Als der Einsiedler immer noch versuchte ihn zu überreden, nicht mit dem Riesen zu kämpfen, erklärte Gaheriet, daß er gegen seinen eigenen Bruder Gawain kämpfen würde, falls derselbe ihm die Jungfrau nehmen wollte. "Gegen deinen Bruder zu kämpfen wäre eine große Torheit", sagte der Einsiedler. "Würde mir aber zu größerer Ehre gereichen", erwiderte Gaheriet, "als wenn ich mir diejenige nehmen ließe, die ich unter meinen Schutz genommen habe". Während sie so sprachen, erschien kurz vor Mittag der Riese; die Jungfrau ritt auf einem Pferde, laut jammernd und klagend, an seiner Seite. Gaheriet betete noch einmal und bat Gott um Kraft und Stärke, den Riesen zu überwinden, der das Land so plagte, dann bestieg er sein Pferd und ritt dem Riesen entgegen. Sein Knappe fing laut um ihn zu weinen an. Der Einsiedler bat Gott, daß er Gaheriet zum Segen des Landes beschützen und leiten möge. Gaheriet rief dem Riesen zu: "Gib mir die Jungfrau, denn du hast sie weit genug geführt". Der Riese fürchtete Gaheriet nicht, (123) denn er hatte noch nie einen einzelnen Menschen gefürchtet. Er hieß Aupatris[68] und war der Vater des Carados le Grant seigneur de la Doloreuse Tour, den Lancelot erschlug si comme la branche[69] de Lancelot le doit deuiser apertement.
Aupatris zog sein Schwert. Gaheriet ritt mit solchem Ungestüm auf ihn los, daß er des Riesen Schild und Harnisch durchbohrte und daß die Spitze und der Stiel seiner Lanze tief in dessen Seite eindrangen. Der Riese fiel zu Boden; durch den Fall brach die Lanze. Gaheriet zog schnell sein Schwert und ritt gegen den Riesen, der sich eben bemühte, sich aufzurichten, und verletzte ihn so schwer mit dem Körper seines Pferdes, daß er noch einmal niederstürzte. Nachdem Gaheriet einigemal über seinen Körper hinweg geritten war, stieg er ab, riß dem Riesen den Helm vom Kopfe, erfaßte sein Schwert mit beiden Händen und schlug ihm den Kopf ab. Der Einsiedler, die Jungfrau und der Knappe liefen freudig herbei und waren so glücklich come silz veissent dieu deuant eulx. "Gesegnet sei die Stunde deiner Geburt", sagte der Einsiedler, "gesegnet sei Gott, der dich hierher geführt hat! Du hast großes vollbracht, denn du hast den Feind dieses Landes vernichtet. Wenn die Einwohner von Taraquin wüßten, daß du den Riesen getötet hast, würden sie alle hierher kommen, um dir zu danken, denn sie wünschten nichts mehr als seinen Tod." "Wo ist Taraquin?" fragte Gaheriet. "So heißt die Stadt, wo man dir die Jungfrau nahm", sagte der Einsiedler. "Dahin will ich gehen", erklärte Gaheriet, "und die Einwohner bitten, daß sie nie wieder eine Jungfrau gefangen nehmen". (124) "Das werden sie gern versprechen", sagte der Einsiedler, "wenn sie hören, was du getan hast".
Dann bestieg Gaheriet sein Pferd, befahl dem Knappen des Riesen Haupt zu nehmen, und fragte die Jungfrau, ob sie sich nicht fürchtete, mit ihm nach der Stadt zurückzukehren. Da die Jungfrau bereit war, Gaheriet zu begleiten, ritten die drei nach Taraquin zurück. Als die Einwohner des Riesen Kopf sahen, waren sie sehr froh; sie schwuren, daß sie nie wieder Hand an eine Jungfrau, einen Ritter oder einen Knappen legen wollten und daß sie alle fahrenden Ritter so ehrenvoll wie Gaheriet selbst empfangen würden. Um das Andenken an Gaheriets Tat zu bewahren, ließen sie ein kupfernes Standbild anfertigen, welches den Riesen und Gaheriet darstellte und zwar in dem Augenblick als der letztere dem ersteren den Kopf abschlug. Das Standbild stand in Taraquin, bis nach Artus' Tode die Söhne Mordrets es zerstören ließen, in der Absicht, jedes Denkmal der Tapferkeit der Ritter ihres Großvaters zu vernichten. Zwei Tage blieb Gaheriet in Taraquin, (125) dann verließ er mit der Jungfrau und seinem Knappen die Stadt. Sie ritten bis sie nach La Roche aux Pucelles kamen. Gaheriet hatte nie einen ähnlichen Felsen gesehen und glaubte, er wäre durch Menschenhand so viereckig gebildet worden. Die Jungfrau erklärte ihm, daß der Felsen wie er war so von Natur war.
Gaheriet hatte schon von den Jungfrauen und ihrer Beschäftigung gehört; als er nun nach dem Gipfel des Felsens emporschaute und die Jungfrauen in eifrigem Gespräch begriffen erblickte, rief er hinauf: "Hört mich an, ihr Jungfrauen". Erst als er sie zum zweiten Male anrief, beachteten ihn die Jungfrauen. Die älteste rief: "Ritter, warum störst du uns, was willst du?" "Ich möchte wissen", rief Gaheriet, "auf welche Weise ich sterben werde". "Du solltest nicht begierig sein, dein Ende zu hören, denn das wird ein trauriges Ereignis sein. __Wisse, der fremde Ritter,[70] den du am meisten lieben wirst, wird dich töten, ohne zu wissen wer du bist. Zugleich mit dir werden Agravain und Guerrehes, deine Brüder, ihr Leben verlieren.__ Nun geh!" "Ich werde nicht gehen", rief Gaheriet, "denn ich bin gekommen, um Gawain, meinen Bruder, und den Morholt zu befreien". "So komm herauf und hole sie", entgegnete die älteste der Jungfrauen, "oder warte unten, bis beide zu dir hinunterkommen werden". "Du bist töricht", sagte Gaheriets Begleiterin zu ihm, "du kannst durch eigene Kraft ebenso wenig auf den Felsen hinaufkommen wie die andern, die durch Zauberkraft hinaufgekommen sind und durch dasselbe Mittel oben zurückgehalten werden". "Dann bin ich umsonst hierher gekommen", sagte Gaheriet traurig, "denn wenn ich nicht auf den Felsen hinaufkommen kann, (126) ist es mir unmöglich, meinen Bruder und den Morholt zu befreien". "Sei nicht traurig", sagte die Jungfrau zu Gaheriet, "laß uns von hier weggehen, ich glaube, daß ich dir noch heute einen guten Rat werde geben können".
Als beide mit dem Knappen sich etwa zwei englische Meilen von dem Felsen entfernt hatten, sagte die Jungfrau: "Ich habe nachgedacht, wie dir am besten zu helfen ist, höre mir aufmerksam zu. Nicht weit von hier wohnt der Bruder der Jungfrauen vom Felsen; sie lieben ihn so sehr, daß ihnen kein Opfer zu groß sein würde, wenn sie ihm das Leben retten könnten. Ich rate dir daher, geh zu dem Bruder, bringe ihn in deine Gewalt — ich weiß, daß er dir nicht gewachsen ist — und drohe, ihm den Kopf abzuschlagen, wenn er dir nicht schwört, dir innerhalb eines oder zweier Tage Gawain und den Morholt auszuliefern. Ich zweifle nicht, daß du auf diese Weise erlangen kannst, was du so sehnlich wünschest." "Führe mich zu dem Bruder," bat Gaheriet.
Nach kurzem Ritt zeigte die Jungfrau Gaheriet auf einer schönen Wiese vier prächtige Pavillons. Vor dem größten derselben stand ein stattliches schwarzes Streitroß, eine Lanze war gegen die Wand gelehnt und ein schwarzer Schild hing darüber. "Wo der schwarze Schild hängt", sagte die Jungfrau, "wirst du den Bruder finden". "Warte hier mit meinem Knappen", bat Gaheriet, "ich will gehen und sehen, ob er dort ist". "Geh mit Gott," sagte die Jungfrau. Gaheriet trat in den Pavillon ein. Er fand in demselben einen Ritter in schwarzer Rüstung, mit Ausnahme des Helmes vollständig gewaffnet, im Gespräch mit einer Dame. Ohne ihn zu begrüßen fragte Gaheriet den Ritter, ob er der Bruder der Jungfrauen vom Felsen wäre. (127) Als der Ritter die Frage bejahte, sagte ihm Gaheriet, daß er ihn tötlich haßte, und forderte ihn zum Kampfe heraus. Alles Reden des Ritters war vergeblich, ob er wollte oder nicht, er mußte kämpfen, denn Gaheriet drohte, ihn zu erschlagen, falls er sich weigerte. Der Kampf fand vor dem Pavillon statt. Beide Ritter zersplitterten ihre Lanzen, während Gaheriet aber im Sattel blieb, stürzte der Bruder der Jungfrauen zu Boden. Gaheriet stieg ab, gab seinem Knappen sein Pferd, zog sein Schwert und eilte auf seinen Gegner los, der sich gerade erheben wollte. Er schlug ihn auf den Helm, daß der Unglückliche auf sein Gesicht fiel und das Schwert seiner Hand entschlüpfte. Gaheriet riß ihm dann so grausam den Helm vom Kopf, daß er ihm die Haut von Stirn und Nase streifte und er ohnmächtig zur Erde fiel. Als der Ritter nach einer Weile wieder zu sich kam, drohte Gaheriet, ihn zu töten, wenn er nicht verspräche, ihm spätestens am nächsten Tage (128) Gawain und den Morholt auszuliefern. Der Ritter, in seiner Todesangst, versprach alles, was Gaheriet verlangte. "Du mußt aber einen Boten nach dem Felsen senden", erklärte Gaheriet, "denn ich lasse dich nicht aus den Augen, bis Gawain und der Morholt vor mir stehen".
Dann rief der Ritter die Dame aus dem Pavillon, die bitterlich weinte, und sprach lange mit ihr. Nachdem die Unterredung beendet war, bestieg die Dame ein Pferd und sagte zu Gaheriet: "Warte hier, ich hoffe, daß es mir gelingen wird zu tun, was du verlangst". "Eile", sagte Gaheriet, "denn ich sehne mich, meinen Bruder wieder zu sehen". Sobald die Jungfrauen auf dem Felsen die Geliebte ihres Bruders kommen sahen, rief ihr die älteste entgegen: "Ich weiß, daß du kommst, um Gawain und den Morholt zu holen und um meinem Bruder das Leben zu retten. Wenn ich eine Gelegenheit finde, werde ich mich an derjenigen zu rächen wissen, die uns dieses Leid zugefügt hat. Geh zurück, du wirst Gawain und den Morholt in einem der Pavillons auf einem Bette schlafend finden."
Hocherfreut über den Erfolg ihrer Sendung, kehrte die Dame nach den Pavillons zurück, wo man sie ungeduldig erwartete. Als sie abgestiegen war, sagte sie Gaheriet, daß er in einem der Pavillons finden würde, (129) was er begehrte. "Ich warne dich", sagte Gaheriet zu dem Ritter, "versuche nicht, mich durch Zauberei zu täuschen, denn wenn du wagst es zu tun, lasse ich dich auf die qualvollste Weise sterben, die ich erfinden kann". "Du magst mich als Verräter töten", sagte der Ritter, "wenn ich dich täusche".
Im ersten Pavillon fand Gaheriet nichts, im zweiten auch nichts, im dritten aber lagen Gawain und der Morholt in tiefem Schlafe auf einem Bett. Gaheriet erkannte seinen Bruder, aber nicht den Morholt, denn er hatte ihn nie gesehen. "Das sind die beiden Ritter, die ich dir ausliefern soll," erklärte der Bruder der Jungfrauen.
"Ich glaube dir nicht eher", entgegnete Gaheriet, "bis beide mir aus ihrem eigenen Munde bestätigen, daß du die Wahrheit sprichst; ich muß vorsichtig sein, denn die Jungfrauen dieses Landes verwandeln durch ihre Zauberei die weisesten Ritter in die dümmsten, so daß sie mit ihnen umgehen können wie mit stummen Tieren. Erst wenn ich einen Tag lang[71] mit den beiden geritten bin, werde ich dir glauben, daß sie es wirklich sind."