Scheinbar hat Wechssler seine jüngere Kürzung C selbst nicht befriedigt, denn er sucht sie dadurch zu stützen, daß er sie von einer zweiten Trilogie des pseudo-Robert de Borron herleitet, die er "ältere Kürzung B" nennt, und die er folgendermaßen beschreibt:

I. Buch: Estoire del Saint Graal.

II. Buch: Die Huth-Hs. minus Joseph plus Hs. No. 112, fols. 22-58.

III. Buch: Portugiesische Hs. Wien.

Ich habe keine Ahnung, welcher Art die Estoire sein kann, die Wechssler's erstes Buch ausfüllen soll, das aber kann ich sagen, die in der Hs. zu Lissabon befindliche ist es nicht, und kann es nicht sein. Vielleicht glaubte Wechssler, daß diese Estoire die erweiterte Hippocrates-Episode[25] und die Abenteuer des Grimaud enthielt?

Aber auch mit der älteren Kürzung B ist Wechssler noch nicht zufrieden, er postuliert endlich noch eine "vollständige Redaktion A", einen sechsteiligen Graal-Zyklus, den er, zum Unterschiede von dem Vulgat- oder pseudo-Map-Zyklus, den Robert-Zyklus nennt und der nach ihm aus folgenden Branchen zusammengesetzt war: 1. Estoire, 2. Merlin, 3. Suite du Merlin, 4. Lancelot, 5. und 6. was die portugiesische Hs. in Wien enthält, d. h. anstatt einer einzigen Version der Trilogie des pseudo-Robert de Borron nimmt Wechssler eine Aufeinanderfolge von dreien an, deren erste unmöglich, deren zweite weder richtig noch vollständig und deren dritte auf einer unbegründeten und unbegründbaren Hypothese beruht.

Was hat Wechssler veranlaßt zu glauben, daß der Lancelot je mit der Suite du Merlin und dem dritten Buche der Trilogie in einem Graal-Zyklus zusammen existierte?

In erster Linie, ohne Zweifel, die Hs. No. 112, deren Schreiber aus beiden und außerdem aus dem Tristan und dem Guiron Le Courtois abschrieb, ohne auch nur den Versuch zu machen, sein heterogenes Material in Zusammenhang zu bringen. Diese Hs. überschätzte Wechssler und ließ sich durch dieselbe irre führen. Einen anderen Grund gibt Wechssler selber an, denn er sagt: "Der Lancelot hat diesem Zyklus sicher angehört: __denn die Suite [du] Merlin ist, wie G. Paris bewiesen hat, als Vorgeschichte zu ihm geschrieben worden__ (Huth- Merlin, Einleitung XXXVII); und ebenso setzt ihn [d.h. den Lancelot H. O.S.] die Queste voraus".

Es bedarf keines Beweises, daß der pseudo-Robert de Borron den Lancelot gekannt hat, daß er aber die Suite de Merlin als Vorgeschichte zu demselben geschrieben hat, konnte weder G. Paris, noch kann es Wechssler beweisen, noch würde der Beweis irgend einem andern Gelehrten gelingen, das muß jedem klar werden, der sich die Mühe geben will, beide zu lesen.

Die Galahad -Queste und Mort Artus, die das dritte Buch der Trilogie des pseudo-Robert de Borron bilden, setzen, wenn man will, Bekanntschaft mit dem Lancelot voraus, aber sie bedingen seine Gegenwart nicht. Das einzige, was man erwarten dürfte, wäre ein Bericht über die Geburt Galahads und über Percevals Ankunft an Artus' Hofe usw., denn beide werden in der Queste eingeführt, ohne daß je vorher von ihnen die Rede war. Dagegen aber läßt sich einwenden, daß die Trilogie kein Graal-Zyklus nach dem Muster des Joseph-Perceval-Lancelot-Zyklus oder des Vulgat-Zyklus ist, und daß auch andere wichtige dramatis personae wie Lancelot, Tristan, Erec, Palamedes usw. auftreten, ohne daß vorher von ihrer Herkunft die Rede ist. Der einzige andere Grund für Wechssler's Handlungsweise, den ich finden kann, ist ein Auszug aus dem Lancelot und zwar in ungekürzter Form, enthaltend die Stücke, die in denselben eingefügt wurden, als die Galahad -Queste an Stelle des Perceval -Queste trat; dieser Auszug ist in sechs Tristan -Hss.[26] und in Sir Thomas Malory's Le Morte Darthur[27] zu finden, in die letztere ist derselbe durch Vermittlung einer Tristan -Hs. gekommen. Von diesem Auszuge werde ich weiter unten noch zu reden haben.