Ihre Begleiterinnen erkannten Ywain. Die Königin setzte sich neben ihn und ergriff seine Hand. Erschreckt und beschämt erwachte er und wollte entfliehen, die Königin aber hielt ihn zurück. Er bat sie, ihn gehen zu lassen, da der König ihn von seinem Hofe verbannt hätte. Sie versicherte Ywain,[60] daß der König, was er in einem Augenblick des Zornes getan, schon oft bereut hätte, und bereit wäre, das Unrecht wieder gut zu machen, welches er ihm zugefügt hätte. Als Ywain trotzdem bat, (83) sie möchte ihn ziehen lassen, erklärte die Königin, er könnte ihr das nicht antun und ihre Bitte abschlagen.

Ywain befand sich in schwieriger Lage, er wollte der Königin nicht wehe tun, er wollte aber auch nicht bleiben. Schließlich bat er die Königin, ihm zu versichern, daß er dem Könige wirklich willkommen sein würde. Die Königin schwor ihm, daß er Artus, nächst Gawain, der willkommenste Ritter sein würde. Gawains Name rührte Ywain zu Tränen. Auf ihren Wunsch erzählte er der Königin, was er von Gawain wußte. Die Königin tröstete ihn und bat ihn, sich keine Sorge um Gawain zu machen, denn Merlin — __den sie noch am Leben glaubte__ — würde ihn und den Morholt bald durch seinen Scharfsinn befreien. Dann versicherte sie Ywain noch einmal, daß der König oft bereut hätte, ihn verbannt zu haben.

Die Königin ließ Ywain bewaffnen und befahl ihrem weiblichen Gefolge, (84) in Bezug auf ihn unbedingtes Schweigen zu beobachten; jedem der fragen sollte, wer Ywain wäre, sollte man antworten, daß er ein fremder unbekannter fahrender Ritter wäre, den sie zum König führen wollte. Dann gab die Königin das Zeichen zum Aufbruch nach Camelot.

Die Begleiterinnen der Königin führten ihre Befehle gewissenhaft aus, so daß keiner von den sie begleitenden Rittern und am Hofe von Ywains Gegenwart eine Ahnung hatte. Im Palast angekommen, wies die Königin Ywain eines von ihren eigenen Gemächern an und ließ ihn mit allem, was er wünschen konnte, versorgen.

Am Abend, als Artus von der Jagd zurückkehrte, sagte ihm die Königin, daß Ywain im Walde gesehen worden wäre. In dem Glauben, daß Ywain in seiner Nähe gewesen wäre, ihn aber vermieden hätte, wurde der König zornig und sagte, Ywain schlüge recht nach seiner Mutter Morgain. Die Königin lächelte. Artus erkannte, daß sie ihm etwas vorenthielt und befahl ihr, wenn sie wußte, wo Ywain zu finden wäre, ihn sofort holen zu lassen. Die Königin ging zu Ywain und sagte ihm, daß Artus ihn erwartete. Beschämt, daß er ohne Gawain kam, trat Ywain vor den König; (85) dieser kam ihm mit offenen Armen entgegen und bewillkommnete ihn mit großer Herzlichkeit. Am Hofe war die Freude aller sehr groß, als man sah, daß Ywain zurückgekehrt war. Der König ließ Ywain an seiner Seite Platz nehmen und fragte ihn, wie es ihm während seiner Abwesenheit ergangen wäre und ob er Girflet und Keux nicht gesehen hätte, die ihn suchten. Ywain erzählte dem Könige, daß er beide an dem Perron du Cerf getroffen hätte, wo ihm ein so schreckliches Unglück passiert wäre. Dann, nachdem er den üblichen Eid geleistet hatte, die Wahrheit zu sagen, erzählte er seine Abenteuer, die der König sogleich aufzeichnen ließ.

IV. __Die Suche nach Merlin.__ SS. 85-94. An jenem Abende wurde Gawains Name nicht erwähnt, weil man Ywain schonen wollte. Am nächsten Tage aber fragte Artus seinen Neffen, was aus Gawain geworden wäre. Ywain erzählte alles was geschehen war, soweit er wußte, seitdem sie zusammen Camelot verlassen hatten. Als der König hörte, daß Gawain und der Morholt auf La Roche aux Pucelles verzaubert lebten, fragte er seine Ritter, was er tun könnte, um sie zu befreien. Er war geneigt sogleich aufzubrechen, den Felsen zu belagern und zu zerstören, selbst wenn er von Stahl wäre. (86) "Das ist unmöglich," erklärte Ywain und erzählte, was ihm der Ritter über die Zauberkraft seiner früheren Geliebten gesagt hatte; dann riet er dem Könige, Merlin kommen zu lassen, der bald Mittel und Wege finden würde, die beiden Ritter aus der Gewalt der Jungfrauen zu befreien. "Das ist der beste Rat, der mir gegeben werden konnte", sagte der König, "denn Merlin allein kann uns helfen". Derselben Meinung waren alle am Hofe, aber Merlin war seit langer Zeit von keinem gesehen worden. Einige glaubten, daß Merlin tot wäre. "Das glaube ich nicht", erklärte Artus, "denn wenn das wahr wäre, hätten wir davon gehört. Wir müssen Merlin suchen lassen, bis er gefunden ist."

Sogleich schickte Artus Ritter und Knappen nach allen Richtungen, um Merlin zu suchen, und befahl ihnen besonders alle Orte zu erforschen, wo Merlin sich aufzuhalten pflegte. Er versprach reiche Belohnung demjenigen, dem es gelingen würde, Merlin herbeizuführen. Die gute Belohnung einerseits, und der Wunsch, dem Könige einen Dienst zu leisten und sich seine Gunst zu erwerben andrerseits, veranlaßten viele Ritter auf die Suche nach Merlin zu gehen, aber alle ihre Bemühungen waren vergeblich, denn Merlin war tot; allerdings wußten um seinen Tod nur die damoyselle du lac, ihr Gefolge und Baudemagus.

Da ereignete es sich eines Tages, daß Tor, der Sohn des Ares, in Wirklichkeit[61] des Königs Pellinor, an einem Mittwoch am Rande eines Waldes Aglant einen Ritter des Königs Artus, der in der Petite Bretaigne geboren war, traf. Beide waren hocherfreut, sich wiederzusehen, keiner konnte aber dem andern mitteilen, daß seine Suche nach Merlin erfolgreich gewesen wäre. "Da wir, jeder allein, keinen Erfolg gehabt, haben", erklärte Aglant, "laß uns versuchen, ob wir vereint mehr Glück haben werden". (87) Damit war Tor einverstanden.

So ritten Tor und Aglant viele Tage zusammen und suchten Merlin, ohne irgendwelche erwähnenswerten Abenteuer zu finden. Eines Tages begegneten sie einem stattlichen Ritter in schwarzer Rüstung und auf einem schwarzen Pferde. Dieser Ritter, der die beiden Gefährten an ihren Waffen erkannte, forderte sie zum Kampfe heraus. Auf seine Bitte ließ Tor Aglant zuerst sein Glück versuchen. Aglant ritt gegen den schwarzen Ritter und dieser gegen ihn. Aglants Lanze brach, und er wurde von dem schwarzen Ritter samt seinem Pferde zu Boden geworfen, aber nur leicht in der Seite verwundet. Als er am Boden lag, rief ihm der schwarze Ritter zu: "Jetzt habe ich mich gerächt, Aglant,[62] dafür, daß du mich den Sitz an der Tafelrunde hast verlieren lassen, weil ich noch zu jung war, wie du sagtest."

Um seinen Genossen zu rächen, griff nun Tor den schwarzen Ritter an und verwundete ihn leicht in der Seite; der schwarze Ritter aber durchbohrte ihm mit der Lanze die linke Schulter; die Lanze zerbrach, als Tor zu Boden stürzte. Dem gefallenen Tor rief der schwarze Ritter zu: "Nun kannst du erkennen, Tor, ob ich weniger würdig war, an der Tafelrunde zu sitzen als du, und daß man mir unrecht tat, als man dir den Sitz gab. Gott hat mir auch vergönnt, mich an dem zu rächen, dem ich den Verlust dieser Ehre verdanke." Dann wandte sich der schwarze Ritter an Aglant, der schon sein Schwert gezogen hatte, und sagte: (88) "Stecke dein Schwert in die Scheide, wir kämpfen nicht weiter; ich habe euch angegriffen, weil ich euch erkannte und weiß, daß ihr Merlin suchet, und weil ich der einzige bin, der euch über Merlin Nachricht geben kann. Ich will euch sagen, was ich weiß, mehr könnt ihr nicht erfahren, so viel ihr euch auch bemühen möget. Merlin ist tot; er starb genau so wie er mir am Hofe vorhersagte, als er erklärte:[63] 'Du wirst eines ehrenvollen Todes sterben, aber ich werde lebendig begraben werden.'" Aglant fragte, wie das gekommen sei; der schwarze Ritter weigerte sich aber, mehr zu sagen, doch fügte er hinzu: "Sage Artus, daß die letzten Worte, die Merlin zu mir gesprochen hat, waren: 'Gawain und der Morholt werden nicht von La Roche aux Pucelles herunterkommen, bevor Gaheriet Ritter sein und sie befreien wird.' Ich bin Baudemagus, der Neffe des Königs Urien, den Artus selbst zum Ritter gemacht hat." Damit ritt der schwarze Ritter, so schnell ihn sein Pferd zu tragen vermochte, davon. Tor hatte sich inzwischen erhoben und wollte nun den schwarzen Ritter verfolgen, Aglant aber hielt ihn zurück, und erzählte ihm alles, was er gehört hatte. "Dann können wir nach Camelot zurückkehren", sagte Tor, "denn unsere Suche ist zu Ende, da Merlin tot ist".