sie ihn stolz ab, mit der Bemerkung, sie könnte sich nicht erniedrigen ihn zu lieben, denn er wäre nur der Sohn eines vavasour. Vergeblich erklärte ihr Pellias, daß nur der Tod ihm seine Liebe zu ihr aus dem Herzen reißen könnte. "Kann ich nichts tun", fragte Arcade, "wodurch ich deine Liebe in Haß verwandele?" "Nichts", erklärte Pellias, "doch mache den Versuch". "Ich tue es nicht gern, aber ich will versuchen, dich zu heilen. Ich verbiete dir, auf die Plaine Aventureuse zu kommen, die mir gehört. Solltest du meinem Gebot zuwiderhandeln, so werde ich dich fangen lassen und in ein Gefängnis stecken, welches du nicht so bald verlassen wirst. Nun geh, denn ich hasse dich."
"Traurig ritt Pellias zu seinem Pavillon zurück. Arcade vermied ihn auf alle mögliche Weise, so daß er so gut wie keine Gelegenheit hatte, diejenige, die er so sehr liebte, zu sehen. Als ihm das klar wurde und als er fühlte, daß seine Liebe von Tag zu Tag wuchs, beschloß er sich Gelegenheit zu verschaffen, Arcaden zu sehen. Er wollte ihren Rittern schaden, sich von ihnen fangen lassen, um dann vor sie gebracht zu werden. Er ging auf die Plaine Aventureuse, besiegte Arcadens Ritter, und ließ sie dann zu ihr zurückkehren. Arcade war erzürnt; sie schickte zehn bewaffnete Ritter (27) mit dem Befehl nach der Ebene, einer nach dem andern gegen Pellias zu kämpfen, ihn aber unter keinen Umständen mit dem Schwert anzugreifen oder ihn zu töten, "denn ich will", sagte sie, "seine große Liebe zu mir auf die Probe stellen". Wenn Pellias die Ritter besiegte, so sollten sie ihm bei der Treue, die er Arcaden schuldig war, befehlen, sich nicht länger zu verteidigen, ihn fesseln, an den Schweif eines Pferdes binden und ihn zu ihr schleifen. "Wenn ihr das ein- oder zweimal getan haben werdet, wird er mich hassen," sagte Arcade. Die Ritter taten alles genau wie ihre Herrin befohlen hatte. Als Pellias zum ersten Male so schmachvoll vor ihr gebracht wurde, fragte sie ihn, ob er sie noch immer liebte. 'Mehr denn je', antwortete Pellias, 'ich liebe dich noch mehr, weil ich um deinetwillen gelitten habe'. Darauf schickte ihn Arcade weg. Auf diese Weise ist er schon mehr als zehnmal geschleift worden, und er duldet alles, wie du heute selbst gesehen hast, ohne sich zu verteidigen, denn er hält die Schande, die sie ihm antun, für die höchste Ehre, weil er weiß, daß sie auf ihren Befehl handeln. Aber noch immer weigert sich Arcade, seine Liebe zu erwidern."