Als Gawain und der Morholt aus dem Schlafe geweckt waren und die Augen öffneten, blickten sie erstaunt um sich, denn sie glaubten unter der Ulme zu liegen, unter welcher sie an dem Abend geschlafen hatten, als sie auf den Felsen gebracht wurden. Beide hatten ihr Gedächtnis wiedererlangt und hielten alles was auf dem Felsen geschehen war für einen Traum. Gawain umarmte und bewillkommnete seinen Bruder und erkundigte sich, wie er nach dem Felsen gekommen wäre. Gaheriet erzählte seinem Bruder, daß man am Hofe wegen seiner langen Abwesenheit ernstlich besorgt gewesen wäre. "Das ist sonderbar", sagte Gawain, "denn ich habe doch erst vor drei Monaten mit Ywain Camelot verlassen". (130) Als er diese Bemerkung hörte, bekreuzte sich Gaheriet, und verwünschte die Jungfrauen auf dem Felsen. "Du bist mehr als zwei Jahre nicht an den Hof gekommen", sagte er dann zu Gawain, "und du und der Morholt habt euer Ywain gegebenes Versprechen, ihn am Ende des Jahres an der Quelle zu treffen, schlecht gehalten; er war zur verabredeten Stunde dort, aber ihr kamt nicht". Gawain und der Morholt waren erstaunt und bekreuzten sich, dann fragte der erstere nach Ywain. "Unser Onkel hält ihn am Hofe bei sich, wohin er etwa vor einem halben Jahre zurückkehrte." "Das ganze ist eine wunderbare Geschichte", erklärte Gawain, "ich weiß nicht wo ich gewesen sein kann, und ich erinnere mich deutlich, daß ich mich gestern abend unter der Ulme bei La Roche aux Pucelles zum Schlafen niedergelegt habe". "Du bist anderthalb Jahre auf dem Felsen bei den Jungfrauen gewesen, ebenso wie der Morholt, denn Ywain sah euch und sprach mit euch, ihr aber waret so verzaubert, daß ihr ihn nicht erkanntet". Das Erstaunen der beiden Ritter wuchs, sie bekreuzten sich mehr als hundertmal und erklärten, daß alles, was in den anderthalb Jahren geschehen, ihnen wie ein Traum erschiene.

Nachdem Gawain sich von seinem Erstaunen erholt hatte, fragte er nach dem König, der Königin und Baudemagus. Gaheriet erzählte alles was er wußte, auch daß er wegen der Nachricht, die Merlin durch Baudemagus an Artus geschickt, früher als er erwartet hatte, zum Ritter gemacht wurde. "Gott segne Merlin", sagte der Morholt, "denn ihm haben wir es zu verdanken, daß wir nicht unser ganzes Leben auf dem Felsen haben verbringen müssen". (131) Dann verabschiedeten sich Gawain und Gaheriet von dem Morholt. Der letztere hätte gern Gaheriet mit sich nach Irland genommen, verzichtete aber auf seine Gesellschaft um Gawains willen, jedoch mußte ihm Gaheriet versprechen, sobald er Gawain nach Camelot zurück begleitet hatte, ihn in Irland zu besuchen. Nach langem Ritte erreichten die beiden Brüder glücklich Camelot und wurden mit großem Jubel empfangen. Gawain erstattete dem König Bericht über alles, was er erlebt hatte. Nach einem Monat erfüllte Gaheriet das dem Morholt gegebene Versprechen und machte sich auf den Weg nach Irland. Die Abenteuer, die er unterwegs bestand, werden in diesem Buche nicht erzählt. __Die Erzählung wendet sich nun zu dem Morholt.__

VI. __Das Abenteuer des Morholt.__ SS. 131-134. Nachdem der Morholt Gawain und Ywain verlassen hatte, ritt er den ganzen Tag nachdenklich weiter, ohne irgend ein der Erzählung würdiges Abenteuer zu finden. Die Nacht schlief er in einer Abtei weißer Mönche, die ihn freundlich aufnahmen. Am folgenden Morgen brach der Morholt nach Irland auf. Vier Tage ritt er, ohne Abenteuer zu finden, am fünften aber begegnete er fünf fahrenden Rittern des Königs Artus. Wer zu wissen wünscht, wer diese Ritter[72] waren, dem sagt die Erzählung: "Die beiden ersten waren Gawains Brüder Agravain und Guerrehes; der dritte war Mador de la Porte, der vierte war Dodinel le Sauuage; der fünfte endlich war Sagremor, der Sohn des Königs von Ungarn und der Neffe des Kaisers von Konstantinopel, dem Keux den Beinamen le Desree[73] gegeben hatte". (132)

Als diese fünf Ritter den Morholt sahen, erkannten sie an seiner Ausrüstung und Haltung, daß er ein fahrender Ritter und ein Mann de valeur war. Agravain bat seine Gefährten, ihn mit dem fremden Ritter kämpfen zu lassen. Alle willigten ein. Agravain gab seinem Pferde die Sporen und rief dem Morholt zu, sich bereit zu machen. Des war der Morholt wohl zufrieden, er legte seine Lanze ein und ritt gegen Agravain. Agravain zersplitterte seine Lanze gegen des Morholt Schild, dieser aber hob mit einem wohlgezielten Stoß Agravain aus dem Sattel, so daß er betäubt zur Erde stürzte. Ohne Verzug ritt Guerrehes auf den Morholt los, um seinen Bruder zu rächen. Der Morholt brachte auch ihn zu Falle und verwundete ihn in der linken Seite. Jetzt war die Reihe an Mador de la Porte, sich mit dem Morholt zu messen. Die Lanze des Morholt durchbohrte Madors Schild und drang in seinen Hals ein, so daß er sich nicht auf dem Pferde zu halten vermochte und zur Erde fiel. Als Sagremor und Dodinel sahen, daß ein einziger Ritter ihre drei Gefährten aus den Sätteln gehoben hatte, bekreuzten sie sich. Sie hätten gern gewußt, wer der tapfere Ritter war. Nun ritt Dodinel gegen den Morholt, denn er wollte lieber das Schicksal seiner Gefährten teilen, als den Versuch, sie zu rächen, unterlassen. Dem Morholt war es klar, daß er entweder fallen oder alle fünf Gefährten zu Fall bringen mußte. Er legte seine Lanze wieder ein und ritt gegen Dodinel. Dieser durchbohrte des Morholt Schild und Harnisch und verwundete ihn in der linken Seite, die Lanze blieb aber unversehrt. Der Morholt gab Dodinel einen so gewaltigen Stoß mit seiner Lanze, daß Roß und Reiter zu Boden stürzten und die Lanze in Stücke flog. (133) Nun ist nur noch einer übrig, dachte erfreut der Morholt; damit ergriff er Dodinels Lanze und forderte mit lauter Stimme Sagremor auf, sich bereit zu halten. Sagremor durchbohrte des Morholt Schild und Harnisch und zerbrach seine Lanze. Der Morholt traf Sagremor mit Dodinels Lanze in den Leib und stieß ihn vom Pferde; im Vorbeireiten aber rannte des Morholt Pferd mit solchem Ungestüm gegen das Sagremors, daß beide Pferde zu Boden fielen. Der Morholt sprang behende auf, zog sein Schwert und wandte sich gegen Sagremor, der sich schon erhoben hatte und ihn mit gezücktem Schwerte erwartete. Beide fochten nun zu Fuß, bis sie erschöpft waren und der Ruhe bedurften. Während einer Pause sagte der Morholt zu Sagremor: "Wenn es dir recht ist, hören wir auf, denn wir haben einer den andern wohl erprobt; weil du aber ein so tapferer Ritter bist, bitte ich dich, mir deinen Namen zu sagen". Sagremor war nicht wenig erfreut, denn er sah das Ende des Kampfes deutlich voraus, ließ es sich aber nicht merken. Er sagte zum Morholt: "Weil ich deine Tapferkeit und Kraft bewundere, bin ich bereit, deinem Wunsche zu entsprechen, ich tue es um so lieber, als du augenscheinlich der stärkere bist". Dann nannte sich Sagremor und auch die Namen seiner Gefährten. Als der Morholt hörte, daß alle fünf Ritter des Königs Artus waren, war (134) er sehr traurig. Er nahm seinen Helm ab, sagte seinen Namen und bat alle um Vergebung. Die Gefährten waren erfreut den Morholt kennen zu lernen und vergaben ihm gern, denn sie hatten ihn zuerst angegriffen. Der Morholt erzählte ihnen, was er von Gawain wußte, und verabschiedete sich dann. Die fünf Gefährten ritten nach einem in der Nähe befindlichen Schlosse und blieben dort bis ihre Wunden geheilt waren, der Morholt ging zu demselben Zwecke zu einem Einsiedler. Sobald er wieder reiten konnte, setzte er seinen Ritt nach Irland fort, wo er bei seiner Ankunft mit großem Jubel empfangen wurde. Acht Tage nach seiner Rückkehr kam Gaheriet zu ihm und blieb bei ihm, bis der Morholt nach Cornwall ging, um den Tribut zu holen, bei welcher Gelegenheit er von Tristan tötlich verwundet wurde.[74]

[1] Vgl. was ich über diese Hs. gesagt habe 1. in Romania, vol.
XXXVI, S. 378 und 2. in meiner Einleitung zu The Vulgate
Version of the Arthurian Romances, Washington 1908-1913, vol.
I, S. XXX, N. 2.

[2] Vgl. mit dem hier gesagten E. Wechsslers Ansichten über diese Hs,
in seiner Habilitationsschrift: Über die verschiedenen
Redaktionen des Robert de Borron zugeschriebenen
Graal-Lancelot-Zyklus, Halle a. S. 1895. 8°. S. 54-64.

[3] Auch in anderen dem späten XIV. und dem XV. angehörigen Hss. wird der Vulgat-Zyklus eine Geschichte Lancelots genannt.

[4] Die Prologe der drei erhaltenen Bücher, die von sehr geringem Wert und von keiner literarischen Bedeutung sind, hat E. Wechssler im Anhange zu seiner Arbeit gedruckt.

[5] In Romania, vol. XXXVI, S. 380, N. 1 habe ich, infolge
einer Verwechslung irrtümlicherweise gesagt, daß fols. 97d-100c
dem Lancelot entlehnt worden sind, während die ganze
Section fols. 84d-128b zur Trilogie gehört.

[6] Fol. 97, c und d. Vgl. die portugiesische Hs. fol. 100c. Da in dem
spanischen Druck zwischen den Kapiteln CXXXVI und CXXXVII der
Inhalt der fols. 51-103 des portugiesischen Textes fehlt, ist der
Tod des Baudemagus in demselben nicht erzählt.