Ob meine Erklärung der Art und Weise, wie dieser Abschnitt in die sechs Tristan -Hss. und in Le Morte Darthur gelangt ist, richtig oder nicht, so viel steht fest: es ist nicht der geringste Beweis vorhanden, daß derselbe etwas anderes ist als ein Auszug aus dem Vulgat- Lancelot, d. h. mit anderen Worten: Wechsslers sechsteiliger Graal-Zyklus "die vollständige Redaktion A" ist ein Gebilde seiner Phantasie. Es hat nie einen andern Robert-Zyklus gegeben als die Trilogie des pseudo-Robert de Borron, deren Existenz die Huth-Hs. bezeugt, deren Gestalt ich, soweit es möglich ist, d. h. bis auf eine beschränkte Anzahl von Blättern, festgestellt habe.

Es ist interessant zu ermitteln, um wie viel der Inhalt der vorliegenden Ausgabe, mit Ausnahme der Seiten 1-18, den zweiten Teil der Trilogie des pseudo-Robert de Borron verlängern würde, 1. ausgedrückt in Seiten des Huth- Merlin 2. ausgedrückt in Blättern der Huth-Hs.

Die ersten 18 Seiten meiner Ausgabe sind, nach Abrechnung des auf S. 1 und in den Fußnoten verbrauchten Raumes, gleich 16 vollen Seiten. 16 volle Seiten entsprechen 26 vollen Seiten des Huth- Merlin, d. h. mit ändern Worten, fügte man den Inhalt der fols. 22a-58b der Hs. No. 112, in derselben Form gedruckt wie der Huth- Merlin, demselben hinzu, so würde er um 185 Seiten verlängert werden.

Auf 26 Seiten des Huth- Merlin sind, so genau sich das bestimmen läßt, etwa 10 Blätter der Huth-Hs. gedruckt, auf 185 Seiten würden daher annähernd 70 Blätter gedruckt werden; mit andern Worten, wenn man den Inhalt der fols. 22-58 der Hs. No. 112, in demselben Stile geschrieben wie die Huth-Hs., derselben hinzufügte, würde sie um 70 Blätter verlängert werden.

Das Fragment des zweiten Buches der Trilogie, d. h. fols. 75-230 der Huth-Hs. plus fols. 22-58 der Hs. No. 112 würde demnach in der erstgenannten Hs. 225, in der letztgenannten 113 Blätter gefüllt haben. Die Frage ist nun: Wie viele Blätter würde das vollständige zweite Buch in beiden Hss. enthalten haben? So lange nicht irgendwo eine Hs. auftaucht, welche die vollständige Trilogie, oder wenigstens das vollständige zweite Buch derselben bietet, lassen sich diese Zahlen nur annähernd mit Hilfe der spanischen und portugiesischen Übersetzungen bestimmen. Wie ich auf S. X angegeben habe, befinden sich in dem derrenier livre de Lancelot der Hs. No. 112 verschiedene Bruchstücke des französischen Originals. Vergleicht man diese mit den denselben in der Wiener Hs. entsprechenden Abschnitten — man hat dabei zu berücksichtigen, daß die Blätter dieser abwechselnd von zwei verschiedenen Personen geschriebenen Hs. inhaltlich von sehr verschiedener Größe sind, denn die einzelnen Kolonnen bestehen aus zwischen 28 und 47 Zeilen — so findet man, daß im Durchschnitt etwa je 11 Blättern des portugiesischen, 8 Blätter des französischen Textes entsprechen.

Die Wiener Hs. hat 199 Blätter. Nimmt man an, daß die von mir in derselben, mit Hilfe der spanischen und französischen Texte, nachgewiesenen Lücken weitere 5 Blätter ausmachen würden, so würde das dritte Buch der Trilogie in der portugiesischen Version 204 Blätter enthalten haben. Nach dem was ich gesagt habe, würden diesen 204 Blättern in der Hs. No. 112, 149, in der Huth-Hs. 295 Blätter entsprechen; mit ändern Worten, in demselben Stile wie die Huth-Hs. geschrieben, fehlen an dem zweiten Buche der Trilogie noch etwa 70 Blätter, also gerade noch einmal so viel als die fols. 22-58 der Hs. No. 112 enthalten.

4. Der Inhalt der fols. 17b-58b der Hs. No. 112.

Der Inhalt[35] der fols. 17 b-22a der Hs. No. 112, d.h. der ersten 18 Seiten der vorliegenden Ausgabe, ist bekannt durch SS. 228-254 des zweiten Bandes des Huth- Merlin und durch die in demselben am Rande des Textes hinzugefügten und am Ende in schematischer Form wiederholten knappen Noten. In ähnlicher, wenn auch in manchen Punkten verschiedener, Form ist derselbe auch zugänglich im vierten Buche in den Kapiteln XV-XVIII irgend einer der vielen Ausgaben der Le Morte Darthur von Sir Thomas Malory. Eine ausführliche Analyse der den fols. 17b-22a entsprechenden fols. 220a-230a der Huth-Hs. habe ich in meinen " Studies on the Sources ",[36] d. h. im dritten Bande, SS. 135-145 meiner Ausgabe der Le Morte Darthur geliefert. Daselbst habe ich auch die Erzählung, wie sie die Huth-Hs. bietet, mit der Sir Thomas Malory's verglichen und die zwischen beiden bestehenden Unterschiede angedeutet. Es ist daher hier nur nötig, ganz kurz den Inhalt der fols. 17b-22a zu rekapitulieren, um den Zusammenhang zwischen dem Schlusse der Huth-Hs. und der in der Hs. No. 112 vorhandenen Fortsetzung herzustellen.

Artus[37] hat Ywain wegen der Verräterei seiner Schwester Morgain, die nach der Trilogie König Urien's Weib und Ywain's Mutter ist, von seinem Hofe verbannt. Gawain, der seinem Vetter Ywain sehr zugetan ist, beschließt ihn zu begleiten. Beide verlassen zusammen Camelot. Nachdem sie den Wald von Camelot durchzogen, kommen sie eines Tages an eine schöne Ebene und sehen daselbst zwölf Mädchen um einen Baum herumtanzen, an welchem ein weißer Schild hängt, den sie verunglimpfen und dessen Träger sie verhöhnen und beschimpfen, weil er die Mädchen von Großbritannien haße. Zwei bewaffnete Ritter zu Pferde sehen den Mädchen zu. Der weiße Schild gehört dem Morholt, dem Bruder[38] der Königin von Irland, demselben der später von Tristan erschlagen wird. Bald erscheint der Morholt selbst. Die Mädchen fliehen so schnell sie können, die beiden Ritter werden von dem Morholt aus den Sätteln gehoben und tötlich verwundet. Nachdem der Morholt auch mit Ywain und Gawain gefochten, schließen die drei Ritter Waffenbrüderschaft. Sie rasten vier Tage auf einem in der Nähe liegenden Schloß des Morholt und ziehen dann zusammen auf Abenteuer aus. An einer Quelle im Walde von Aroie treffen sie drei Jungfrauen, eine ist kaum fünfzehn, die zweite wenigstens dreißig, und endlich die dritte siebzig Jahre alt. Die drei Gefährten sind bereit sich von den drei Jungfrauen die Abenteuer des Landes zeigen zu lassen, und zwar folgt Ywain der Siebzigjährigen, der Morholt der Dreißigjährigen und Gawain der jüngsten. So weit reicht die Erzählung in der Huth-Hs. auf fol. 227d. Auf fols. 228-230b wird dann die Episode von der Damoiselle du Lac und von dem verzauberten Mantel erzählt, und unmittelbar darauf folgt die den Inhalt des dritten Buches der Trilogie betreffende Angabe II. In der Hs. No. 112 folgen nun die Abenteuer der drei Gefährten mit den drei Jungfrauen, die in der Form wie dieselben hier vorliegen, wahrscheinlich in unseren Tagen vor mir niemand gelesen hat. In der Analyse dieser Abenteuer, die ich hier gebe, weisen die arabischen Zahlen in Klammern auf die Seiten meiner vorliegenden Ausgabe hin, und zwar steht jede Zahl am Beginne der Seite, deren Inhalt erzählt wird. Der Übersichtlichkeit halber, habe ich die Anfänge der in dem Text durch große Anfangsbuchstaben markierten Abschnitte in der Analyse stets durch entsprechende Absätze gekennzeichnet.

I. __Die Abenteuer Gawains__.[39] SS. 19-44. — (19) Nachdem Gawain sich von Ywain und dem Morholt verabschiedet hatte, ritt er mit seiner Jungfrau den ganzen Tag durch den Wald, ohne daß ihm etwas Bemerkenswertes passiert wäre. Am Abend kehrten beide bei einem alten vavasour ein, der sie freundlich aufnahm. Als Gawain seinem Wirte erzählte, daß er Abenteuer suchte, versprach dieser, ihm am nächsten Tage in dem Walde ein Wunder zu zeigen, welches bisher noch niemand zu erklären vermochte. Gawain wollte sogleich wissen, welcher Art das Wunder wäre, aber sein Wirt erklärte, er müßte dasselbe erst sehen. Am andern Morgen ritten Gawain, seine Jungfrau, sein Knappe und sein Wirt zusammen in den Wald. Nachdem sie einen Hügel erklommen hatten, kamen sie auf eine schöne Ebene, in deren Mitte, neben einer einzigen prächtigen Ulme, ein Kreuz stand. "Hier laßt uns absteigen", sagte der Wirt, "denn hier werdet ihr das Wunder sehen". Kaum waren alle drei abgestiegen, so sahen sie zehn wohlbewaffnete Ritter auf die Ebene kommen und in deren Mitte anhalten. "Bald wird ein einzelner Ritter kommen", sagte der Wirt, "der wird diese zehn der Reihe nach aus dem Sattel heben, und dann werdet ihr das Wunder sehen".