Nachdem Tor, um seine Wunden zu heilen, in dem Hause eines Ritters (89) zwei Wochen geblieben war, während deren Aglant ihm Gesellschaft geleistet hatte, kehrten beide so schnell sie konnten nach Camelot zurück. Am Anfang des Winters erreichten sie ihr Ziel. Nachdem sie ihre Waffen abgelegt hatten, ließ sie Artus vor sich kommen und fragte, ob sie Nachricht über Merlin brächten. Sie berichteten, daß sie Baudemagus getroffen hätten, und was er ihnen dem Könige zu sagen aufgetragen. Artus war über den Tod seines treuen Beraters, dem er so viel verdankte, sehr traurig; es rührte ihn besonders, daß Merlin noch kurz vor seinem Tode an ihn gedacht hatte, als er ihm sagen ließ, wer der Befreier Gawains sein würde.

Aber nicht nur Artus, sondern der ganze Hof trauerte um Merlin, denn alle hatten unbegrenztes Vertrauen in Merlins Macht und Fürsorge gehabt. Die Königin erklärte, sie hätte lieber zwei der besten Städte verloren als Merlin. Aglant vermochte nicht zu sagen, wer Merlin lebendig begraben hätte, er vermutete aber, daß es ein Weib getan hätte. Artus war derselben Meinung; er fragte Aglant, was er von Baudemagus hielte. "Er ist ein guter Ritter", sagte Aglant, "und wird einer der besten der Welt werden, wenn er am Leben bleibt". "Auch ich hatte stets eine hohe Meinung von ihm", sagte Artus, "und darum will ich ohne Verzug Gaheriet zum Ritter machen, denn das kann mir nur zum besten gereichen". (90)

Als Artus' Neffen Agravain, Gaheriet und Guerrehes geholt wurden, und als Agravain hörte, was Merlin über Gaheriet zu Baudemagus gesagt haben sollte, war er sehr neidisch auf seinen Bruder. "Ich bin der ältere", erklärte er einem vertrauten Gefährten, "ich bin stärker, geübter und gewandter als mein Bruder, mir kommt es rechtmäßig zu, Gawain zu befreien, und ich will mir nicht nehmen lassen, was mir von rechtswegen gehört. Ich weiß, Merlin hat Gaheriet mehr geliebt als mich und bevorzugte ihn, aber darum soll sein Wunsch nicht in Erfüllung gehen, denn ich will sehen, daß ich vor Gaheriet zum Ritter gemacht werde."

Sogleich ging Agravain zu seinem Onkel und bat ihn um eine Gunst, und als dieser bereit war, seinen Wunsch zu erfüllen, verlangte er, daß er ihn vor Gaheriet zum Ritter machte, weil er der ältere war. Der König, der Agravains Beweggründe nicht kannte, versprach ihm das gern. Artus beschloß am bevorstehenden Weihnachtsfest seine drei Neffen in den Ritterstand aufzunehmen und ließ weit und breit verkündigen, daß er zur Ehre derselben einen glänzenden Hof halten würde. So kam es, daß am heiligen Abend den König in seiner Halle eine große und stattliche Versammlung seiner Barone und Ritter umgab. Mit seinen Neffen zugleich wollte Artus noch zwanzig andere Jünglinge zu Rittern machen. Seine Neffen und diese Jünglinge ließ er die Nacht in der Hauptkirche von Camelot wachen. (91)

Am andern Morgen, nach der Messe, versammelten sich alle wieder in der Halle. Es war damals Sitte, daß die Jünglinge, welche die Nacht gewacht hatten, am Morgen ihre Sünden bekannten und dann, schon mit Ritterkleidern angetan, der Messe beiwohnten; daß ihnen aber erst nach der Messe das Schwert umgegürtet, d. h. diejenige Handlung vollzogen wurde, durch welche sie eigentlich erst Ritter wurden. Agravain drängte sich vor, gab seinem Onkel sein Schwert und bat ihn, ihm dasselbe umzugürten. Der König war im Begriff das zu tun, als ihm plötzlich ein stummer Narr das Schwert aus der Hand riß und dasselbe weit fortschleuderte. Dieser Narr war seit fünfzehn Jahren, sowohl zur Zeit Uterpandragons als auch seines Nachfolgers am Hofe geduldet, weil er harmlos war, und niemand hatte ihn je ein Wort sagen hören. Jetzt war er plötzlich fähig zu sprechen und sagte: "König Artus, was willst du tun? Willst du Agravain vor Gaheriet, dem besten Ritter deines Geschlechts, das Schwert umgürten? Du mußt ihn zuerst zum Ritter machen, und er kann dann seine Brüder und die übrigen gürten, denn er ist dieser Ehre würdig." Artus war erstaunt, daß der Stumme plötzlich reden konnte, ließ seine Barone näher treten und fragte vor ihnen den Narren: "Wer hat dir befohlen, mir das zu sagen?" "Merlin der Weise", antwortete der Narr, "sagte mir, daß am heutigen Tage der schlechte versuchen würde, sich vor den guten zu stellen, um zuerst Ritter zu werden. Als ich Merlin fragte, woran ich den schlechten würde erkennen können, erwiderte er: 'Der schlechte ist Agravain der Stolze, der gute ist Gaheriet der Demütige' und dann fügte er hinzu, daß ich Agravains Absicht um jeden Preis vereiteln müßte." Agravain war aufgebracht, als er des Narren Worte hörte, erinnerte seinen Onkel an das Versprechen, welches er ihm gegeben hatte, und bat ihn, der Worte eines Unzurechnungsfähigen halber ihm nicht unrecht zu tun. Artus aber nahm die Sache ernst; er hielt das Einschreiten des Narren für ein Wunder und eine Offenbarung des Willens Gottes. (92)

Er lud seine weisesten Männer ein, ihm in ein anderes Gemach zu folgen, und fragte sie, über das was geschehen war, um ihre Meinung. Sie erklärten, daß Gott, der Gaheriets gute Eigenschaften kenne, seinethalben das Wunder hätte geschehen lassen. "So denke auch ich", sagte Artus, "und deshalb will ich Merlins Wunsch auch in diesem Punkte erfüllen". Nach der Halle zurückgekehrt, ließ Artus Gaheriet vortreten, und gürtete ihm, trotz der Einwendungen Agravains, zuerst das Schwert um, indem er sagte: "Gott will es so, möge er dir Ruhm und Ehre verleihen". Nun bat Guerrehes seinen Bruder Gaheriet, ihm das Schwert umzugürten. Weinend erklärte sich Gaheriet solcher Ehre unwürdig, Artus aber ermutigte ihn und sagte ihm, daß er nicht zögern dürfte, den Willen Gottes zu erfüllen. Guerrehes erinnerte Gaheriet daran, daß er als neuer Ritter ihm die erste Bitte nicht abschlagen dürfte. Dann machte Gaheriet seinen Bruder und die anderen Jünglinge zu Rittern; Agravain aber weigerte sich, das Schwert aus seines Bruders Hand zu empfangen und bestand darauf, daß Artus selber ihn zum Ritter machte.

Als nachher der König und alle Barone und Ritter bei Tische saßen, trat eine Jungfrau in die Halle, grüßte den König und begehrte Gaheriet zu sehen. (93) Als der König ihr Gaheriet zeigte, zog sie einen Kranz frischer Rosen unter ihrem Mantel hervor, legte denselben Gaheriet auf das Haupt und sagte: "Diese Rosen sendet dir die Königin de lisle faee ". Nachdem Gaheriet der Jungfrau gedankt und sie gebeten, der ihm unbekannten Königin Dank zu sagen, verließ diese, trotz der Bitten des Königs und vieler anderer, die Halle. Die Rosen wurden allgemein als Zauberwerk bewundert, denn zu jener Zeit gab es zur Weihnachtszeit in Großbritannien keine Rosen. Artus sagte scherzend, daß die Königin de lisle faee Gaheriet augenscheinlich nicht haßte. Der Narr sagte dann: "Gaheriet, die Königin, welche dir die Rosen sendet, ist eine der weisen Frauen der Welt, welche die Zukunft kennen. Sie weiß warum sie dich ehrt. Wie die Rose alle anderen Blumen übertrifft, so wirst du alle, die heute zu Rittern gemacht worden sind, übertreffen. Du würdest auch alle Gefährten der Tafelrunde, mit Ausnahme von zweien, übertreffen, wenn dein Wert nicht verringert würde durch eine Sünde, die du begehen wirst, und die den Tod[64] deiner Mutter beschleunigen wird." Sobald der Narr diese Worte gesagt hatte, fiel er tot zu Boden. Artus bekreuzte sich und erklärte: "Gaheriets Ritterschaft hat gut angefangen, (94) möge Gott geben, daß ihr Ende so schön werde wie ihr Anfang". Den Narren ließ der König mit den Ehren begraben, die man einem toten Ritter erwies. Auf seinen Grabstein vor der St. Stephans Kirche in Camelot schrieb man: "Hier ruht der Narr Marin, der all sein Lebtag stumm war, aber an dem Tage, da Gaheriet Ritter wurde, sprechen konnte".

V. __Die Abenteuer Gaheriets.__ SS. 94-131. Am Tage nach Weihnachten war Artus mit wenigen Begleitern außerhalb Camelots auf einem Spaziergange begriffen, als er einem großen Ritter in roter Rüstung begegnete. Der Ritter war so tief in Gedanken versunken, daß er des Königs Gruß nicht hörte und daher, ohne denselben zu erwidern, weiter ritt. Der König, der glaubte, der Ritter habe aus Stolz und Hochmut seinen Gruß nicht erwidert, erklärte: "Wenn ich ein fahrender Ritter wäre, würde ich nicht eher ruhen, bis ich wüßte, wie jener stolze Ritter Lanze und Schwert zu gebrauchen weiß". Kaum hatte der König geendet, so kam ein anderer Ritter desselben Weges. Als der König diesen grüßte, erwiderte er: "Möge dir Gott größere Freude geben als mir beschieden ist, denn ich reite einem (95) sicheren, schmachvollen Tode entgegen". Der König erfaßte des Ritters Zügel, bat ihn, seine Worte zu erklären, und versprach, wenn es in seiner Macht stünde, ihm zu helfen. Als der König sich dem Ritter zu erkennen gegeben hatte, stieg dieser von seinem Pferde und bat den König kniend um Hilfe.

Der König war zu Thränen gerührt und seine Begleiter gleichfalls: "Ich will dir helfen", sagte er zu dem Ritter, "sage mir was dich bedrückt". "Du sahst kurz vor mir", begann der Ritter, "einen anderen Ritter in roter Rüstung bei dir vorbeikommen, er ist einer der besten, stärksten und edelsten Ritter, der Sohn des Herzogs von Avarlan. Er hält einen Bruder von mir in seinem Gefängnis, weil er glaubt, dieser habe ihn verraten. Ich suchte meinen Bruder bis ich erfuhr, daß er im Gefängnis war. Dann ritt ich zu dem Herzog und beschuldigte seinen Sohn vor ihm und seinem Hofe des Verrats. In der nächsten Woche soll der Kampf zwischen uns stattfinden. Während der letzten fünfzehn Tage streifte ich in Logres umher, um Abenteuer zu suchen. Letzten Dienstag traf ich zufällig zwei Ritter, die mich wegen des Todes eines Vetters haßten. Sie griffen mich an, wir kämpften lange, ich tötete sie beide, aber ich erhielt vier schwere Wunden. In eines Ritters Hause weilte ich zwei Tage, um meine Wunden prüfen zu lassen und um zu ruhen, aber ich konnte nicht abwarten bis sie geheilt waren, weil ich nach des Herzogs Hof reiten muß, um meinen Termin zu halten. Ich war aber noch nicht stark genug zum reiten, meine Wunden öffneten sich wieder, ich verlor viel Blut und litt unsägliche Schmerzen; ich kann mein Ziel nicht erreichen, man wird mich für einen ehrlosen, einen Feigling halten und meinen Bruder, einen braven Ritter, schänden und töten. Nun weißt du, warum ich sagte, daß ich einem schmachvollen Tode entgegen ritte". Damit fiel der Ritter von neuem auf die Knie und flehte Artus um Hilfe an. Der König tröstete ihn und sagte, er wollte ihm helfen; wenn keiner von seinen Rittern bereit wäre, gegen den Sohn des Herzogs zu kämpfen, so wäre er selber bereit es zu tun. Der Ritter dankte dem König. Artus fragte seine Begleiter, ob einer von ihnen seinethalben bereit wäre, den Kampf für den Ritter zu übernehmen, aber alle schwiegen, denn sie hatten den stattlichen Ritter in der roten Rüstung gesehen und loben hören (97). Als Gaheriet sah, daß keiner der erprobten Ritter vortrat, kniete er vor Artus nieder und erbat sich als eine Gunst die Erlaubnis gegen den roten Ritter kämpfen zu dürfen, indem er darauf hinwies, daß der König die erste Bitte eines neuen Ritters gewähren müßte. Der König machte Gaheriet klar, daß die Aufgabe, die er unternehmen wollte, für einen jungen, zarten Ritter viel zu schwierig wäre und suchte ihm abzureden; aber Gaheriet beharrte bei seinem Entschluß, ja er drohte ohne Erlaubnis gehen zu wollen, falls der König ihn nicht gehen lassen würde. Als Artus sah, daß Gaheriet entschlossen war, gab er ihm Erlaubnis und bat Gott, ihn zu beschützen. Als der Ritter hörte, daß der junge Ritter, der für ihn kämpfen wollte, Gaheriet sei, sagte er laut: "Gott sei gedankt, nun weiß ich, daß meine Sache in guten Händen ist, denn eine Jungfrau, die ich gestern traf, sagte mir, daß eine Dame, die es wisse, ihr gesagt hätte, daß Gaheriet einer der besten Ritter der Welt werden würde". "Du sprichst von der Jungfrau der Königin de lisle faee ", sagte Artus, "die Gaheriet den Rosenkranz geschickt hat; wir waren alle erstaunt, im Winter solche Rosen zu sehen".

"Nun laßt uns nach Camelot zurückkehren, damit der verwundete Ritter ruhen kann", sagte Artus. Im Palast angekommen, befahl Artus, dem Ritter ein Gemach anzuweisen, seine Wunden zu untersuchen und ihn mit allem, was er wünschte, zu versorgen. Des Ritters Wunden waren sehr schwerer Art und noch verschlimmert durch seinen langen Ritt. Später sagte der Ritter zu Gaheriet, der ihn nach seines Bruders Namen fragte: "Mein Bruder heißt Gallinor, ich heiße Gallin (98), der Sohn des Herzogs heißt Baudon. Der Kampf soll am nächsten Dienstag stattfinden. Wenn du pünktlich dein Ziel erreichen willst, mußt du morgen früh aufbrechen, denn bis dahin sind es drei gute Tagereisen, aus denen du vier machen solltest." Gaheriet versprach am nächsten Morgen aufzubrechen.