In der Abtei fanden die schwerverwundeten Gefährten und die Jungfrau freundliche Aufnahme. Während die Jungfrau aber schon am nächsten Morgen in aller Frühe ihren Ritt nach Camelot fortsetzte, waren die beiden Gefährten genötigt, eine ganze Woche die Gäste der Mönche zu bleiben, bevor sie wieder so weit hergestellt waren, daß sie auf die Suche nach Abenteuern gehen konnten.

Nachdem Gawain und der Morholt die Abtei verlassen hatten, kamen sie eines Tages in eine schöne Gegend. An der Seite des Weges gewahrten sie einen Felsen, der so hoch war als sie zu sehen vermochten, nirgends aber war ein Aufstieg, weder Treppe noch Pfad zu sehen; ebenso wenig konnten sie erkennen, ob ein Haus oben auf dem Felsen war. Der Felsen war so steil und glatt, daß ein Eichhörnchen nicht imstande gewesen wäre, an demselben emporzuklettern. (62) Während die beiden Gefährten noch den Felsen bewunderten, sahen sie auf demselben zwölf[46] schöne wohlgekleidete Jungfrauen, die bald so laut miteinander zu reden anfingen, daß man unten ihre Worte verstehen konnte. Sie sprachen nicht von der Vergangenheit, sondern von der Zukunft, als ob sie weise Seherinnen wären, deren Aufgabe es war, die Zukunft zu ergründen. Gawain und der Morholt versuchten die Gegenwart der Jungfrauen auf dem Felsen zu erklären, wie sie hinaufgekommen, wie sie, ohne fliegen zu können, herunterkommen könnten, wovon sie lebten, woher sie ihre Nahrung bekämen. Da sagte plötzlich der Morholt, nach dem er lange nachgedacht: "Jetzt weiß ich, wer die Jungfrauen sind und wer sie hierher gebracht hat. Es sind ihrer zwölf und alle sind Schwestern. Die älteste verstand sich wohl auf die Zauberkunst. Sie hatte einen Streit mit Merlin, und da dieser ihr oft schadete und ihre Pläne durchkreuzte, wollte sie ihn töten. Da beschloß Merlin, der doch noch klüger war als die Jungfrau, sich an ihr zu rächen. Er versetzte sie und ihre Schwestern auf diesen öden Felsen, in dem Glauben, daß sie dort kläglich umkommen würden. Er hatte sich aber geirrt, was er erwartet hatte, geschah nicht, denn die älteste der Schwestern war eine zu gute Zauberin; ja man sagt, wenn es auf der ganzen Welt nur ein Brot gäbe und wenn dieses hundert Tagereisen von ihr entfernt zu finden wäre, so könnte sie es innerhalb einer Stunde herbeizaubern." Gawain bekreuzte sich. "Das ist noch nicht alles", fuhr der Morholt fort, "sieh, wie sie beraten, als ob es sich um etwas sehr wichtiges handelte; jetzt sprechen sie von der Zukunft". "Woher weißt du denn das?" fragte Gawain, "ich glaubte immer, daß niemand außer Merlin von der Zukunft etwas wüßte". (63) "Ich weiß es", entgegnete der Morholt, "von einigen Rittern, die hier waren; denen sagten diese Jungfrauen Dinge voraus, die später wirklich geschahen. Wenn wir ein Weilchen hier bleiben, werden auch wir etwas auf uns Bezügliches hören. Laß uns horchen, was sie sagen." Als die beiden Gefährten aufmerksam lauschten, hörten sie eine der Jungfrauen, die älteste, die Zauberin, fragen: "Und was denkst du von den beiden Rittern, die da unten horchen?" __"Von Gawain sage ich"__, erwiderte diese, __"daß der Fremdling,[47] den er am meisten lieben wird, ihm die Todeswunde beibringen wird, und daran wird sein eigener Stolz schuld sein. Darauf werden viele Ritter fallen; der Ruhm der Tafelrunde wird verschwinden, denn der Vater derselben wird durch die Hand des eigenen Sohnes sterben; Logres, nachdem es seinen guten Vater verloren hat, wird nie wieder zu so großer Ehre und Macht kommen, wie es jetzt besitzt. Dann werden die beiden Söhne des Drachens zu fliegen anfangen, und den größten Teil des Landes unter ihre Flügel nehmen. Darauf wird der Leopard kommen und die jungen Drachen töten und verschlingen; dann aber wird sich der Leopard in eine Felsenhöhle zurückziehen und niemand wird wieder von ihm hören. Von jener Zeit an werden die schlechten Erben schlimmer und schlimmer werden, so daß Großbritannien, das Gott so hoch erhoben hat, mit Tränen der braven Ritter gedenken wird, die jetzt leben. Zu jener Zeit werden ritterlicher Mut und Tapferkeit nicht mehr hier zu finden sein."__ Dann schwieg die Zauberin, die anderen neigten die Köpfe und begannen von anderen Dingen zu reden.

"Glaubst du nun, was ich sagte, Gawain?" fragte der Morholt. "Ja", entgegnete Gawain, "wenn wir recht weise wären und jene Dame hätte weniger dunkel gesprochen, so hätten wir von Artus' Tod und dem Niedergange von Logres gehört, denn davon hat sie so trefflich gesprochen, daß niemand an ihrer Rede etwas tadeln kann. Es mag schon so kommen, wie sie gesagt hat. Ich habe auch gehört, was sie über meinen Tod prophezeit hat." "Sie hat auch gesagt", sagte der Morholt, "daß dein eigener Stolz die Ursache deines Todes sein wird". "Ich habe es gehört", sagte Gawain, "möge Gott geben, daß es mir besser ergehen wird als sie sagt. Aber über dich, Morholt, hat sie gar nichts gesagt." "Noch nicht", meinte der Morholt, "darum müssen wir warten bis sie von mir sprechen wird, denn ohne über meinen Tod zu hören gehe ich nicht weg von hier". (64) Traurig und nachdenklich willigte Gawain ein. Der Morholt rief mit lauter Stimme zum Felsen hinauf: "Erinnert euch meiner, sagt mir etwas über mein Ende". Die Jungfrauen sprachen eifrig miteinander und taten als ob sie nicht hörten. Da wurde der Morholt ungeduldig und rief noch einmal. Nun sprach die Älteste: "Du ungeduldiger Ritter, wenn du auch hörst was du hören willst, du kannst an deinem Schicksal nichts ändern". "Dennoch möchte ich es wissen," bat der Morholt. "Nun wohl, da du so begierig bist es zu erfahren, will ich es dir sagen", erklärte die Zauberin: __"Du[48] wirst in einem Kampfe für eine ungerechte Sache erschlagen werden, denn du wirst verlangen was zu verlangen du kein Recht hast; du wirst sterben durch die Hand des schönsten, leutseligsten und höflichsten Ritters seines Landes, der treu sein ganzes Leben lang lieben wird. Während du durch die Waffen enden wirst, wird Liebe sein Ende herbeiführen.__ Das ist alles was ich dir zu sagen weiß." Damit wollte die Zauberin sich zurückziehen, aber der Morholt bat sie, ihm noch einige Fragen zu beantworten. "Könnten wir nicht zu euch hinaufkommen", fragte er, "um zu sehen, wie ihr dort oben lebt?" "Ja, gewiß", sagte die Zauberin, "kommt doch!" "Wir können es nicht tun ohne eure Hilfe," meinte der Morholt. "Und wenn ihr es könntet, was wolltet ihr hier oben tun?" fragte die Zauberin. "Euch Gesellschaft leisten und belustigen wie andere Ritter mit andern Damen tun," erklärte der Morholt. "Wenn ihr wirklich hier hinauf kämet, würdet ihr sobald nicht wieder hinunterkommen," bemerkte die Zauberin. "Um so besser", sagte der Morholt, "denn wir würden viel lieber mit euch ein lustiges Leben führen, als das Land nach Abenteuern durchstreifen". "Hier würdet ihr allerdings nichts als Freude und Vergnügen haben," sagte die Zauberin.

Dann wendete sich die Zauberin plötzlich an Gawain mit der Frage: "Gawain, wenn wir bereit wären, euch heute Nacht heraufkommen zu lassen, würdet ihr gern eine Zeitlang hier bleiben, wo ihr alles haben würdet, was euer Herz begehren könnte?" "Ich habe keinen heißeren Wunsch als bei euch zu sein", antwortete Gawain, "denn bei euch, glaube ich, sind alle irdischen Freuden zu finden". (65) "Dann sollt ihr morgen früh euren Wunsch erfüllt sehen", sagte die Zauberin; "bleibt die Nacht hier, legt eure Waffen ab; laßt eure Pferde laufen wohin sie wollen. Wenn ihr Lust habt, schlaft." Gawain und der Morholt taten was sie ihnen gesagt hatte. Als die Nacht gekommen, schliefen sie unter einer großen Ulme in der Nähe des Felsens ein.

Als sie am andern Morgen die Augen öffneten, waren Gawain und der Morholt oben auf dem Felsen bei den zwölf Jungfrauen, von wo sie die ganze Umgegend auf zwei Tagereisen weit übersehen konnten. Die älteste der Jungfrauen bewillkommnete beide, fragte sie, wie es ihnen gefiele, und erklärte, daß es nun, da sie zwei Ritter hätten, noch viel angenehmer auf dem Felsen sein würde. Dann zeigte sie den beiden das Haus. Durch eine eiserne Tür traten sie zunächst in ein schönes Zimmer und von diesem führte eine Tür in einen herrlichen großen Saal, von dem man durch zwölf Türen in die Gemächer der zwölf Jungfrauen gelangen konnte. Auf Gawains Frage, ob außer den zwölf Jungfrauen noch andere auf dem Felsen wohnten, erhielt er die Antwort: "Nein, aber während ihr unsere Gäste zu sein belieben werdet, wird unser Hausstand um zwei Diener und zwei Dienerinnen vermehrt werden, die euch bedienen sollen". Die beiden Gefährten dankten.

(66) Die Jungfrauen bemühten sich ihre Gäste zu unterhalten und ihnen das Leben so angenehm als möglich zu machen. Beide vergaßen alles, Freunde und Verwandte und Abenteuer, und lebten lustig und in Freuden und lernten verschiedene Zaubermittel und Spiele kennen. Gawain liebte die älteste und wurde von ihr wieder geliebt, und der Morholt die jüngste. Beide fühlten sich vollkommen glücklich, und alles, was der Vergangenheit angehörte, war so vollkommen aus ihrem Gedächtnisse verwischt, als ob sie eben geboren worden wären.

So waren denn Gawain und der Morholt auf dem Felsen, den die Leute des Landes La Roche aux Pucelles nennen, und hatten keinen andern Gedanken als mit ihren Geliebten glücklich zu sein. Sie hatten alles, was sie wünschen konnten. Sie lebten auch in dem Wahn, daß sie täglich wunderbare Abenteuer bestanden und im Lande umherzogen, aber nie hatten sie eine Ahnung davon, daß sie verzaubert waren. __Die Erzählung wendet sich nun zu Ywain.__

III. __Die Abenteuer Ywains.__[49] SS. 66-85. Nachdem Ywain den Riesen getötet hatte, wie vorher[50] kurz erwähnt wurde, ritt er viele Tage ohne ein Abenteuer zu finden, welches der Aufzeichnung wert war. Er wunderte sich sehr, daß er nirgends, wohin er auch kam und nach ihnen fragte, etwas von seinen beiden Gefährten hörte. Er besiegte während dieser Zeit viele Ritter, und die Kunde von seinem Ruhm verbreitete sich bald durch das ganze Land und erreichte auch den Hof, denn Ywain schickte viele der besiegten Ritter zu Artus. Bei Hofe wurde viel und oft von Ywain gesprochen und Artus erklärte zu wiederholten Malen: "Wenn Gott ihn mir nur wieder zurückbringen wollte, würde ich ihn gern in die Tafelrunde aufnehmen!" (67) Gegen Ende des Jahres erinnerte sich Ywain des Versprechens, welches er seinen beiden Gefährten gegeben hatte, nämlich sie an dem Jahrestage des Anfangs ihrer Abenteuer an der Quelle wieder zu treffen. Bis zu diesem Tage war es noch einen Monat hin.

Ywain ritt mit seiner Jungfrau (der siebzigjährigen) und seinem Knappen in die Richtung der Quelle und kam so eines Tages an den Perron du Cerf, demselben wo der Morholt so großes Unglück gehabt hatte. Als er die Inschrift auf dem Steine gelesen hatte, war Ywain ebenso entschlossen, wie der Morholt es gewesen war, die Nacht daselbst zu verbringen, um die Graalabenteuer zu sehen und die Bedeutung der Inschrift zu verstehen. Die Jungfrau war damit nicht einverstanden, sie erklärte, sie würde auf keinen Fall bleiben, denn die Inschrift warnte jeden deutlich genug, daß ihm in der Nähe des Steines Unheil bevorstände. Ywain mußte das zugeben, erklärte aber, daß nicht alles was Inschriften ankündigten, wahr wäre, und bemühte sich, die Jungfrau zu überreden, aber sie beharrte bei ihrer Weigerung bis er ihr erklärte, er werde sie in seinen besonderen Schutz nehmen und für alle Folgen verantwortlich sein. Zwei Ritter, die zufällig des Weges kamen, rief die Jungfrau herbei und bat sie, Zeugen zu sein des Versprechens, das Ywain ihr gegeben hatte. Die Ritter sagten, Ywain wäre töricht, selbst wenn er einer der besten Ritter von der Welt wäre, bei dem Stein zu bleiben, (68) er wäre aber doppelt töricht, für die Sicherheit anderer Bürge sein zu wollen. Die beiden Ritter waren Girflet und Keux der Seneschall; beide wunderten sich nicht wenig in dem Beschützer der Jungfrau Ywain zu erkennen, den sie schon mehr als sechs Monate vergeblich gesucht hatten. Ywain fragte beide, ob sie nichts von Gawain gehört hätten, und sagte, als sie nichts zu erzählen wußten: "Hoffentlich ist ihm kein Unglück widerfahren, denn er hat versprochen, mich und den Morholt in kurzer Zeit nicht weit von hier zu treffen. Sollte er nicht kommen können, so wird vielleicht der Morholt kommen und mir Nachricht über ihn geben." "Da euer Zusammentreffen so nahe bevorsteht", sagten Girflet und Keux, "wollen wir bei dir bleiben, damit wir, wenn Gawain kommt, alle vier zusammen zu Artus zurückkehren können". Mit diesem Vorschlag war Ywain einverstanden.

(69) Nachdem die drei Gefährten einander gelobt hatten, zusammen an dem Perron du Cerf zu bleiben und ihre Erlebnisse auszutauschen begannen, erschienen zwei Jungfrauen von großer Schönheit und wohl beritten, die eine auf einem weißen, die andere auf einem schwarzen Pferde. Beide stiegen ab und begrüßten die drei Gefährten. Dann wendete sich die eine an Girflet und bat ihn bei der Treue, die er Artus schuldig war, ihr zu versprechen, ihr den Dienst zu leisten, um den sie ihn bitten würde. Als Girflet, dem als Ritter oblag, eine Bitte unter solchen Umständen zu erfüllen, eingewilligt hatte, bat ihn die Jungfrau mit ihr zu gehen, um bei Tagesanbruch wieder zurückzukehren. "Das kann ich nicht tun", sagte Girflet, "denn ich habe Ywain versprochen, bei ihm zu bleiben; er würde mich mit Recht für einen Feigling halten, wenn ich nicht bliebe; auch darf ich mein Wort nicht brechen". "Du mußt es tun", erwiderte die Jungfrau, "denn du weißt recht wohl, daß nach der Sitte des Landes das einer Jungfrau gegebene Versprechen den Vorrang hat vor dem einem Ritter gegebenen". Dagegen konnte Girflet nichts einwenden. Inzwischen verpflichtete die andere Jungfrau auf die nämliche Weise Keux, mit ihr zu gehen. So verließen Girflet und Keux gegen ihren Willen den Perron du Cerf und Ywain blieb mit seiner Jungfrau und seinem Knappen daselbst zurück. Sie plauderten miteinander. Es war sehr dunkel, so daß kaum einer den anderen sehen konnte. Daher hörten sie zwar, aber sahen so gut wie nichts von den auf dem Stein vor sich gehenden Ereignissen, die der Morholt gesehen hatte. (70) Als alles ruhig geworden war, streckten sich alle drei aus und schliefen ein.