Als alle drei mit den beiden Toten etwa eine halbe Meile zurückgelegt hatten, fragte der Ritter den Morholt nach seinem Namen. Als dieser sich nannte, rief der Ritter aus: (53) "Bist du wirklich der Morholt, der meinen Vater 'le duc de laval' getötet hat, den ich schon so lange vergeblich gesucht habe? Es ist meine Pflicht als Sohn, meinen Vater zu rächen." Damit gab er seinem Pferde die Sporen und durchbohrte die linke Schulter des Morholt, so daß derselbe vom Pferde stürzte. Beim Fallen brach der Lanzenstiel. In seinem Haß ließ der Ritter dann sein Pferd dem unglücklichen Morholt einigemal über den Körper laufen. Schließlich befahl er dem Zwerg, den toten Knappen niederzulegen; in dem Glauben, seines Vaters Tod gerächt zu haben, setzte der Ritter seinen Weg fort.
So traf den Morholt das Unglück Schlag auf Schlag. Er lag regungslos wie tot auf der Straße. Um Mittag fügte es Gott, daß Gawain des Weges kam. Er hatte an demselben Tage zwei Ritter besiegt, die ihn angegriffen hatten, weil er ihren Vetter getötet hatte. Er hatte sie verpflichtet, zu Arcaden, der Frau des Pellias, zu gehen und sich ihr in seinem Namen zu ergeben. Diese beiden Ritter begleiteten Gawain noch. Als Gawain und seine Begleiter den Morholt, die Jungfrau und den Knappen auf der Straße liegen sahen, glaubten sie nicht anders, als daß alle drei tot waren. Die beiden Ritter sahen bald, dass die Jungfrau und der Knappe leblos waren. Gawain prüfte den Morholt, den er aber nicht erkannte, weil sein Gesicht von Staub und Blut unkenntlich gemacht war. Er fand die Lanzenspitze in der linken Schulter und die Wunde im Unterleibe, aber er erkannte auch durch Befühlen des Gesichtes, (54) daß noch Leben in dem Körper vorhanden und daß deshalb eine Heilung immer noch möglich war. Während Gawain sich noch mit ihm beschäftigte, öffnete der Morholt die Augen und blickte ihn an, so gut er konnte. Gawain bettete des Verwundeten Haupt auf seinen Knien, schnitt ein Stück seines eigenen Hemdes ab, und begann ihm damit die Augen zu reinigen. Der Morholt fing an zu seufzen und zu stöhnen. Gawain bemühte sich vergeblich seinen Namen von ihm zu erfahren, er war noch unfähig zu reden. "Er muß ein guter Ritter sein, sonst wäre er nach solchem Blutverluste, wie ihn diese beiden Wunden verursacht haben, nicht mehr am Leben", sagte sich Gawain; dann fragte er noch einmal nach seinem Namen. Jetzt antwortete der Morholt leise, nannte sich und sagte, seine Begleiter habe er durch Graalabenteuer verloren. Als Gawain seinen Waffengefährten erkannte, war er sehr traurig, warf seinen Helm weg und küßte ihn, so mit Blut bedeckt als er war. Dann beklagte er des Morholt trauriges Geschick. Als der Morholt das hörte, fragte er Gawain, wer er war.
Als Gawain seinen Namen nannte, fiel der Morholt vor Freude von neuem in Ohnmacht; er kam jedoch bald wieder zu sich und sagte: "Willkommen, Gawain, ich glaubte nicht, dich noch einmal zu sehen. Um Gottes willen, schaff mich so schnell als möglich nach einer Abtei oder einem Kloster, damit ich meine Sünden bekennen kann, denn ich fürchte, mein Ende naht." Gawain fragte die Ritter, ob ihnen nicht in der Nähe ein Haus oder Schloß bekannt wäre, wohin er den Verwundeten tragen könnte. Einer von ihnen antwortete, daß er nicht weit von dort eine Feste besäße, wo der Verwundete bereitwillige Aufnahme finden würde. Gawain ließ die beiden Ritter aus Baumstämmen eine Bahre machen. Er selbst entledigte den Morholt seiner Waffen, zog die Lanzenspitze aus seiner Schulter und verband seine Wunden. (55) Dann ließ er ihn, die Jungfrau und den Knappen auf ein Lager von weichem Gras auf die Tragbahre legen und diese durch zwei Pferde nach dem Schlosse tragen. Daselbst nahm Gawain den Morholt in seine Arme und trug ihn in das für ihn vorbereitete Zimmer und legte ihn auf ein Bett. Die Mutter der beiden Ritter, die viel von der Heilkunde verstand, prüfte die Wunden des Morholt und erklärte, er werde in einem Monat wiederhergestellt sein. Dem Wunsche des Morholt gemäß, ließ Gawain die Jungfrau und den Knappen in einer benachbarten Abtei begraben und auf ihren Grabstein einmeißeln, auf welche wunderbare Weise beide ums Leben gekommen waren.
Viele kamen von nah und fern, um das Grab zu sehen. Weil man aber das Abenteuer am Perron du Cerf für ein sehr großes Wunder hielt, ließ man neben demselben steinerne Standbilder der Jungfrau und des Knappen errichten, die mit den Händen nach dem Stein deuteten, als ob sie denselben verfluchen wollten. Auf die Figur des Knappen war außerdem noch eine Inschrift eingemeißelt worden, deren Inhalt die Erzählung angeben wird, wenn von den Taten Gaheriets[43] die Rede sein wird, als ihn seine Abenteuer zur Isle Merlin[44] führten. Hier aber mögen schon alle Leser wissen, daß Gaheriet, der Bruder Gawains, einer der besten Ritter der Tafelrunde war, und daß er, während er in Großbritannien herumzog, viele Abenteuer bestand; er sprach aber nie von dem, was er vollbracht hatte, wenn er nicht mußte. Das wird im Brait[45] erzählt; als er Ritter wurde, (56) schwor er bei den Heiligen, daß er nie eine brave Tat, die er ausgeführt, freiwillig erwähnen würde. Als er den Hof verließ, wurde er der Gefährte des Baudemagus und tat ein Gelübde, zehn Jahre lang Abenteuer zu suchen, ehe er wieder an den Hof zurückkehrte. Dieses Gelübde hielt er treulich. Als er nach zehn Jahren zurückkehrte, hob er in der Ebene bei Camelot seinen Onkel Artus selber, Agravain, Keux den Seneschall und Gawain aus den Sätteln und wurde Gefährte der Tafelrunde. Seine Abenteuer wurden dann aufgezeichnet. __Doch hier schweigt die Erzählung von Gaheriet, um aber, was zu diesem Buche gehört, der Wahrheit gemäß zu erzählen, wenn der richtige Ort und die richtige Zeit kommen werden.__
Gawain leistete dem Morholt zwei Monate lang Gesellschaft, denn er liebte ihn sehr. Als der Morholt wieder hergestellt war, fragte er Gawain eines Tages nach seiner Jungfrau und seinem Knappen. Gawain erzählte ihm, was die Geschichte schon vorher erzählt hat, und erwähnte auch, daß beide gern zu ihm zurückkehren wollten, daß er sie aber nicht wieder angenommen hätte. Der Morholt billigte Gawains Handlungsweise und fragte ihn dann auch nach Ywain. Von seinem Vetter wußte Gawain nichts zu erzählen, die Dame des Hauses aber, die den Namen Ywains gehört hatte, erklärte, daß Ywain, der Sohn des Königs Urien, kurz vor ihrer beider Ankunft, zwei Tage ihr Gast gewesen wäre, nachdem er das Land von einem Riesen befreit hätte, dessen Kopf noch in jener Kapelle da (auf die sie mit dem Finger weist) zu sehen wäre, wo ihn das Volk in seiner großen Freude über den Tod seines Eigentümers aufgehängt hätte. Der Morholt und Gawain waren hocherfreut über Ywains Erfolg (57) und sprachen die Hoffnung aus, ihn bald wiederzusehen.
An einem Montag früh verließen die beiden Gefährten das Schloß. Sie ritten den ganzen Tag ohne Abenteuer zu finden. Am folgenden Tage kamen sie auf eine grüne Ebene, auf der sie, am Rande einer Quelle, zwei Pavillons sahen. Da es, wie es um die Mitte des Monats August oft der Fall ist, sehr heiß war, schlug der Morholt vor, daß sie sich in einem der Pavillons ausruhten. Gawain war damit einverstanden.
Nachdem sie ihren Pferden Sättel und Zaumzeug abgenommen hatten, ließen sie dieselben grasen und traten in die Pavillons ein. Sie fanden niemanden darin; in jedem aber stand ein prächtiges Bett mit rotem Sammt bedeckt. Sie legten ihre Waffen ab und streckten sich auf eines der Betten aus; und da sie sehr müde waren, schliefen sie bald ein. Dann trat eine alte Dame in den Pavillon ein und weckte sie. Als sie erwachten, fragten sie die Alte, was ihr gefällig wäre. Sie antwortete: "Eure Gegenwart; sagt mir wer ihr seid und woher ihr kommt". Als der Morholt ihr gesagt hatte, daß er selber aus Irland, sein Gefährte aber aus Logres käme, sagte die Alte: "Ich kenne euch wohl, du bist der Morholt und dein Gefährte ist Gawain." "Du kennst uns besser als ich dachte," erklärte der Morholt. Darauf wandte sich die Alte an Gawain und fragte ihn, wie sie ihm gefiele. (58) "Ich habe schon ältere Damen gesehen als dich," sagte Gawain. "Alt wie ich bin", nahm die Alte wieder das Wort, "habe ich doch noch ein junges, lebenslustiges Herz, und deshalb will ich dich, wenn es dir recht ist, zu meinem Freunde machen; meine Liebe wird dir zu größerer Ehre gereichen als die mancher jüngeren Dame". Gawain sah die Sprecherin an und es schien ihm, daß sie mehr als hundert Jahre alt war. Als er nicht sogleich antwortete, wiederholte die Alte ihre Frage. Gawain fühlte sich durch ihre Zumutung beleidigt und sagte: "Du solltest nicht mehr an Liebe denken, denn dein Alter verbietet dir das. Du spottest entweder meiner oder du denkst nicht an dich selber." "Du weigerst dich also?" fragte die Alte. "Wahrlich", erklärte Gawain, "ich wollte lieber nie in meinem Leben lieben, als dir mein Herz zuwenden". "Das genügt mir," sagte die Alte und richtete nun an den Morholt dieselbe Frage wie vorher an Gawain, "Ich liebe eine schöne junge Dame", antwortete der Morholt, "du bist alt und häßlich, darum kann ich jene nicht um deinetwillen im Stich lassen". "Ihr habt mich beide verachtet", sagte die Alte, "ihr werdet es bereuen, dafür aber, daß ihr euch über mich lustig gemacht habt, werde ich mich sehr bald an euch rächen".
Damit verließ sie die beiden Gefährten, die einander neckten. Bald darauf setzten auch sie, auf des Morholt Vorschlag, ihren Ritt fort. Sie waren noch nicht lange geritten, da verwandelte sich die Liebe, die sie bisher zueinander gehegt hatten, in tötlichen Haß. "Wie kannst du dich erkühnen", fragte der Morholt Gawain, "an meiner Seite zu reiten, weißt du nicht wie ich dich hasse?" (59) "Ich hasse dich mehr als irgend einen Menschen," entgegnete Gawain. Damit forderte der eine den andern zum Kampfe heraus. Sie fielen mit unglaublicher Bitterkeit über einander her. Nachdem sie mit den Lanzen einer den andern vom Pferde gestoßen hatten, zogen sie ihre Schwerter und kämpften zu Fuß, bis beide das dringende Bedürfnis, sich auszuruhen, fühlten.
Wäre nicht zufällig die Cousine der Damoiselle du Lac, eine Jungfrau, die von Merlin am Hofe Artus' die Zauberkunst gelernt hatte, des Weges gekommen, so hätten die beiden Gefährten einander ohne Zweifel getötet, denn sie waren bezaubert. Diese Jungfrau war auf dem Wege zu König Artus mit einer Botschaft ihrer Dame, der Damoiselle du Lac, als sie die beiden Gefährten gegeneinander kämpfend fand. Sie erkannte beide und wunderte sich, was geschehen war, denn von Ywain, den sie an demselben Tage getroffen hatte, wußte sie, daß beide Waffengefährten waren. Sie redete Gawain an und fragte ihn, weshalb sie einander so haßten. "Ich weiß es nicht", antwortete er, "aber ich hasse ihn mehr als irgend einen Menschen, und es wird nie Frieden zwischen uns geben, bis einer von uns tot ist". "Das ist sonderbar", sagte die Jungfrau, "ihr haßt einander und wißt nicht warum". Zu sich selber aber sagte sie: "Die beiden sind bezaubert, es wäre schade, wenn sie einander töteten". (60)
Damit versuchte sie durch ein Gegenmittel den Zauber zu lösen. Es gelang ihr; beide Ritter blickten einander verwundert an, als ihr Gedächtnis zurückkehrte; sie warfen ihre Schwerter auf den Boden und fragten einander: "Weshalb haben wir uns geschlagen? Wir müssen bezaubert gewesen sein! Wahrlich wir hätten einander getötet." "Sicherlich", sagte der Morholt, "das kann nur durch Zauber geschehen sein, denn wir haben ohne Ursache gekämpft. Ich hoffe, ich habe dich nicht gefährlich verwundet." "Hätten wir den Kampf fortgesetzt", sagte Gawain, "so wäre es um uns geschehen gewesen, denn wir hatten schon Blut genug verloren". "Ihr waret beide bezaubert", fiel jetzt die Jungfrau ein, "und hättet einander getötet, hätte Gott nicht gefügt, daß ich euch zur rechten Zeit fand". "Jungfrau", sagten sie, "gesegnet sei die Stunde, in welcher du hierher kamst, gesegnet sei Gott, der dich hierher führte, und gesegnet sei derjenige, der dich die Zauberkunst lehrte". "Wißt ihr, wer euch bezaubert hat?" fragte die Jungfrau. Als sie beide antworteten, daß sie keinen Feind zu haben glaubten, der ihnen in seinem Haß solches Unrecht zufügen könnte, erklärte die Jungfrau: "Ich werde es euch sagen. Eine Dame, die ihr für alt hieltet, die aber noch jung und sehr schön ist, fragte jeden von euch um seine Liebe. Ihr verweigertet sie ihr. Sie versteht viel von der Zauberkunst. Um sich an euch zu rächen, erfüllte sie eure Herzen mit tötlichem Haß, in der Hoffnung, daß ihr einander töten würdet. Das wäre ihr ohne Zweifel gelungen, wäre ich nicht zur rechten Zeit gekommen." "Du hast recht", sagten die beiden Gefährten, steckten ihre Schwerter in die Scheide und bestiegen, müde und erschöpft wie sie waren, ihre Pferde. (61) "Weißt du hier in der Nähe ein Nachtquartier?" fragte Gawain die Jungfrau. "Nicht weit von hier wohnen weiße Mönche, die euch aufnehmen würden", antwortete die Jungfrau; "wenn ihr zu ihnen gehen wollt, will ich euch zu Liebe auch dort absteigen".